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Los geht's

Das Gedächtnis Deutschlands

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Fast 700 Meter tief bohrt sich der Barbarastollen nahe Oberried bei Freiburg in den Fels. Hinter tonnenschwerem Schichten der Gesteine Granit und Gneis versteckt lagert das kulturelle Erbe Deutschlands - abgelichtet auf Mikrofilm.

Treten Sie ein und werfen Sie in dieser multimedialen Reportage einen Blick hinter die schweren Stahltore des Barbarastollens.

Von Thilo Bergmann und Christian Schellenberger

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16 Kilometer von Freiburg entfernt, oberhalb der idyllischen Gemeinde Oberried, schlängelt sich eine schmale Straße am Berg entlang. Die letzten Meter geht es auf einem Schotterweg weiter, bevor der Eingang zum Barbarastollen erreicht ist.

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Was hinter den dicken, aufwendig gesicherten Türen lagert, war lange nur wenigen Eingeweihten bekannt. In den 1960er Jahren, mitten im Kalten Krieg, hatte die Bundesrepublik Deutschland damit begonnen, Dokumente von kulturhistorischer Bedeutung auf Mikrofilm zu bannen. Ab 1975 wurden die Filme dann im Stollen eingelagert. Auch wenn das Geheimnis nun gelüftet ist - der Zutritt wird streng kontrolliert. Nur wenige Menschen kennen die Gänge und Räume im Berg - etwa Marianne Suntrup vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

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Wer den Stollen betritt, dem zieht modriger Geruch in die Nase. Konstante 10 Grad Celsius und 75 Prozent Luftfeuchtigkeit herrschen im Innern des Barbarastollens. Er ist das einzige Objekt in Deutschland, das dem Sonderschutz für Kulturgüter nach der Haager Konvention unterliegt. Deshalb gelten für ihn strenge Regeln und er ist besonders gesichert. Rund um den Stollen ist ein militärisches Sperrgebiet ausgewiesen.

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Mehr als 1500 Fässer befinden sich in den beiden mit Stahltüren gesicherten Lagerräumen. Darin schlummern die kulturellen Schätze Deutschlands auf jeweils 21 Kilometern Mikrofilm pro Fass. Das reicht für mehr als 670.000 Aufnahmen. Würde man alle eingelagerten Mikrofilme aneinanderreihen, reichten sie rund ein dreiviertel Mal um die Erde.

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Mehr als eine Milliarde Aufnahmen lagern inzwischen tief im Schwarzwald, jedes Jahr kommen 20 bis 40 Millionen neue hinzu. Mit Ausnahme des Grundgesetzes sind alle Dokumente mehr als 70 Jahre alt. "Weil erst mit einem gewissen Abstand die historische Bedeutung wirklich eingeschätzt werden kann", erklärt Marianne Suntrup. 

Doch wie behält man in diesem Mega-Archiv den Überblick? Dafür ist jedes  Dokument mit einer eindeutigen Kennung versehen. Und jede Tonne enthält ein Findbuch - also eine Art Inhaltsverzeichnis.

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Seit fast 60 Jahren werden die wichtigsten Dokumente, die seit Beginn der schriftlichen Überlieferung im heutigen Deutschland entstanden sind, systematisch auf Mikrofilm erfasst. Die Baupläne des Kölner Doms, die Ernennungsurkunde Adolf Hitlers zum Reichskanzler oder das Grundgesetz - die wichtigsten Schriften deutscher Kultur der vergangenen Jahrhunderte sollen so für die Zukunft erhalten bleiben.

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Anders als auf CDs oder Festplatten sind die auf einem Mikrofilm gespeicherten Informationen mit bloßem Auge oder einer Lupe lesbar. Das macht sie von technischen Entwicklungen unabhängig und - wenn sie richtig gelagert werden - auch noch lange in der Zukunft lesbar. Zudem bedarf es keiner ausgeklügelten, teuren und fehlerhaften Technologie, um die Informationen zu speichern. Die Experten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rechnen mit einer Haltbarkeit von rund 500 Jahren, eher sogar noch länger. Damit das so bleibt, sind die Behälter luftdicht verschlossen - bei einer konstanten Luftfeuchtigkeit von 35 Prozent und 10 Grad Celsius im Inneren der Tonnen.

Tatsächlich werden in regelmäßigen Abständen einige der 80 Zentimeter hohen Behälter geöffnet, um den Zustand der Filme zu überprüfen - bisher mit gutem Ergebnis.

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Im Barbarastollen sind auch die Mikrofilm-Abbildungen einiger wichtiger Dokumente aus dem Südwesten eingelagert.

In dieser Urkunde aus dem 16. Jahrhundert legen der Bürgermeister und der Rat der Stadt Lindau ihre Streitigkeiten mit Johann von Königsegg zu Achberg über den Besitz von Ländereien bei.

"Was innerhalb der Marken gegen
Lindau zu liegt, soll zu der Stadt Lindau gehören, was außerhalb der Marken gegen Achberg zu liegt, soll dem Johann von Königsegg gehören."

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Drei Millionen Euro kostet das Gedächtnis tief im Berg jedes Jahr den Steuerzahler. Über dessen Sinn und Unsinn ist in der Vergangenheit schon viel gestritten worden. "In Friedenszeiten wird häufig nach der Notwendigkeit gefragt", sagt Suntrup.

Seitdem 2009 das Kölner Stadtarchiv eingestürzt ist, hat sich die Debatte jedoch beruhigt. Damals schien der Ernstfall für den Barbarastollen gekommen. Weil das Stadtarchiv jedoch eigene Sicherheitskopien angefertigt hatte, konnten die Filme letztlich im Berg bleiben.

Fälle wie dieser oder der verheerende Brand in der Herzogin- Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, bei der zahlreiche historische Dokumente zerstört wurden, aber zeigen: Deutschlands kulturelles Gedächtnis hat seine Berechtigung.

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Und weil der Lagerort so wichtig ist, werden auch künftig neue Fässer nach Oberried gebracht. Platz ist dafür noch reichlich vorhanden in den beiden 50 Meter langen Lagerräumen, die von einer 200 Meter dicken Gesteinsschicht überdeckt werden.

Was künftig als bedeutend eingestuft wird, ist ungewiss. Sind es die Verträge der Europäischen Union? Die Ernennungsurkunden von Bundeskanzlern? Die Entscheidung liegt allein in der Hand von Historikern, Verwaltungs- und Kulturwissenschaftlern. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sorgt dann dafür, dass die Archivalien sicher verwahrt werden.

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Text 
Thilo Bergmann, Christian Schellenberger

Video und Produktion
Christian Schellenberger

Fotos 
Thilo Bergmann, dpa

Musik
'Flight Hymn' by Ross Bugden 

Verantwortlich

Yannick Dillinger

Kontakt
www.schwäbische.de
Karlstraße 16
88212 Ravensburg
Telefon: 0751 / 2955 5555
online@schwaebische.de

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