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Die Bodensee-Autobahn

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Von den einen jahrzehntelang sehnlichst herbeigewünscht, von den anderen als unnötiges und zu teures Projekt abgetan: Die A98 zwischen Singen und Lindau ist ein Musterbeispiel für eine umstrittene Verkehrsplanung. Die Bodensee-Autobahn sollte am nördlichen Seeufer von Stockach über Überlingen und Meersburg bis nach Friedrichshafen führen.

Sie war als Teilstück der geplanten A98 vom badischen Lörrach bis zum oberbayerischen Irschenberg gedacht, die zugleich das Verbindungsstück zur geplanten bayerischen Voralpen-Autobahn sein sollte. Für viele Autofahrer, die auf der B31 [hier im Video] zwischen Stockach und Lindau regelmäßig im Stau stehen, bleibt die nie gebaute Autobahn ein Reizthema.

Ein multimedialer Rückblick auf eines der umstrittensten Bauprojekte am Bodensee von Simon Siman und Andrea Pauly

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B 31 stau lix
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Schon 1938 findet sich eine Trasse am Nordufer des Bodensees im Netz der geplanten Reichsautobahnen. Doch die vorgesehene Strecke gerät in Vergessenheit - vorerst. In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren herrscht eine regelrechte Autobahn-Euphorie in Deutschland. Die Politik plant ein riesiges Netz an verschiedenen Schnellstraßen. Auch von einer Autobahn am deutschen Bodenseeufer ist nun wieder die Rede. Ausgangspunkt ist eine Entscheidung, die zehn Jahre zuvor gefallen ist: 

1960: Das Regierungspräsidium Südbaden soll eine Verbindungsstraße zwischen dem Raum Freiburg/Basel und Bodensee prüfen. Ein Gutachter schlägt zwei Trassenführungen vor: Die nördliche Variante führt von Stockach an Winterspüren vorbei durch das Billafinger Tal und umgeht Salem im Norden Richtung Bermatingen. Markdorf soll im Süden umfahren werden.
Die seenahe Variante sollte durch das Nesselwanger Tal führen, nördlich des Neuweihers entlang, und den Tülfinger Wald südlich zwischen Mühlhofen und Oberuhldingen umgehen. Anschließend sollte die Trasse südlich von Grasbeuren und Ahausen verlaufen.

1964: Die Gutachter empfehlen den südlichen Trassen-Verlauf, um die bestehende B31 am Ufer zu entlasten. Im Konzept ist vorgesehen, dass die Schnellstraße vom Schwarzwald bis zum Bodensee bereits bis 1972 befahren werden soll.

1965:  Die Gesamtstrecke wird in den Generalverkehrsplan des Landes Baden-Württemberg aufgenommen. 

1970: Im Ausbauplan für die Bundesfernstraßen taucht die Bodensee-Autobahn erstmals unter dem Namen A22 (später A98) auf. Die Abschnitte der Bodensee-Autobahn werden mit unterschiedlicher Wichtigkeit eingestuft. Die Teilstrecke zwischen Singen und Überlingen bekommt die höchste Dringlichkeitsstufe. Zwischen Überlingen und Esseratsweiler dagegen kann aus Sicht der Planer erst später mit dem Straßenbau begonnen werden.

1975: In der Fortschreibung des Bedarfsplans werden die Prioritäten für den Bau der Bodensee-Autobahn als Teil der A98 neu definiert und abgestuft. Konkret heißt das: Für die ausufernden Planungen der 1960er Jahre ist kein Geld da. Die Regierung entscheidet, 30 bis 40 Prozent der geplanten neuen Autobahn wieder zu streichen. 




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Der Politiker Rudolf Bindig kämpfte gegen die A98

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Der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Bodensee-Kreis, Rudolf Bindig, spielte als Mitglied des Verkehrsausschusses eine Schlüsselrolle im jahrelangen Kampf der Gegner und Befürworter der Autobahn.

Der Sozialdemokrat musste er sich damals entscheiden: pro A98 oder pro Umgehungsstraße für die B31? Er entschied sich gegen die Bodensee-Autobahn. Das führte zu teils heftigen Reaktionen.

Klicken oder tippen Sie auf den Play-Button, um seine Erinnerung zu hören. 

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Eine Entscheidung mit Folgen

Rudolf Bindig erinnert sich im Video an die Reaktionen der Menschen auf seinen Widerstand gegen die A98 und erklärt, warum er damals die Entscheidung traf.

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Wer in den 1970er Jahren seine Zustimmung für die Bodensee-Autobahn zeigen wollte, klebte einen bunten Sticker auf sein Auto: „Bodensee-Autobahn - Ja“ steht auf dem Aufkleber. Der 33-jährige Hobby-Grafiker Christian Gleinser aus Friedrichshafen war während der emotionalen Debatte um die Autobahn noch nicht geboren. Doch für seinen Oldtimer-begeisterten Bruder und dessen Sammlung alter Busse und VW-Käfer wollte er den berühmt-berüchtigten Auto-Aufkleber wieder aufleben lassen. Für die ganze Geschichte zum Kultsticker klicken Sie hier. 
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In der Region tobt ein Kampf um die geplante Autobahn. Gegner und Befürworter streiten leidenschaftlich um das Projekt.  

1978:
Die Gemeinde Überlingen stimmt im Bürgerentscheid mit 70 Prozent (5033 Stimmen) gegen eine seenahe Autobahn.

1979: Befürworter der Bodensee-Autobahn, darunter 19 von 23 Gemeinden des Bodenseekreises, gründen die  „Aktionsgemeinschaft A98“. Gleichzeitig organisieren sich die Gegner der Autobahn in mehreren Bürgerinitiativen entlang des Nordufers. 

1980: Der Streit in der Region ist der Regierung in Bonn nicht verborgen geblieben. Und so bedient sie sich eines Kniffs: Sie nimmt die Bodensee-Autobahn als „nicht entscheidungsreif“ aus dem Bedarfsplan. Stattdessen soll die B31 am Bodenseeufer neue Umgehungen enthalten und ausgebaut werden.

1985: Der Ministerrat entscheidet sich gegen die Bodensee-Autobahn. Eine zusätzliche Bundesstraße zwischen Stockach und Lindau zur B31 bei Eriskirch ist ihm wichtiger. Das ist auch der Standpunkt des Innenministeriums. Die  Voralpenautobahn in Bayern ist zu diesem Zeitpunkt schon aufgegeben. Die Bedeutung der Bodensee-Autobahn als Lückenschluss zwischen Ost und West fällt damit weg. 

Die A98 spielt seither im Bedarfsplan für den Bundesverkehrswegeplan keine Rolle mehr. 

Wer in den 1970er Jahren seine Zustimmung für die Bodensee-Autobahn zeigen wollte, klebte einen bunten Sticker auf sein Auto: „Bodensee-Autobahn - Ja“ steht auf dem Aufkleber. Der 33-jährige Hobby-Grafiker Christian Gleinser aus Friedrichshafen war während der emotionalen Debatte um die Autobahn noch nicht geboren. Doch für seinen Oldtimer-begeisterten Bruder und dessen Sammlung alter Busse und VW-Käfer wollte er den berühmt-berüchtigten Auto-Aufkleber wieder aufleben lassen. Für die ganze Geschichte zum Kultsticker klicken Sie hier. 
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Die beiden Karten aus dem Bundesverkehrsministerium zeigen die Planungen aus dem Jahr 1975 und aus dem Jahr 1980. Darin ist deutlich zu erkennen, dass die A98 am Nordufer des Bodensees zwischen Überlingen und Lindau nie im vordringlichen Bedarf war, sondern immer im nachrangigen. Das bedeutet, der Bau stand nie unmittelbar bevor.

Nach fünf Jahren ist die Autobahn gar nicht mehr im Bedarfsplan eingezeichnet. Stattdessen sollen schnellstmöglich Umgehungen an der B31 gebaut werden, im späteren Plan markiert durch die roten Bögen an der B31.

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Martin mahle
Martin Mahle, Autor und A98-Befürworter
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Die Bodensee-Autobahn hat den Krimiautor und gebürtigen Lindauer Martin Mahle sein Leben lang beschäftigt. Er widmete dem Projekt eine verkehrspolitische Denkschrift: „Das Phantom – Die Bodensee-Autobahn A98“ heißt das Buch, in dem er sich Gedanken darüber macht, wie das Verkehrsprojekt vielleicht doch noch umgesetzt werden könnte.
Seine Forderung: Eine unterirdische Autobahn von Lindau bis Stockach. Simon Siman hat mit ihm gesprochen. 

Warum hat Sie das Thema Bodensee-Autobahn so umgetrieben, dass Sie ihr eine verkehrspolitische Denkschrift gewidmet haben?

Mahle: Ich bin gebürtiger Lindauer und habe dort bis zu meinem 25. Lebensjahr gelebt. Meine Schwiegermutter lebt in Langenargen. Ich kenne die Verkehrssituation seit meiner frühen Kindheit und weiß um die katastrophalen Verhältnisse auf den Straßen in der Region – nicht nur für Autofahrer, sondern auch für die Radler, die an der Bundesstraße entlangfahren. Die gesamte Verkehrssituation entlang des Bodensees ist katastrophal. Die Projekte, die dort angegangen werden, sind nur Kleinkram und helfen alle nicht. Alleine der Stau zu den Messe-Zeiten ist unerträglich.

Warum sind die Hürden in der Region für einen Autobahn-Bau so hoch?

Mahle: Wir sprechen ja nur von dem Teilstück von Lindau nach Stockach. Ende der 1960er Jahre war der Bedarf von der Verkehrssituation her offenbar nicht so groß wie heute. Mit der Zeit wurde das Thema dann durch alle Fachkongresse und politischen Diskussionen hindurch zerredet. Dann ist die Zersiedelung der Landschaft enorm stark fortgeschritten. Um eine oberirdische Autobahn zu bauen, müsste man heute Enteignungsmaßnahmen durchführen. Das ist alles unmöglich. Für mich ist es mittlerweile undenkbar, dass eine oberirdische Autobahn gebaut wird.

Gibt es denn eine Alternative?

Mahle: Die bestehende Alternative ist die B31, über die man oft nur sehr zähflüssig von Lindau nach Stockach kommt. In der Mitte der Strecke, bei Friedrichshafen, führt der Weg durch die Stadt. Für mich wäre die einzig denkbare Lösung eine unterirdische Autobahn, für die ich im Buch auch argumentiere.

Wie soll das aussehen?

Mahle: Nördlich von Lindau müsste man sich durchgraben bis Stockach. Das Gestein und die Geologie lassen dies problemlos zu. An manchen Stellen müsste aufgrund der Gewässer sicherlich 20 bis 30 Meter tiefer gebohrt werden, aber das ist technisch alles möglich. Die Schweizer haben den Gotthard-Tunnel gebohrt. Die Österreicher sind noch am Brennertunnel dran. Es gibt viele real existierende Beispiele für gelungenen Tunnelbau. Ich habe die Kosten dafür auf etwa vier Milliarden Euro geschätzt und mich dabei an Referenzwerten ähnlicher Bauprojekte orientiert.

Glauben Sie, dass das Projekt  aufgegriffen wird?

Mahle: Ich habe keine Hoffnung, dass noch mal etwas gebaut wird. Der Projekt-Umfang ist zu teuer. Man braucht Zuschüsse von Bund und Land und die verantwortlichen Politiker haben offenbar kein Interesse mehr an dem Projekt - oder zu viel Angst. Im Bundesverkehrswegeplan spielt die Bodensee-Autobahn seit Jahren keine Rolle mehr. Von Freiburg bis Singen wird ein autobahnähnliches Teilstück in der Planung erwähnt, aber mehr auch nicht. Der Abschnitt der Bodensee-Autobahn bleibt das größte Sorgenkind.

Martin Mahle: Das Phantom – die Bodensee-Autobahn: Eine verkehrspolitische Denkschrift, 2016, ISBN: 978-53762-025-1

Martin mahle
Martin Mahle, Autor und A98-Befürworter
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Die Streichung der A98 aus dem vordringlichen Bedarf war nicht die einzige Trassenplanung, die in den 1980er Jahren endete. Auch andere Schnellstraßen in der Region waren vorgesehen, wurden aber nie gebaut - darunter Autobahnen zwischen Stuttgart und Ravensburg und zwischen Memmingen und Riedlingen. 

Die Luftaufnahme zeigt das Autobahndreieck Neu-Ulm: das einzige Autobahndreieck Deutschlands ohne Autobahnen. Denn anders als bei der Bodenseeautobahn fielen andernorts auch Bauprojekte dem Rotstift zum Opfer, die schon deutlich weiter fortgeschritten waren. 

Hier erfahren Sie mehr darüber.

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Wer in den 1970er Jahren seine Zustimmung für die Bodensee-Autobahn zeigen wollte, klebte einen bunten Sticker auf sein Auto: „Bodensee-Autobahn - Ja“ steht auf dem Aufkleber. Der 33-jährige Hobby-Grafiker Christian Gleinser aus Friedrichshafen war während der emotionalen Debatte um die Autobahn noch nicht geboren.

Doch für seinen Oldtimer-begeisterten Bruder und dessen Sammlung alter Busse und VW-Käfer wollte er den berühmt-berüchtigten Auto-Aufkleber wieder aufleben lassen.

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Texte:
Andrea Pauly und Simon Siman

Fotos:
Andrea Pauly
Michael Mahle
Roland Rasemann
dpa
privat

Videos:
Andrea Pauly

Karten: 
Rudolf Bindig

Verantwortlich:
Yannick Dillinger
Copyright: Schwäbische Zeitung 2018 - alle Rechte vorbehalten

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Übersicht

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Kapitel 1 Eine Trasse, die nie gebaut wurde

Die Bodensee-Autobahn

A98 karte1975
Kapitel 2 Chronik, Teil I

Wie alles begann

2017 05 21  002  gesamtansicht richtung westen
Kapitel 5 Der Visionär

Martin Mahle hat eine Idee

Einhorntunnel schwgm%c3%bcndl dpa
Kapitel 6 Gescheiterte Projekte

In guter Gesellschaft

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Kapitel 8 Impressum

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