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Serbien und die Flüchtlinge

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 Zuletzt flohen Jugoslawen während der Kriege in den 1990er-Jahren, jetzt fliehen Menschen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia oder dem Irak auf der Balkanroute in Richtung Westeuropa.

Serbien ist Haupttransitland und besonders solidarisch mit den Flüchtlingen. Der EU-Beitrittskandidat zeigt, dass es europäischer handelt als so mancher Mitgliedstaat. Das Land erntet Lob für seine große Hilfsbereitschaft – auch aus der Bundesrepublik. Allein in diesem Jahr durchquerten mehr als eine halbe Million Flüchtlinge Serbien.

Manche von ihnen leben nun in den Heimen von Ellwangen, Weingarten oder Sigmaringen.

Doch nicht nur das erklärte Ziel, Mitglied der Europäischen Union zu werden, treibt die Serben an, den notleidenden Menschen zu helfen. Was zurzeit auf dem Balkan geschieht, erinnert die Serben an ihre eigene Geschichte. Rund 700 000 Serben mussten in den 1990er-Jahren ihre Heimat in Bosnien, Kroatien, Slowenien und Kosovo verlassen.

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Das erzählt Vesna Markovic. Die 32-Jährige mit den rot gefärbten Haaren ist eine von Hunderten freiwilligen Helfern, die die Flüchtlinge unterstützt und war selbst einmal Flüchtling. Vor 20 Jahren musste sie mit ihrer Familie ihre Heimatstadt Tuzla im muslimischen Teil von Bosnien und Herzegowina verlassen, weil sie Serben sind. Die Familie habe sich in den Wäldern versteckt, aber einige Leute hätten ihnen geholfen. Mit Bussen seien sie nach Serbien gefahren. „Genau das Gleiche passiert heute, nur fahren sie mit den Bussen an die kroatische Grenze. Wir Serben wissen alle, was es bedeutet, von einem auf den anderen Tag alles zu verlieren. Die Leute in Serbien haben selber nicht viel zum Leben, aber sie kommen in die Parks von Belgrad, geben Kleider und Lebensmittel. Seit langer Zeit kann ich wieder mit Stolz sagen, dass ich Serbin bin.“

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http://www.nshc.org.rs/ Die Parks rund um den Busbahnhof sind zu einer Zeltstadt geworden. Gras wächst hier schon lange nicht mehr. Vesna Markovic und weitere Helfer verteilen Stofftaschen mit Lebensmitteln, Pflastern, Wasser, Erdnüssen und Hygieneartikel für Frauen und Babys.

Die Hilfsorganisation Care arbeitet seit 1993 auf dem Balkan. Schon damals half sie den Opfern des Jugoslawienkrieges. 2015 arbeitet Care zusammen mit der Organsiation „Novosadski Humanitarni Centar“ (NHC) in Novi Sad wieder mit Flüchtlingen auf dem Balkan. Jeden Tag sind die Hilfseinsätze woanders – immer dort, wo es gerade brennt. Sei es an den Grenzen oder auch in Belgrad am Busbahnhof.


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Ärzte, Psychologen und Krankenschwestern kümmern sich um die Menschen. Sie alle engagieren sich freiwillig.

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Tijana Eror ist Psychologin des serbischen „International Aid Network“. Zusammen mit einem Übersetzer geht sie durch die Parks.

„Meistens brauchen die Flüchtlinge Schmerzmittel, Antibiotika und Bandagen. Sie sehen uns und kommen auf uns zu“, berichtet sie.

Währenddessen versorgt ihre Kollegin mit Mundschutz einen jungen Mann. Sie schaut sich seine Füße an, verbindet sie und gibt ihm Medikamente. „Viele brauchen psychologische Hilfe, weil sie traumatisiert sind von dem, was sie auf der Flucht oder in ihrer Heimat erlebt haben. Manche brauchen auch einfach jemanden, dem sie ihre Geschichte erzählen können“, sagt Eror.


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Am Brunnen waschen sich die jungen Männer und bereiten sich auf die nächste Etappe ihrer Reise nach Westeuropa vor. Alle wollen sie nach Deutschland.

Seit fünf Tagen ist der 20-jährige Ali Ahmadi aus Afghanistan schon in Belgrad. Es fällt ihm schwer, seine Augen offen zu halten. Er ist erschöpft von seiner wochenlangen Flucht. Zum ersten Mal kann er hier durchatmen.

Ahmadi reiste von Bulgarien aus nach Serbien ein. „Es war schrecklich. Die Polizisten haben uns angeschrien, manche haben auch geschlagen. Es war furchtbar dort“, erzählt er. Das Gleiche hätten ihm andere Flüchtlinge von Mazedonien berichtet. „Die Serben sind gute Menschen, sie helfen uns. Es geht uns gut hier“, sagt er.

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"Aus unserer Stadt Belgrad. Trinkwasser" steht in kyrillischen Buchstaben auf dem Tanklastwagen.
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An den zwei Tanklastern mit Trinkwasser der Stadt Belgrad bilden sich Schlangen. Mobile Toiletten-Häuschen säumen den Weg in die Parks, Wach- und Reinigungspersonal patrouilliert Tag und Nacht. Viele erleben diese Art von Hilfe auf ihrer Flucht zum ersten Mal, erzählen die Flüchtlinge.

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"Aus unserer Stadt Belgrad. Trinkwasser" steht in kyrillischen Buchstaben auf dem Tanklastwagen.
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In ganz Serbien gibt es noch Aufnahmelager für Flüchtlinge aus Zeiten der Jugoslawienkriege. Eines davon ist Krnjaca, etwa zwölf Kilometer nördlich der serbischen Hauptstadt. Gebaut wurde es 1992 für mehr als 1000 Menschen. Noch immer leben in Krnjaca 190 serbische Flüchtlinge aus den 1990er-Jahren, jetzt kommen neue dazu.

24 Jahre nach dem Ausbruch des Krieges in Jugoslawien leben immer noch 35 000 Serben mit Flüchtlingsstatus, die Serbien unterstützt. In den 18 Aufnahmelagern im Land, wie die Baracken von Krnjaca, können sie kostenlos wohnen, bekommen Essen, Kleidung und medizinische Versorgung.

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Der 32-jährige Duro Zezelj sitzt zusammen mit Kahramaan Fahiim, 18 Jahre und aus Somalia, an einem Tisch und schaut Internetvideos an.

Der Somali ist einer von nur 19 Flüchtlingen aus Afrika und dem Nahen Osten, die hier leben. Im Schnitt will nur einer von 50 Flüchtlingen, die nach Krnjaca kommen, in Serbien bleiben. Kahramaan Fahiim will bleiben. „Mir geht es gut hier. Und wir sind Freunde geworden“, sagt Kahramaan Fahiim auf Serbisch und legt seinen Arm um Duro Zezelj. Sie lachen.

Als 12-jähriger Junge musste Duro Zezelj seine Heimatstadt Knin in Mittel-Dalmatien (Kroatien) verlassen. Damals, im August 1995, eroberte die kroatische Armee mit der Großoffenive Operation Sturm das Gebiet der selbsternannten „Serbischen Republik Krajina“ zurück, tötete 1000 Zivilisten und vertrieb rund 200 000 Serben. „Es wurde geschossen und gekämpft. Wir haben alles verloren“, sagt der 32-Jährige.

Bis heute hat die serbische Regierung 16 114 Unterkünfte für die Vertriebenen wie Duro Zezelj geschaffen. Bald kann auch er mit seinen Eltern in eine Sozialwohnung einziehen. Er sei darauf angewiesen, sagt er. "Eine Arbeit in Serbien zu finden, ist schwierig, weil ich nur noch ein Bein habe."

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Vladimir Sjekloca, der Leiter des Informationszentrums für Asylbewerber in Belgrad
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„Sie wollen alle in der Nähe der Busse bleiben – selbst bei Regen und Kälte“, sagt Vladimir Sjekloca, der Leiter des Informationszentrums für Asylbewerber in Belgrad.

Unweit des Busbahnhofs eröffnete  das Büro in der Straße Nemanjina, als im August der Flüchtlingsstrom auf der Balkanroute immer stärker wurde. „Hier bekommen die Flüchtlinge korrekte Informationen“, sagt Sjekloca. „Wir haben nämlich festgestellt, dass die Flüchtlinge keine richtigen Informationen haben – weder über das Asylsystem in Serbien, über die politische Lage in Europa oder die Fluchtrouten.“

Das Informationszentrum wird von der Stadt Belgrad, internationalen Spendengeldern und der adventistischen Kirche finanziert. Die Räume sind neu, es gibt Computer, freies WLAN und eine Kleiderkammer im Keller.

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Vladimir Sjekloca, der Leiter des Informationszentrums für Asylbewerber in Belgrad
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So sind die Flüchtlinge in den Belgrader Parks zu einer leichten Beute für Schleuser geworden. Denn es sind die Schlepper, die diese falschen Informationen streuen.
„Jeden Tag kundschaften 20 bis 30 Schleuser die Parks aus. Sie erzählen den Menschen, dass sie den Hilfsorganisationen nicht trauen sollen, sich nicht mit ihnen unterhalten sollen, weil sie sonst ins Gefängnis kommen oder was auch immer“, berichtet Sjekloca. Und tatsächlich: Das Misstrauen ist groß. Wer in den Parks unterwegs ist, findet kaum jemanden, der etwas von sich preisgibt.

„Teilweise erzählen die Schleuser von Villen, die Deutschland für Asylbewerber baue. Dass aber sogar in Deutschland die Flüchtlinge in Containern, Hallen oder Zelten leben, weiß hier niemand.“

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Das Team des Infozentrums trägt sich vor allem durch die vielen Freiwilligen, die ehrenamtlich mitarbeiten.
Sie gehen in die Parks und halten nach Kranken und Schwachen Ausschau, schicken sie in die Aufnahmelager, wo sie sicher sind. Dazu haben sie auch Übersetzer für Arabisch, Urdu oder Persisch im Einsatz.

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Neben der großen Hilfe machen einige Serben auch Geschäfte mit den Flüchtlingen, sei es illegal als Schleuser oder ganz legal als Geschäftsmann. Die Geschäfte rund um den Busbahnhof machen Werbung auf Arabisch: Restaurants, die halal kochen, Busunternehmen, die auf Arabisch Fahrten an die kroatische Grenze bewerben oder auch Friseursalons sowie Hostels und Hotels für die besser betuchten Flüchtlinge.

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Die Krise bleibt, Serbien will weiterhin helfen. Doch seit den Anschlägen in Paris im November und den Grenzschließungen von Ungarn und Slowenien hat sich die Lage verändert. Bisher wurden die Flüchtlinge problemlos registriert und einfach durch das Land gewunken. Doch jetzt sind bereits die ersten an der serbisch-mazedonischen Grenze zurückgewiesen worden.

Doch die Solidarität der serbischen Zivilgesellschaft ist ungebrochen.

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