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Auf Tuchfühlung mit Indien

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Besucher nehmen Platz auf dem Sofa am Ende des schlauchförmigen Saales. Auf beiden Seiten lagern rot, grün und blau leuchtende Stoffe in breiten Regalen, unter der hohen Decke hängen Patchworkteppiche und auf dem Boden stapeln sich Saris, Kaschmirschals und Seidentücher. Hier, im Vorführsaal eines Textilwarenhauses in Jodhpur, gewährt Indien dem Reisenden einen Moment der Ruhe abseits des öffentlichen Trubels, Marktgeschreis und Straßenlärms.

Wer mit Indien auf Tuchfühlung gehen will, der muss einen solchen Ort der Ruhe in sich selbst finden, um das unaufhaltsame Chaos, das permanent um einen herum tobt, bewältigen zu können.

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Der 29-jährige Suresh Jain – schwarze Hose, schwarze Haare, weißes Hemd – ist einer von fünf Brüdern und führt in vierter Generation eines von drei Warenhäusern in Jodhpur. Zusammen mit einem Gehilfen breitet er mit eingeübten Handgriffen vor unseren Augen eine Tagesdecke nach der anderen aus. Obwohl er jedes Stück schon mehrere hundert mal vorgeführt haben muss, sprudelt noch immer die Hingabe aus ihm heraus. "Mir macht es mehr Spaß, Textilien vorzuführen", sagt Suresh, "als sie zu verkaufen".

Ungewöhnlich. Denn so gut wie alle Händler, denen wir auf Basaren in Indien begegnen, vermitteln den gegenteiligen Eindruck: Sie wollen einem alles andrehen, völlig gleich, um was für einen Ramsch es sich handelt. Hauptsache, es kommt zu einem Geschäft.

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Jain ist nicht nur Sureshs Familienname, sondern auch seine Religion. "Jainisten glauben an Karma", erlärt er, "wir wollen unseren guten Ruf nicht für schnelles Geld aufs Spiel setzen". Bei ihm solle Qualität das entscheidende Argument sein. Das habe sich mittlerweile bis in den Westen herumgesprochen, weshalb heutezutage auch Europäer zu seinen Kunden zählen. Auf diese Geschäftsbeziehungen habe er sich erst einmal einstellen müssen: "Wenn Europäer sagen, dass etwas in drei Tagen erledigt sein muss, dann muss es in drei Tagen erledigt sein", sagt der Textilhändler achselzuckend. "Indien ist komplett anders."

Suresh bringt die Erlebnisse unserer dreiwöchigen Reise durch Indien auf einen Punkt: "India is completely different."

Doch unsere Reise beginnt nicht bei Suresh in Jodhpur, sondern eine Woche zuvor, und zwar in Mumbai.

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Wir sind das erste Mal in Indien und landen frühmorgens in Mumbai. Wir haben uns dafür entschieden, Indien mit dem Rucksack
zu erkunden und in günstigen Unterkünften und Nachtzügen zu schlafen. Ein guter gemeinter Rat für Backpacker: Immer einen Stift zur Hand haben und die Adresse der nächsten Unterkunft griffbereit. Wer Deutschland für bürokratisch hält, kennt Indien noch nicht. Indien ist der Endgegner für jeden Bürokraten.

Zwei Dinge haben wir in Mumbai unterschätzt: Die Luftfeuchtigkeit und den Geruch. In Indien riecht es überall permanent. Und es ist nicht möglich dem zu entfliehen. Und auch in drei Wochen gewöhnt sich die Nase nur wenig daran.

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Als drittes stellen wir fest, dass es ziemlich viele Menschen in Indien gibt. Nun, uns war ja klar, dass in Indien über 1,2 Milliarden Menschen leben, aber wir haben nicht damit gerechnet, dass die allesamt in Mumbai leben. Zumindest fühlt sich das so an. Überall – auf jeder Straße, in jeder Gasse, auf jedem Platz – wimmelt es nur so vor Menschen. Es wimmelt nicht nur an den Sehenswürdigkeiten, wo es zu erwarten wäre, wie dem Triumphbogen "Gateway of India" beim Nobelhotel "Taj Mahal", nein, es wimmelt auch in jeder noch so kleinen Seitenstraße.

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Es liegt wohl nicht nur an der Luftfeuchtigkeit, dass in Mumbai alles verfallen wirkt. Was hier zählt, ist ein Dach über dem Kopf zu haben, das vor dem Monsum schützt. Alles andere wird improvisiert: Fenster, Klimaanlage, Stromversorgung. Wer in festen Wänden lebt, ganz gleich wie diese aussehen, muss dankbar sein. Unzählige Familien mit kleinen Kindern schlafen unter Brücken neben der Schnellstraße, eine festgeklebte Plane ist da schierer Luxus. Der Großteil des Lebens findet in Indien auf der Straße statt. Inder verbringen mehr Zeit in Gesellschaft als allein.

Gleichzeitig steigert die Allgegenwart der Menschen das Sicherheitsgefühl. Selbst, als wir unversehens durch das Rotlichtviertel laufen, macht uns das wenig aus.

Nur der Lärm – das unablässige Hupen von Taxis, Mopeds und Rickschas und die ständigen Rufe von Handkarrenschiebern – der zehrt an unseren Nerven.

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Zwei Tage reichen wohl kaum aus, um Mumbai ausführlich zu erkunden. Aber uns reicht es, wir haben genug gesehen. Wir wollen weiter.
Als Einstieg wollen wir Mumbai niemandem empfehlen, vor allem nicht kurz nach dem Monsun. Alle fünf Sinne laufen dann  Gefahr, an einer sensorischen Überdosis zu erkranken.

Wir nehmen den Nachtzug nach Ahmedabad. 2400 indische Rupien für zwei Personen, was etwa 33 Euro entspricht, für 500 Kilometer Strecke. Wir schlafen in einem offenen Abteil mit sechs Pritschen in einem klimatisierten Wagen. Indien ist riesig. Um keine Zeit zu verlieren, legen wir weite Wege schlafend zurück, sozusagen im Hotel mit Reisefunktion. Die Bettlaken sind sauber. Danke. Das ist nämlich nicht selbstverständlich in Indien. Angedachte Ankunft um halb sieben in der Frühe.

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Zugfahren ist in Indien eine recht komplexe Angelegenheit. Es gibt ein Wartelistensystem mit drei bestätigten Kategorien (1. bestätigt und Platz zugewiesen; 2. bestätigt und kein Platz zugewiesen; 3. bestätigt und Warteliste) und fünf unbestätigten Kategorien, die sozusagen Wartelisten für die Warteliste sind. Deren Priorität hängt davon ab, ob man von der Start- bis zur Endhaltestelle fährt oder vom Start bis irgendwo in der Mitte oder von irgendwo in der Mitte bis zum Ende oder von irgendwo in der Mitte bis irgendwo in der Mitte. Und dann gibt es noch eine Abschnittskategorie, die uns bislang niemand verständlich machen konnte.

Wer auf den hinteren Wartelisten steht, muss zum Bahnhof gehen und auf die dort ausgedruckten Listen schauen, ob er mitfahren darf oder nicht. Zweimal trifft
es auch uns, dass wir nicht mitfahren durften. Glücklicherweise geben mittlerweile Apps früh genug Auskunft über die Position auf der Warteliste.

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Wir erreichen Ahmedabad. Nach dem unterkühlten Zug schlägt uns bereits um sieben Uhr morgens die Hitze ins Gesicht. Und noch bevor wir den Bahnhof verlassen können, hängt schon der erste Taxifahrer an unseren Fersen. Das ist unangenehm, lässt sich aber nicht ändern. Es gibt einfach zu viele Taxi- und Rikschafahrer, so dass immer ein paar von ihnen am Bahnhof herumlungern und darauf warten, bis Reisende vorbeischneien, die aussehen, als hätten sie genug Geld für eine teure Taxifahrt.
In Indien ist jeder Europäer ein reicher Mensch.

Doch abgesehen vom ersten Weg vom Flughafen in die Innenstadt, wo wir ein Prepaid-Taxi genommen haben, und vom letzten Weg vom Bahnhof zum Flughafen, wo wir uns am Ende ein Taxi der Einfachheit halber gönnen werden, fahren wir kein einziges Mal Taxi, sondern immer nur Bus oder Rikscha. Das geht ausgesprochen gut.

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Die beste Alternative zum Zug, um Land und Leute kennenzulernen, sind die öffentlichen Busse, die von überall nach überall fahren. Für Nicht-Inder ist es nicht ganz leicht zu erkennen, wann welcher Bus von welchem Gleis in welche Richtung fährt. Da hilft nur Fragen: Bahnhofspersonal, Busfahrer und Reisende.


Die meisten Inder sind sehr hilfsbereit und lieben es, dem hilflosen Europäer unter die Arme zu greifen. Als Gegenleistung erwarten sie lediglich einen kleinen Schwatz, der meist in der Bitte um ein Selfie mit dem ausländischen Weißbrot gipfelt. Das läuft dann so ab: "Hello." - "Hello, how are you?" - "What country?" - "From Germany." Dann folgt ein breites Grinsen. "Ah, Volkswagen." Grinsen. "Can I take a picture?" - "Yes, sure." Und dann kann es passieren, dass alle anderen auch noch ein Selfie mit dem Europäer wünschen.

Wer mit dem Bus reist, muss sich darauf gefasst machen, dass er sehr viele Inder treffen wird, die noch nie einen weißen Menschen in Echt gesehen haben.

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Die öffentlichen Busse sind mit Abstand die billigste Variante, um in Indien zu reisen. Sie sind aber auch mit Abstand die unbequemste. Der Fahrer veranstaltet ein Dauer-Ein-Ton-Hupkonzert und nimmt Schlaglöcher am liebsten wie Skisprungschanzen, so dass es die Leute hinten ziemlich durcheinander schüttelt.

Die Busse privater Anbieter sollen komfortabler sein und klimatisiert. Das kommt für uns aber nicht infrage.

Interessant ist, dass Frauen in öffentlichen Bussen weniger bezahlen als Männer. Das liegt anscheinend daran, dass Frauen in Indien deutlich weniger verdienen als Männer und deshalb Vergünstigungen bekommen.
Davon profitieren auch ausländischen Frauen, was etwas überrascht. Denn Ausländer zahlen bei Sehenswürdigkeiten fast immer einen anderen Eintrittspreis als Einheimische. Müssen Inder Eintrittspreise in Höhe von 30 Rupien zahlen, müssen Ausländer oft 500 Rupien zahlen. Im Verhältnis ist das viel. Umgerechnet aber auch wieder nur knapp sieben Euro.

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Eine Busfahrt in Indien ist auf einem normalen Sitzplatz schon anstrengend genug. Wie muss das wohl sein, wenn Kinder im Gepäckfach reisen müssen? Die wenigsten Inder verreisen nur der Reise wegen. Auf den Weg machen sie sich meist nur dann, wenn es Hochzeiten oder Beerdigungen gibt. Dann allerdings verreist die ganze Familie.

Und auch beim Busfahren gibt es an jeder Haltestelle frisches, kaltes Wasser oder frittiertes Essen zu kaufen.

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Um die Fortbewegungsmittel zu komplettieren, gibt es in Indien noch die Motorrikscha. So halsbrecherisch, wie die Reiseführer schreiben, sind Fahrten mit einer Rikscha nun auch wieder nicht. In den meisten Fällen krankt der indische Verkehr ohnehin an Erlahmung, weshalb sich die Rikschas in einer eher angenehmen Geschwindigkeit fortbewegen, bei der kaum etwas ernsthaftes geschehen könnte. Aber wenn es auf die Schnellstraße geht und das kleine Töfftöff dann zwischen riesigen Trucks und Bussen kurvt, kann es einem schon ein wenig mulmig werden.

Viele Fahrer mieten die Rikschas tageweise an. Die meisten Fahrzeuge haben Gasmotoren, einige fahren mit Benzin und neuerdings gibt es immer mehr Rikschas in Großstädten, die von Elektromotoren angetrieben werden.

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Und dann gibt es noch die Fahrradrikschas, die in Großstädten eher eine Touristenattraktion darstellen, um von einer Sehenswürdigkeit zur nächstgelegenen zu fahren.

In Jaipur nehmen wir einmal eine Fahrradrikscha, um vom Palast der Winde zum Hotel zurückzukommen. Der dürre Fahrer gibt sich große Mühe in die Pedale zu treten, braucht aber dennoch doppelt so lange wie eine motorisierte Rikscha. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass er kein Englisch spricht, das Hotel nicht kennt, in die falsche Richtung fährt, sich nicht traut nach dem Weg zu fragen und uns zuerst an einem anderen Hotel absetzen will. Mit vereinten Kräften von Googlemaps und Rikschafahrer kommen wir aber dann doch dort an, wo wir ankommen wollen.

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Weil auch drei Wochen nur für einen Bruchteil Indiens ausreichen, haben wir uns beim ersten Mal für den Nordwesten entschieden. Von Mumbai fahren wir also Richtung Norden, machen Halt in Ahmedabad, wo wir Gandhis Ashram besuchen, und fahren weiter nach Jodhpur im Bundesstaat Rajasthan, dem "Land der Könige".


Heiß ist es hier auch, doch die Luftfeuchtigkeit ist gering. Am ersten Abend gönnen wir uns den Lonelyplanet-Restaurantgeheimtipp, der erwartungstreu gar nicht so geheim zu sein scheint und wir deshalb auf einen Tisch warten müssen. Aber der Cocktail an der Bar lässt uns entspannen. Nach den Strapazen der ersten fünf Tage versöhnt uns der Blick auf das beleuchtete Fort und die laue Brise auf der Dachterrasse.

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Tagsüber wuselt es in Jodhpur genauso, wie in allen anderen indischen Städten. Das Fort ist wohl die eindrucksvollste Sehenswürdigkeit, das wir jedoch links liegen lassen. Schließlich wollen wir lieber auf Tuchfühlung mit den Menschen gehen und Forts gibt es in Rajasthan noch mehrere. Auf der Suche nach einer einfachen Leinenhose schlendern wir über den Sardar Market. Jodhpur ist für Textilien bekannt. Wir folgen zunächst der Empfehlung des Hotelinhabers, aber der Tipp stellt sich als enttäuschende Luftnummer heraus. Gut, Indien ist billig, aber das rechtfertigt nicht, jeden Ramsch zu kaufen.

Während wir an einem Stand den Stoff einer Hose befühlen, spricht uns ein weiterer Inder an: "Handmade trousers? Follow me." Er habe da was für uns. "Was soll's", denken wir uns, "dieser ist so gut wie jeder andere hier".

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Der Inder führt uns nahe des Uhrenturms zu einem unscheinbaren Laden. "Jain Textiles" steht in roten Lettern über dem Eingang. Doch das Ladengeschäft ist – anders als die übrigen – großzügig leer und nicht bis ins kleinste Eck mit Plastikverpackungen vollgestopft. Es handelt sich um ein Warenhaus, nicht um einen Ramschladen. Suresh Jain begrüßt uns und erklärt, dass maßgeschneiderte Hosen etwa drei Tage benötigen, die wir aber nicht haben. Ob wir nicht trotzdem einen Blick auf sein Sortiment werfen wollen, einfach nur so? Wir haben eh Zeit und folgen dem Textilhändler in den zweiten Stock, wo wir auf dem Sofa am Ende des Saales Platz nehmen. Hier sind wir also. Nach einer Woche Chaos, genießen wir einen Moment der Ruhe.

Schon jetzt hat Suresh eigentlich gewonnen, denn er hat uns in seinen Fängen, losgelöst von den entnervenden Händlern des Marktes. Suresh ist sich bestimmt schon jetzt sicher, dass wir etwas kaufen werden, sei es bloß einen echten Kaschmirschal für 35 Euro. Gute drei Stunden werden wir in seinen Fängen verbringen.

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Während Suresh Stoffe vor uns ausbreitet, versucht er uns davon zu überzeugen, dass die Qualität all seiner Stoffe so gut sei, dass auch berühmte Designer zu seinen Auftraggebern zählten. Giorgio Armani oder Kenzo Takada und Marken wie Etro oder Hermès. Zum Beweis breitet Suresh eine Tagesdecke aus, die Armani für mehrere hundert Dollar verkauft, in limitierter Stückzahl, hergestellt in Jodhpur. Ein paar Decken habe er noch und verkaufe sie hier – ohne Label.

Aufträge, die Jain Textiles übernimmt, führen Frauen in Handarbeit aus. Wir fragen, ob auch Kinder darunter seien. "Wer will denn heute noch Handarbeit erlernen?", entgegnet Suresh, "Heutzutage wollen alle mit Maschinen arbeiten. Die Kinder haben alle Smartphones. Die werden keine Näherinnen wie ihre Mütter." Nein hat er zwar nicht gesagt, doch offensichtlich ergeht es indischen Eltern da ähnlich wie deutschen Eltern.

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Besonders stolz ist Suresh auf seinen Besuch aus Hollywood. Er zieht einen Ordner mit Klarsichtfolien aus einem Fach, in dem kopierte Zeitungsartikel und Fotografien stecken. Da ist sein Bruder mit Bill Murray und Jason Schwartzman zu sehen. Das Bild sei entstanden, als Murray zu Dreharbeiten für "Darjeeling Unlimited" in der Nähe gewesen sei. Das Bild direkt darüber zeige Giorgio Armani in Sureshs Warenhaus. Richard Gere sei zu Besuch gewesen, als er "Best Exotic Marigold Hotel 2" drehte, und er habe 100 Kaschmirschals bei ihm gekauft.

Wir spinnen für uns in Gedanken die Legendenbildung weiter: Wie klingt die Geschichte wohl, wenn Sureshs Urenkel sie erzählen? Hat Gere dann 1000 Schals gekauft?

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Jodhpur ist voller Händler, die Stoffe verkaufen. Wie steht er zu denen, wollen wir von Suresh wissen. Was hält er davon, dass diese im Gegensatz zu ihm Ramsch verkaufen, dass vermutlich das Geld nicht wert ist? "Das macht uns nichts aus", antwortet Suresh, "die haben auch Familien zu versorgen, die haben auch Mieten zu bezahlen und sie haben auch Freunde zu bewirten. Sie versuchen nur ihr Leben zu leben." In Indien müsse jeder seinen Platz finden.

Vier Wochen später wird uns ein geschnürtes Paket mit Rohseide und Kaschmirschals erreichen.


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Wir fragen Suresh, ob wir Fotos machen dürfen. Suresh willigt ein, bittet aber darum, seinen älterer Bruder ebenfalls abzulichten, er sei das Familienoberhaupt. Wir begleiten Suresh zum zweiten Warenhaus der Jain-Sippschaft und treffen den 39-jährigen Mukesh. Er ist derjenige, der auf den vielen Fotos mit den Prominenten zu sehen ist.

Als wir seinen Laden betreten, wo es neben Textilien auch Antiquitäten zu kaufen gibt, wird aus Suresh ein anderer Mensch. So sehr sein Charisma vorhin den Verkaufsraum erfüllte, so unscheinbar und stumm ist er in Mukeshs Anwesenheit. Die Rangordnung wird deutlich.
Und auch das Gespräch verändert sich. Beantwortete Suresh all unsere Fragen mit Geduld und Bedacht, reißt Mukesh das Gespräch lieber an sich. Er will von uns wissen: Wie entfernt man unerwünschte Kommentare aus dem Internet?

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Am nächsten Tag geht die Reise weiter. Wir steigen den Hügel hinauf zum Fort, setzen uns dort in den Schatten und blicken über die Dächer Jodhpurs und erkennen, warum sie die blaue Stadt genannt wird. Die meisten Dächer sind blau.
Doch anstatt das Fort zu besichtigen, kommen wir lieber mit zwei anderen Backpackern ins Gespräch. Das französische Paar ist unterwegs auf Weltreise und durchquert gerade Indien. Wir freuen uns, nach einer Woche Dauerdialog mit Indern, mal wieder ein Gespräch zu führen, wie wir es von daheim gewohnt sind. Und es ist schön zu hören, dass es anderen ziemlich ähnlich ergeht wie uns.

Jodhpur wird einer der schönsten Aufenthalte sein. Wir hätten es hier auch ein paar Tage länger ausgehalten. Doch unser strammer Reiseplan sieht vor, dass wir abends in Jaisalmer sind – nahe der pakistanischen Grenze.

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Jaisalmer ist eine Wüstenstadt. Nach einer fünf Stunden langen Busfahrt von Jodhpur mitten durch eine karge, wüstenartige Landschaft taucht plötzlich ein riesiges, sandsteinfarbenes Fort auf. Wir erreichen Jaisalmer gegen Abend und lassen erst mal das "Nachtleben" auf uns wirken. Das besteht vor allem aus Kühen, die alles fressen, was auf dem Boden liegt – und ein paar Indern, die vor ihren Geschäften den Feierabend genießen. Wir möchten uns für den nächsten Tag eine Safari buchen und landen bei "Sahara Travels".

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Was wir nicht wissen konnten: Aniket Bissa, der uns eine Kamelsafari durch die Wüste Jaisalmers verkaufen möchte, ist der Sohn des legendären Mr. Desert, Laxmi Naragan Bissa, der die Kamelsafaris in Jaisalmer erfunden hat. Sein Vater, der 2012 an Krebs verstarb, war ein einfacher Kameltreiber. Irgendwann fing er an, Safaris anzubieten. Anfangs habe das nicht besonders gut geklappt, erzählt Mr. Desert Junior: Die Legende sagt, dass der junge Kameltreiber ein halbes Jahr in seinem kleinen Laden saß und kein einziger Tourist eine Safari machen wollte. In dieser Zeit wuchs sein Bart und wuchs und wuchs.

Um Jaisalmer bekannter zu machen, lobte eine Lokalpolitikerin  eines Tages den "Mr. Desert"-Wettbewerb aus – den der junge Kameltreiber gewann. Ein Fotografenteam wurde auf ihn aufmerksam und nur wenige Monate später zierte Mr. Desert die Titelseiten von Reisemagazinen – und Marlboro-Zigarettenschachteln. Seitdem läuft das Geschäft von "Sahara Travels" bombig.

Eigentlich hatte Aniket Jura studiert, aber als der Vater frühzeitig verstarb, entschied er sich dazu, das Familienunternehmen fortzuführen.

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Mittlerweile gibt es neben "Sahara Travels" noch viele andere Agenturen, die Kamelsafaris anbieten. Einige von ihnen sind auch billiger als das Original. Wir haben uns trotzdem entschieden, die Tour beim Sohn des einzig wahren Mr. Desert zu buchen. Auch und vor allem weil wir das Gefühl hatten, dass die Kameltreiber und die Kamele dort unter vernünftigen Bedingungen arbeiten. Der Name ist bei "Sahara Travels" übrigens keineswegs Programm. Denn wie die Sahara sieht die Wüste im Norden Indiens überhaupt nicht aus. Weniger Dünen, mehr Vegetation. Aber trotzdem beeindruckend schön.

Für eine Tour mit Übernachtung in der Wüste bezgalen wir beim Original 1500 Rupien pro Person, also 20 Euro.

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Eine Nacht in der Wüste unter freiem Sternenhimmel ist etwas ganz Besonderes. Die Kameltreiber kochen uns Abendessen, das besser schmeckt als in jedem Restaurant. Am Lagerfeuer hören wir noch eine Weile den Geschichten der Wüstenjungs zu, bevor uns die Augen zufallen. Kamelreiten ist anstrengender als man denkt.

Auf dem Boden müssen wir übrigens nicht schlafen: Unsere Führer – allesamt in der Wüste aufgewachsen, nun aber mit Smartphones ausgestattet – stellen Bettgestelle mit Matratzen zur Verfügung. Das ist uns allein deshalb lieb, weil wir nicht mit den Wüstenkäfern kuscheln wollen, die im Dunkeln scharenweise aus dem Sand kriechen.   


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Das Fort in Jaisalmer schauen wir uns nur oberflächlich an. Denn mittlerweile ist aus der bescheidenen Wüstenstadt eine echte Touristenhochburg geworden. Die Händler und Führer, die uns immer und überall eine Tour durch die Sehenswürdigkeiten andrehen wollen, sind uns schlicht zu anstrengend.

Wir entscheiden uns dafür, ein altes "Haveli", das Haus einer reichen Fürstenfamilie, anzusehen. Dessen ausgeklügelte Bauweise ist faszinierend. Die Führung dauert eine Sunde und wir bekommen jeden Stein des Hauses erklärt. Eine Bezahlung lehnt er zwar ab, aber ein dickes Trinkgeld hätte er schon ganz gerne. Die Spinnen doch, die Inder. 

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Drei sandige Tage später reisen wir mit dem Zug weiter nach Jaipur, die Stadt, die "Pink City" genannt wird. Jaipur ist bekannt für Schmuckhändler. Der Reiseführer warnt uns: Bitte nicht auf die Überredungskünste der Händler hereinfallen, die behaupten, der Schmuck könne leicht exportiert werden und wäre in Europa sehr viel mehr Wert als in Indien.

Die rosafarbene Stadtmauer gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Rajasthan, dem indischen Bundesland, in dem Jaipur, Jaisalmer und auch Jodhpur liegen. Und auch hier in Jaipur wimmelt es vor Menschen und Rikschas und Motorrollern.

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Bekannt ist Jaipur auch für den "Palast der Winde". Der heißt so, weil in ihm, dank einer ausgeklügelten Bauweise mit vielen Öffnungen, immer ein Lüftchen weht, was kühlend wirkt. Der Maharadscha, der ihn erbauen ließ, besaß natürlich einen Harem voller Frauen. Denen ließ er kleine Fensterchen in die Palastmauer einbauen. So konnten sie das Geschehen auf der Straße beobachten, wurden aber selbst nicht entdeckt. Viele historische Bauwerke, stellen wir fest, wurden deshalb von Maharadschas bauen lassen, damit niemand ihre Frauen anschauen konnten.
Auch wir genießen die Aussicht auf Jaipur durch eines der vielen Fensterchen. Eines genießen wir aber noch viel mehr: die Ruhe. Von dort oben wirkt das quirlige Geschehen auf der Straße weit weg, wie in einem Film, dem wir zuschauen.

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Einen echten Film sehen wir uns am Abend an, in Indiens berühmtestem Kino, dem "Raj Mandir". Eigentlich wollen wir einen klassischen Bollywood-Streifen sehen. Immerhin ist Bollywood die größte Filmschmiede der Welt. Aber leider zeigt das "Raj Mandir" an diesem Abend nur einen einzigen Film: "M.S. Dhoni – The Untold Story" ist die Biografie eines Kapitäns der indischen Kricket-Nationalmannschaft, einem Nationalhelden. 

Übrigens mögen Inder den Begriff Bollywood nicht.
 

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Im Kino selbst sind aber erst einmal wieder wir die Attraktion. Beinahe jeder Besucher lässt sich mit uns ablichten. Das alte Spiel: "Hello! What country?" Und wir fühlen uns plötzlich selbst wie echte Bollywood-Stars.

Den Film finden wir eher langweilig. Es mag daran liegen, dass wir nicht besonders viel verstehen, denn er ist in Hindi. Unsere netten Sitznachbarn versuchen zwar tapfer, uns die Handlung zu erklären, spannender wird der Streifen dadurch aber nicht. Schade, dabei sollen gerade Kinobesuche in Indien eine kleine Sensation sein. Da soll es schon mal passieren, dass Schuhe an die Leinwand fliegen, wenn Zuschauer mit der Handlung nicht einverstanden sind. Für die meisten Inder ist der Film derweil Pflichtprogramm. Kricket ist Volkssport und Mahendra Singh Dhoni, um den sich der Film dreht, ist ein großes Idol.

In der Halbzeitpause gehen wir – nach immerhin knapp zwei Stunden.

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Jaipur ist in jedem Fall ein echtes Shopping-Paradies. Hier bekommen Einkaufswütige alles,  wovon sie träumen, vor allem aber Seide und Silber. Wer einkaufen möchte, sollte sich aber Zeit nehmen und Preise vergleichen. Und wer dann richtig hart feilscht, dem gibt der eine oder andere Händler am Ende sogar einen Chai-Tee aus. Als Anerkennung für das unerbittliche Verhandlungsgeschick.  

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In Indien gibt es Dinge, an die gewöhnen sich auch die Hartgesottenen nicht so schnell. Allen voran: der Müll. Und nicht nur ein bisschen Müll im Eck, sondern Berge von Müll. Der öffentliche Raum scheint Inder nicht sonderlich zu interessieren. Oft genug sehen wir Inder, die Chipstüten beispielsweise einfach so auf den Boden werfen oder aus dem Fenster des fahrendes Busses. Das gilt in der Stadt genauso wie in der Natur. Egal, wohin das Auge blickt, es erblickt Müll.

Und rote Flecken von ausgespucktem Kautabak. Auf dem Bahnhof in Delhi hören wir Lautsprecherdurchsagen, die den Reisenden erklären, dass es unhöflich ist, Tabak auf den Boden zu spucken. Und es grenzt an Glück, wenn man Indien bereist und nicht ein einziges mal angespuckt wird – versehentlich.

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Scharf oder nicht scharf. Nun, das ist Geschmackssache. Straßenessen ist in der Regel ziemlich scharf. Wer es nicht gewöhnt ist, sehr scharf zu essen, sollte sich lieber langsam herantasten und "not spicy" bestellen. Diese Light-Version ist immer noch scharf genug.

Wer es übertreibt, muss sich auf eine ziemlich umtriebige Verdauung einstellen. Vermutlich ist das scharfe Essen eher für einen übermotivierten Darm verantwortlich als unreines Wasser.

Doch von der Schärfe einmal abgesehen: Indische Essen schmeckt fast ausnahmslos großartig. Auch – vor allem auch – das Straßenessen.

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Gleichzeitig wird der gute Geschmack häufig auf die Probe gestellt. Zum Beispiel beim Blick aus dem Fenster. Hier sehen Sie den Hinterhof eines Restaurants. Das ist die Küche! Wir haben dabei zugesehen, wie Essen zubereitet wird, wie Küchenhilfe Kartoffeln schälen und wie Köche Müll entsorgen.
Was wir nicht gesehen haben, sind Ratten. Aber vielleicht trauen sich die Ratten auch einfach nicht auf den Hof, da im Hintergrund, wo sich die Türen in der Backsteinwand befinden, Menschen leben.

Die Zustände, in denen Inder offensichtlich seelenruhig leben können, hinterlassen uns häufig fassungslos. Das Restaurant nebenan, wo wir noch Frühstück zu uns nahmen, mieden wir anschließend. Glücklicherweise hatten wir nur Toast.


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Wer nicht zimperlich ist, wird in Indien kulinarisch auf seine Kosten kommen. Die Inder sind sehr erfinderisch, was die Zubereitung von Speisen auf der Straße anbelangt. Zwischen zwei Holzscheiten, die mit einem handbetriebenen Fön zum Glühen gebracht werden, steckt ein Verkäufer in Elora einen Maiskolben an einem Stecken. In wenigen Minuten ist der Maiskolben gegrillt. Anschließend reibt der Verkäufer den Maiskolben ein mit einer Limette und grobem Salz.

Lecker.

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Essen ist sehr billig in Indien. Ein Verkäufer, mit dem wir ins Gespräch kommen, sagt: "100 Rupien genügen in Indien, um sich satt essen zu können." 100 Rupien sind etwa 1,40 Euro. Überall gibt es große und kleine Märkte, die frisches Gemüse und Obst verkaufen. Nun, vielleicht reichen 100 Rupien nicht unbedingt, um die Kalorienansprüche eines durchschnittlichen Europäers zu decken. Aber mit 100 Rupien kommen auch wir weit. Meistens reicht es uns aus, um unseren Tagesbedarf zu decken.

Am Ende der Reise rechnen wir zusammen und kommen auf 100 Euro pro Woche und Person. Drei Wochen Indien haben uns 300 Euro gekostet. Und das auch nur, weil wir uns eine Nacht in einem Luxushotel gönnen, dass allein schon 100 Euro kostete.

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Was uns oft traurig gemacht hat, ist die Armut in Indien. Hier gibt es Menschen, die absolut nichts haben, die nicht einmal einen Unterschlupf haben, in den sie sich zum Schlafen zurückziehen können. Wenn sie müde sind, legen sie sich einfach so auf den Boden und bedecken mit ihren Händen ihre Augen. Einfach so liegen sie auf Gehwegen direkt am Straßenrand. Wovor sollten sie Angst haben? Sie haben nichts, was man ihnen stehlen könnte. Traurig, aber wahr: Nicht einmal ihre Würde könnte man stehlen, denn diese wurde ihnen bereits genommen.

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Oft ist die Rede von den armen Menschen in den Slums. Aber die Menschen in den Slums haben wenigstens ein Dach über den Kopf. Tatsächlich sind die allermeisten Haushalte in Slums mittlerweile mit Strom ausgestattet und die Kinder, die dort aufwachsen, haben Smartphones und gehen täglich zur Schule. Sie mögen nicht viel haben, aber sie haben ein Mindestmaß an Privatsphäre und Ordnung.

Was fehlt, ist fließend Wasser. Aber das lässt sich nicht so leicht improvisieren wie eine Satellitenschüssel auf dem Dach.

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Jährlich bereisen zwar gut sechs Millionen Touristen Indien. Trotzdem gibt es noch viele Inder, die im wirklichen Leben, abseits von Hollywoodfilmen, noch keinen weißen Menschen gesehen haben. Und auch Reisen kommen für viele Inder nicht infrage, da das Ausland sehr teuer ist. Zumal sich viele Inder gerade mal den Lebensunterhalt erarbeiten können, aber nicht mehr.
Ein Mensch mit weißer Haut ist deshalb für viele die höchste Form der Exotik, die ihnen begegnen kann. Und wenn das geschieht, dann muss dieser einmalige Moment festgehalten werden. Nirgends sonst auf der Erde sind wir so häufig von wildfremden Menschen um Fotos gebeten worden wie in Indien – in fließendem, in gebrochenem oder in gar keinem Englisch. Höflich "Can I take a picture" oder unhöflich, einfach so, ohne zu fragen. Wir wissen nun, wie Stars sich fühlen müssen, die unentwegt erkannt und angesprochen werden.

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In Indien ist alles möglich. Und wenn etwas nicht möglich ist, wird es möglich gemacht. Im Straßenverkehr kann es jederzeit passieren, dass ein Elefant mit großem Geäst auf den Rücken geschnallt, die Schnellstraße blockiert. In Indien wundert sich darüber natürlich niemand.

Im Restaurant, als wir Kaffee bestellen, nickschüttelt der Kellner den Kopf und verschwindet. Er bringt uns Kaffee in Bechern und kassiert. Der Kaffee, stellen wir fest, kommt vom Laden auf der anderen Straßenseite.

Das Kopfnickschütteln ist eine bekannte indische Eigenart. Es ist eine Mischung aus Nicken und Kopfschütteln. Es bedeutet ja und nein, vielleicht, mal sehen. Mit Festlegungen tun Inder sich schwer. Sie sind Meister der Improvisation. "No problem" wiederholen sie mantraartig ein ums andere Mal. In Indien ist alles möglich.

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In Ahmedabad haben wir Manjith Singh (rechts im Bild) kennengelernt. Er hat uns eingeladen, ein paar Tage bei seiner Familie in Delhi zu verbringen. Seine Familie, das sind seine Mutter und sein Vater (rechts), sein jüngerer Bruder und dessen schwangere  Frau mit ihrem kleinen Sohn (links) sowie seine Cousine. Sie alle leben gemeinsam in einem Haus am Stadtrand von Delhi. Nur Manjith selbst hat mit seiner Frau und seinem Sohn eine eigene Wohnung.

Die Singhs sind Hindus. Sie glauben daran, dass Gäste von den Göttern gesandt werden. Wenn es sich dann auch noch um Europäer wie uns handelt, ist das das größte Geschenk. Wie Götter werden wir dann auch behandelt: Wir bekommen das beste und bequemste Bett. Dass Manjiths schwangere Schwägerin samt Familie dafür ihr Zimmer räumen muss, macht uns ein schlechtes Gewissen. Aber unsere Widerreden interessieren keinen.       

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Das Kochen übernehmen in Indien ausnahmslos die Frauen. Manjiths Schwägerin zeigt mir, wie man Chapatis, das sind kleine Brotfladen, die zu so ziemlich allem gegessen werden, zubereitet. Mein erstes Chapati ist krumm, was Manjiths Schwägerin sehr lustig findet. Schließlich werden ihre Fladen immer perfekt.

Beim Essen sitzt nicht die ganze Familie zusammen. Zuerst kommen die Männer dran, sie werden während ihrer Mahlzeit von den Frauen bedient. Die Frauen essen dann später das, was von den Männern übrig bleibt.

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Das ist gleich wie in Deutschland: Nach Feierabend treffen sich die indischen Männer gern zum "Stammtisch". Der läuft allerdings ein wenig anders ab als bei uns: Statt Bier gibt es Saft (in den meisten indischen Bundesländern gibt es ein Alkoholverbot) und anstelle von Zigaretten wird Huka, also Wasserpfeife, geraucht.
In geselliger Runde sprechen die Männer über ihren Tag, aber auch über die (Lokal)-Politik. Der Mann im weißen T-Shirt ist übrigens Lokalpolitiker. Frauen sind außen vor. 

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Am Ende unserer Reise gibt es für uns noch eine geballte Ladung Kultur. Wir besuchen die Höhlen von Ajanta, etwa 100 Kilometer nördlich der Stadt Aurangabad in Maharashtra. In einem steil durch den Fluss Waghora in den Fels eingeschnittenen, u-förmigen Tal haben Mönche über Jahrhunderte hinweg Höhlen in die riesigen Felsen geschlagen. Die gesamte Anlage ist im Dezember 1983 zum Weltkulturerbe erklärt worden.  

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Die in den Fels geschlagenen Tempel sind beeindruckend.  In einer Höhle kann man sehr gut erhaltene Wandmalereien mit Szenen aus dem Leben Buddhas besichtigen. Das finden allerdings nicht nur wir spannend: Mit uns sind zahlreiche Touristen, die meisten davon sind selbst Inder, in den Höhlen. Damit die Malereien durch die Feuchtigkeit, die wir alle abgeben, nicht zerstört werden, darf immer nur eine bestimmte Anzahl Menschen zur gleichen Zeit in eine Höhle. Oft müssen wir unsere Schuhe ausziehen, schließlich handelt es sich bei vielen der Höhlen um Tempel.  

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Noch mehr beeindruckt haben uns aber die Höhlen und Tempel von Ellora, die etwa eine halbe Stunde mit dem Bus entfernt von Aurangabad liegen. Malereien gibt es hier nicht. Dafür ist die Tempelanlage inklusive Säulen und Elefantenstatue aus einem einzigen Felsen gehauen. Daran haben Mönche über zehn Generationen hinweg gearbeitet.
     

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Unsere Reise ist fast zu Ende, vor uns liegen nur noch einmal zwölf Stunden Zugfahrt nach Mumbai, bevor es mit dem Flieger zurück nach München geht. Wir sind erschöpft, Indien hat uns viel abverlangt. In wenigen Worten zusammengefasst war unsere Reise laut, dreckig, übelriechend. Die ständigen Menschenmassen haben uns manchmal erdrückt, das Leid der Menschen hat uns an manchen Tagen einfach nur unglaublich traurig gemacht. Aber wir haben auch Freunde gefunden. Den Stoffverkäufer Suresh, Mr. Deserts Sohn Aniket, die Kameltreiber, die ganze Familie Singh samt ihrer Nachbarn. Wir haben uns mit Rikschafahrern unterhalten und Jugendliche im Zug beobachtet. Alle haben uns liebevoll aufgenommen und waren an uns und unserer Kultur interessiert. Ja, Indien ist eine eigene Welt. Aber ein bisschen ist dieses riesige Land nun auch zu einem Teil unserer Welt geworden. 

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Text / Fotos
Julia Baumann und Michael Scheyer

Videos
Michael Scheyer

Verantwortlich
Yannick Dillinger

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Übersicht

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Kapitel 1 Im Stoffparadies

Textil

Vorlage

Mosaik
Kapitel 2 Mit Zug, Bus und Rikscha durch Indien

Strand

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Kapitel 3 Der Stoffhändler in Jodhpur

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Fort

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Armani
Kapitel 4 Touristenhighlights - Jaisalmer und Jaipur

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Nachts
Kapitel 5 Indien - Gewöhnungssache

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Essen

Restaurant

Streetfood
Kapitel 6 Delhi und Ajanta - Moderne und Antike

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Chapati

Tabak

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Kapitel 7 Ende

Teppiche
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