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Die Stadt Ellwangen im Ostalbkreis hat 25 000 Einwohner. Seit Frühjahr 2015 ist der Ort außerdem die (Übergangs-) Heimat für - geplant - rund 1000 Flüchtlinge. Nach einer langen und  beschwerlichen Flucht aus ihrer Heimat stranden diese Menschen in der Landeserstaufnahmestelle (LEA).

Multimedia-Reportage von Julia Baumann, Yannick Dillinger, Jasmin Off und Sarah Schleiblinger

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Von Yannick Dillinger

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"Wieder Fehlalarm in der LEA"
"In der LEA fliegen Steine und Stühle"
"Polizei rückt mit Großaufgebot zur LEA aus"


Drei Polizeimeldungen zu drei Vorfällen. Alle in den vergangenen Monaten in der Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen geschehen. Alle kontrovers diskutiert in dem Ostalb-Ort, der seit Frühjahr 2015 eine erste Anlaufstelle für Menschen ist, die aus Angst vor Krieg und Terror die lange und meist sehr beschwerliche Flucht aus ihren Heimatländern angetreten sind. Die ihre Familien zu Hause lassen mussten, in ein fremdes Land mit fremder Sprache, fremden Gesetzen und fremden Werten gekommen sind. Die nicht wissen, wohin sie ihre Reise noch führen wird.

Besonders in Internetforen und sozialen Netzwerken wird über "die in der LEA" gesprochen. Viele Menschen scheinen besorgt und verunsichert zu sein. Vermeintlich angestiegene Einbruchszahlen tun ihr Übriges. Trittbettfahrer aus der rechten Szene wittern ihre Chance, springen auf den Zug auf und schüren Ängste.

Zeitgleich gibt es in der Region eine große Solidaritätswelle. Etliche Menschen engagieren sich ehrenamtlich, begegnen den Flüchtlingen mit Neugier und Geschenken. Spielen mit den neuen Nachbarn Fußball, lehren sie die deutsche Sprache. Bringen Klamotten, die sie nicht mehr benötigen, in die ehemalige Kaserne, in der die Landeserstaufnahmestelle installiert wurde.

Die Schwäbische Zeitung berichtet seit vergangenem Jahr regelmäßig über die LEA - über Sorgen und Wünsche der Ellwangener, Nöte und Hoffnungen der Flüchtlinge, Engagement und Verzweiflung der LEA-Beschäftigten, Polizisten und Feuerwehrmänner.

In dieser Multimedia-Reportage sollen alle Seiten beleuchtet werden. Zu Wort kommen Flüchtlinge, der Polizeisprecher, der LEA-Leiter, ein Seelsorger und Ellwangener Bürger. Geschichten und Fakten  sollen Gerüchte und Gefühliges ersetzen. Probleme werden angesprochen, nicht verschwiegen. Die Blickrichtung geht aber nach vorne - "im Sinne eines guten Miteinanders aller Menschen in Ellwangen", wie Ulrich Geßler, Redaktionsleiter in Ellwangen und Aalen, in einem Kommentar geschrieben hat.

Wir freuen uns über Feedback zu diesem multimedialen Spezial. Dieses können Sie uns gerne per E-Mail an online@schwaebische.de zukommen lassen.

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Hintergründe zur LEA

Wie sieht es hinter den Toren der LEA aus? Wie viel Platz haben die Flüchtlinge zur Verfügung? Was geschieht nach der Ankunft in der Unterkunft? Und: Bekommen die Bewohner auch Taschengeld?

Dieses Erklärvideo liefert Antworten auf diese und weitere Fragen.

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Was sind Landeserstaufnahmestellen, wer kommt nach Ellwangen und wie sehen die Rahmenbedingungen aus?

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Landeserstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge, kurz LEA, sind in Deutschland die erste Station für Asylbewerber und Flüchtlinge.

In den LEA gibt es Außenstellen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge - dort können Flüchtlinge ihren Asylantrag abgeben. Betrieben werden die Einrichtungen von den jeweiligen Regierungspräsidien.

Die meisten Flüchtlinge in der LEA Ellwangen sind Männer. Sie bewohnen drei der fünf Wohnhäuser in der ehemaligen Reinhardt-Kaserne in Ellwangen. Es gibt aber auch zwei Familienhäuser. Frauen flüchten fast nie allein.

Während der Unterbringung in einer Erstaufnahmeeinrichtung dürfen die Asylbewerber keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, sich aber ehrenamtlich engagieren. Danach kann einem Asylbewerber, der sich insgesamt seit drei Monaten gestattet im Bundesgebiet aufhält, die Ausübung einer Beschäftigung erlaubt werden.

Allerdings findet grundsätzlich weiterhin eine sogenannte Vorrangprüfung statt, das heißt die Bundesagentur für Arbeit prüft zunächst, ob ein deutscher oder bevorrechtigter ausländischer Bewerber für die Stelle zur Verfügung steht. Die Vorrangprüfung entfällt nach 15-monatigem Aufenthalt des Asylbewerbers im Bundesgebiet.

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Wie viele Flüchtlinge leben in der LEA, aus welchen Ländern kommen sie und wohin gehen sie danach?

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Ausgelegt ist die LEA Ellwangen für maximal 1000 Menschen. Im Sommer 2015 waren aber mehr als 1300 Flüchtlinge dort untergebracht. Ende Juli lag die Zahl sogar bei 1600. Oberbürgermeister Karl Hilsenbek fand dafür in offizieller Runde deutliche Worte: „So kann‘s wirklich nicht weitergehen. Die LEA ist mittlerweile um das Dreifache überbelegt. Wir haben in Ellwangen mit der LEA eine große Aufgabe übernommen, aber wir können nicht alle Probleme des Landes bei der Aufnahme von Flüchtlingen lösen.“

Die Menschen in der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen kommen aus drei Regionen: Etwa ein Drittel stammt aus Syrien, ein weiteres Drittel ist aus den Maghreb-Staaten, also Algerien, Libyen, Marokko, Tunesien und Mauretanien, geflohen. Ein weiteres Drittel kommen aus den Balkanländern - also aus Ländern wie Albanien, Serbien oder Kosovo. Die Zahl verändert sich jedoch wöchentlich, da die Bewohner nicht allzu lange in der LEA bleiben. Die Leitung möchte die Asylbewerber in Zukunft schneller verlegen.

Nach dem Aufenthalt in der LEA werden die Flüchtlinge auf die Stadt- und Landkreise verteilt. Maßgeblich dafür, wer wie viele Flüchtlinge aufnimmt, ist der Bevölkerungsschlüssel.

Dort bleiben die Asylbewerber bis zum Abschluss des Asylverfahrens – längstens für zwei Jahre – in Gemeinschaftsunterkünften. Danach werden die Flüchtlinge innerhalb des Landkreises verteilt.

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Aus Überzeugung helfen

In der Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen engagieren sich zahlreiche Menschen ehrenamtlich. So auch Philipp Helleisz (31). Dreimal die Woche fährt er zur ehemaligen Kaserne und trainiert Jugendliche und Kinder im Fußball.

Über seine Arbeit in der LEA spricht er im Interview mit Schwäbische.de.

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"Die Entwicklung hat uns gewaltig überrollt"

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100 Tage Betrieb in der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Ellwangen: Schwäbische.de hat mit dem  Leiter der LEA, Berthold Weiss, gesprochen.

SZ: 100 Tage LEA – wie haben Sie die ersten Tage erlebt?

Weiss: Die waren zum Teil sehr spektakulär. Der Plan, auch vom Land, war eigentlich, dass wir hier in Ellwangen langsam aufgebaut werden, um unsere Abläufe zu optimieren. Dass wir vielleicht bis Mitte Ende Mai 500 bis 600 Flüchtlinge haben. Ich sag’s mal so: Die Entwicklung hat uns gewaltig überrollt. Mit uns meine ich die LEA, die Stadt Ellwangen und das Land Baden-Württemberg. Trotzdem muss ich sagen, dass wir unsere Aufgabe, angesichts der schwierigen Umstände, herausragend gelöst haben.

SZ: Wie nah gehen Ihnen die Schicksale der Flüchtlinge?

Weiss: Das sind ja nicht immer einfache Geschichten. Unsere Mitarbeiter bekommen das tagtäglich zu spüren. Was für uns wichtig ist, und das betrifft alle Mitarbeiter und mich: Wenn es uns nicht gelingt, möglichst schnell eine professionelle Distanz aufzubauen, gehen wir unter. Ich sage es aber gleich vorneweg: Das hat nichts damit zu tun, dass man für diese Arbeit abgehärtet sein muss oder dass man nichts an sich ranlassen darf.

SZ: Was ist mit den Flüchtlingen, die straffällig geworden sind?

Weiss: Dazu muss man den rechtlichen Hintergrund wissen. Wegen einer Straftat können Ausländer selbstverständlich abgeschoben werden. Aber nicht, solange ein Asylverfahren läuft. Das Asylrecht ist grundrechtlich stärker geschützt. Die Leute, die bei uns waren und kriminell wurden, sind verlegt worden. Manche sitzen in Untersuchungshaft, in Stammheim zum Beispiel.

Für die Leute, die bei uns schwere Straftaten begangen haben oder mehrere Straftaten in Folge, also auch Ladendiebstähle, werden aufenthaltsbeendende Erlasse gefertigt, das heißt, sie bekommen eine Ausreiseverfügung. Wenn das Asylverfahren rechtskräftig abgeschlossen ist, können diese Flüchtlinge sofort und ohne Aufhebens in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden. Wenn das Asylverfahren aber positiv beschieden wurde, dann nicht.

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Das denkt die Polizei über die LEA

Bernhard Kohn (Präsidium Aalen) erzählt, wie er die Lage vor Ort einschätzt.

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Das denken die Bürger

Es gibt sie: die Vorurteile gegenüber der Landeserstaufnahmestelle, gegenüber fremden Menschen und fremden Kultur. Aber es gibt auch die andere Seite: Neugier, Offenheit, Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft.

Wie die Bürger in Ellwangen über die LEA denken, verraten sie im Video.

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Seelsorger Michael Windisch: "Krieg und Terror haben ihre Würde nicht zerstört"

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Michael Windisch ist Pfarrer der Pfarreien Sankt Vitus, Sankt Wolfgang, Heilig Geist und Sankt Patrizius in Ellwangen. Punktuell kommen Flüchtlinge aus der LEA zu ihm, um seelsorgerischen Rat zu bekommen. Über diese Begegnungen spricht Windisch im Interview mit Yannick Dillinger.

SZ: Herr Windisch, wie oft führen Sie Gespräche mit Bewohnern der LEA?

Windisch: Kurz nach der Einrichtung der LEA kam der erste Bewohner – ein Christ aus Algerien – zu einem Gottesdienst in die Basilika St. Vitus. Er tat dies von da an jeden Tag, bis er in einen anderen Landkreis verlegt wurde. Er suchte immer wieder das Gespräch mit mir oder mit dem Priester, der den Gottesdienst hielt. Später wandte sich eine Gruppe von fünf Syrern an mich, denen es wichtig war, dass sie sich mir vorstellen konnten. Es kommen nicht nur katholische Flüchtlinge zu mir. Manche sagen, dass sie Christen sind, andere sagen nichts. Ich frage sie nicht nach ihrer Religion, aber nach ihrem Herkunftsland. Es handelt sich aber um punktuelle Gespräche. Es gibt kein regelmäßiges Gesprächsangebot von mir in der LEA. 

SZ: In welchem seelischen Zustand befinden sich die Flüchtlinge, die Sie besuchen?

Windisch: Die, die bisher zu mir kamen, machten auf mich einen angespannten Eindruck. Ich denke, das gründet in der Ungewissheit, die sie alle erfüllt. Die Ungewissheit, wie es für sie weitergeht, und die Ungewissheit, wie es ihren Angehörigen in der Heimat geht. Dazu kommt das fremde Umfeld und das sprachliche Problem.

Viele machen sich Sorgen um ihre Familie, die zurückgeblieben ist, und fragen, ob es möglich ist, dass auch ihre Angehörigen nachkommen können. Andere sind verunsichert, wenn sie daran denken, dass sie in kleinere Wohneinheiten verlegt werden, weil sie nicht wissen, mit wem sie dort unter einem Dach wohnen werden und ob das gut geht. In Details möchte ich aber nicht gehen.

SZ: Welchen Rat geben Sie diesen Menschen?

Windisch: Konkret haben mich Flüchtlinge aus der Ellwanger LEA noch nicht um einen Rat hinsichtlich ihres Zurechtkommens in Deutschland gefragt. Allgemein würde ich ihnen raten, zuerst unsere Sprache zu erlernen - wenigstens so viel, dass sie sich verständigen können. Wichtig ist es auch, dass sie Werte und Umgangsformen beachten, die in unserer Gesellschaft bedeutsam sind, damit keine negative Grundstimmung gegen sie entsteht.

SZ: Was kann Seelsorge für von Krieg und Terror Traumatisierte leisten?

Windisch: Ich denke, dass die Seelsorge ihnen helfen kann, neu zu entdecken, dass Krieg und Terror ihre Würde als Mensch nicht zerstört haben. Darüber hinaus kann Seelsorge helfen, mit ihnen den weiten und mühsamen Weg der Versöhnung zu gehen, auch wenn sie schreckliche Dinge erfahren und erleben mussten. Mit der Bereitschaft zur Versöhnung eröffnet sich eine Zukunft, die sie leben lässt.

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Texte, Fotos, Videos:

Jasmin Off
Sarah Schleiblinger
Julia Baumann
Yannick Dillinger

K. Kalishko / 123rf.com (Foto Erklärvideo)
ilyaka1972 / 123rf.com (Foto Ehrenamt)
i3alda/ 123rf.com (Foto Umfrage)

Verantwortlich:
Yannick Dillinger

Kontakt:
schwäbische.de
Karlstraße 16
88212 Ravensburg
online@schwaebische.de

Copyright:
Schwäbische Zeitung 2015 - alle Rechte vorbehalten




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Kapitel 1 Einstieg

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Kapitel 2 Zahlen, Daten, Fakten

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Kapitel 3 Der Alltag in der LEA

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Kapitel 4 Sorgen und Nöte

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Kapitel 5 Ausstieg

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Kapitel 6 Impressum

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