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Unsere Bauern

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Die Landwirtschaft steckt in einer Krise. Allein knapp 40 Prozent der Ferkelzüchter in Baden-Württemberg haben in den vergangenen fünf Jahren ihre Tore geschlossen. Bauern von Flensburg bis Lindau kämpfen um das wirtschaftliche Überleben.

In der Serie „Unsere Bauern“ begleitet die „Schwäbische Zeitung“ Landwirte bei ihrer Arbeit, geht auf die Suche nach den Ursachen der Krise und wagt einen Blick in die Zukunft eines Wirtschaftszweigs, der das Land prägt wie kaum ein zweiter.

Diese Reportage enthält neben Texten auch Panorama-Fotos und interaktive Videos.

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Hans-Benno Wichert sitzt in seinem Büro im Schloßgut Zink in Oberdischingen in der Nähe von Ulm und betrachtet mit skeptischem Blick die aktuellen Preise, die ihm sein Computer kurz zuvor ausgespuckt hat. Seit Monaten sind die Notierungen für landwirtschaftliche Produkte wie Obst, Getreide, Fleisch und Milch im Keller, kämpfen Acker- und Obstbauern, Schweinehalter und Milcherzeuger mit sinkenden Erträgen. Für Wichert ist es nicht die erste Preiskrise, die er als Ferkelzüchter und Vorsitzender des Schweinezuchtverbandes Baden-Württemberg miterlebt. „Durststrecken sind wir als Landwirte gewöhnt, der Begriff Schweinezyklus kommt nicht von ungefähr“, sagt er, „aber noch nie war die Situation so dramatisch, dass Kollegen mitten im laufenden Betrieb vor der Pleite stehen“.

Wichert selbst trifft die Krise als Ferkelerzeuger besonders hart – auch wenn sich die Preise seit ihrem Tiefpunkt im Dezember 2015 wieder etwas erholt haben. „Es ist schon bitter, mit ansehen zu müssen, dass Kollegen ernsthaft überlegen, ihre Ställe lieber leer stehen zu lassen, anstatt mit jedem Schwein noch mehr Verluste zu machen.“ Während in der Landwirtschaft gemeinhin von Strukturwandel die Rede ist – gemessen an der Zahl der Höfe die aufgeben – spricht man bei den Schweinehaltern inzwischen nur noch von Strukturbruch. Doch was genau macht die aktuelle Krise so besonders? Wie sieht sie konkret aus? Und wo liegen die Gründe für den Preisabsturz?

Wie hart die Misere die Landwirte trifft, hängt vor allem vom jeweiligen Betriebsschwerpunkt ab. Während Kartoffelbauern in den vergangenen Jahren vergleichsweise gut verdient haben und Rücklagen bilden konnten, erreicht die Krise für Milchvieh- und Schweinehalter zurzeit eine ganz neue Härte. So bekommen Erzeuger in einzelnen Regionen Deutschlands nicht einmal mehr 20 Cent für den Liter Milch. Um kostendeckend zu produzieren sind 35 bis 40 Cent nötig. Das Kilogramm Schweinefleisch bringt aktuell gut 1,60 Euro für den Züchter. Die Kosten liegen jenseits der 1,80-Euro-Marke.


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Wie lange Landwirte mit dem aktuellen Preistief klarkommen, hängt stark von der individuellen Betriebssituation ab. Muss ein Stall abbezahlt werden? Wie ist das Verhältnis zwischen Pacht- und Eigenland? Wie hoch ist die Pacht? Gibt es finanzielle Rücklagen? Und wenn ja, in welcher Höhe? Besonders prekär ist die aktuelle Situation für Betriebe, die in neue Ställe oder Technik investiert haben und denen der Schuldendienst nun die Luft zum Atmen nimmt. Ist ein Betrieb erst einmal Pleite, wird er in aller Regel nicht mehr aufgemacht. So haben in Baden-Württemberg in den vergangenen fünf Jahren knapp 40 Prozent der Ferkelerzeuger ihre Tore geschlossen. Neugründungen gibt es – auch angesichts gutbezahlter Jobs in der Industrie – in diesem Sektor nicht.

Wie in der gesamten Wirtschaft gilt auch für die Preise in der Landwirtschaft das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Entscheidend dafür ist jedoch nicht allein die Situation in Deutschland oder in Europa. Wie alle Rohstoffe, so werden auch die landwirtschaftlichen Produkte weltweit gehandelt. Und am Weltmarkt kennt die Entwicklung seit Monaten nur noch eine Richtung: abwärts. Gründe dafür gibt es gleich mehrere. Die Kombination sorgt dafür, dass die aktuelle Krise so heftig durchschlägt.

Da ist zum einen die Nachfrageseite: Durch das Russland-Embargo sind große Absatzmengen plötzlich weggebrochen, ohne dass sich die Landwirte darauf einstellen konnten. Dazu gesellt sich die weltweit schwächelnde Konjunktur, die wiederum dafür sorgt, dass deutlich weniger landwirtschaftliche Rohstoffe nachgefragt werden. Vor allem die asiatischen Märkte – allen voran China – haben die Hoffnungen der deutschen Milchbauern und Fleischerzeuger zuletzt enttäuscht.

Auf der anderen Seite hat die Landwirtschaft selbst in der Hoffnung auf stabile Preise und einer anziehenden Nachfrage die Produktion gesteigert und damit in vielen Bereichen ein Überangebot geschaffen. Spanien zum Beispiel hat Deutschland als größten Schweinefleischproduzenten in der EU inzwischen überholt. Und bei Milch ächzt die gesamte Branche unter einem weltweiten Überangebot – an dem auch die Bauern hierzulande nicht unschuldig sind.

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Verstärkt wird das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage durch die spezielle Situation in der deutschen Nahrungsmittelbranche: Einer hohen Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel, wo die vier großen Ketten Edeka, Rewe, Schwarz (Lidl) und Aldi die Preissetzungsmacht haben, steht eine zersplitterte Erzeugerstruktur mit in der Regel kleinen und mittelständischen Betrieben gegenüber – 41600 in Baden-Württemberg, 280000 bundesweit. Das führt dazu, dass das Marktrisiko gegenwärtig allein auf dem Rücken der Erzeuger abgeladen wird.

So unvorhersehbar das Auf und ab an den Agrarmärkten ist, so vorhersehbar ist die Reaktion der Betroffenen: Wird es wirtschaftlich eng ertönt der Ruf nach Hilfe – in der Regel erfolgreich. Auf dem „Milchgipfel“ Ende Mai wurden den besonders in Bedrängnis geratenen Milchbauern staatliche Hilfen von 100 Millionen Euro plus X versprochen. Und auch aus Brüssel wird es wohl ein erneutes Hilfsprogramm geben. Angesichts der Größe des Milchmarktes ist das nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ein ziemlich problematischer obendrein monieren Kritiker: Denn eine Branche, die Verluste sozialisiert, habe früher oder später ein Akzeptanz- und Rechtfertigungsproblem.

Der Markt selbst kennt dagegen nur zwei Auswege: Entweder sinkt das Angebot oder die Nachfrage steigt. Der Preis ist dafür das maßgebliche Korrektiv. Je schneller ein Teil der Betriebe vom Markt verschwindet, um so schneller geht es dem Rest wieder besser. Eine realistische Option ist das allerdings nicht. Schließlich leisten die Landwirte über die reine Produktion hinaus auch einen landeskulturellen Beitrag, den sonst der Staat übernehmen müsste – angefangen von der Erosionsvermeidung bis hin zu Maßnahmen zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und zum Gewässerschutz. Die Politik versucht deshalb, auf beiden Seiten einzugreifen. Sie diskutiert über Mengensteuerung bei der Milch und will neue Absatzmärkte erschließen.

In diesem Spannungsfeld kämpfen Landwirte von Flensburg im Norden bis Lindau im Süden um das wirtschaftliche Überleben. Kaum ein Thema wird deshalb so kontrovers diskutiert wie das freier Märkte und globalem Agrarhandel. Für die Kritiker ist es ein Unding, das „tägliche Brot“ von sieben Milliarden Menschen dem mehr oder minder freien Spiel von Angebot und Nachfrage zu überlassen. Für die Befürworter ist es alternativlos, um die wachsende Menschheit zu ernähren und Wohlstand zu schaffen. Die deutsche Landwirtschaft beispielsweise erwirtschaftet heute jeden vierten Euro mit dem Verkauf von Produkten außerhalb Deutschlands, kommt aber dennoch nicht ohne den Import von Agrar- und Ernährungsgüter aus.

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„Deutschland ist Teil der Europäischen Union und Teil des Weltmarktes. Ob mir das als Landwirt gefällt oder nicht tut nichts zur Sache“, sagt etwa Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, für den das Modell einer marktoffenen Landwirtschaft „Ergebnis politischer Entscheidungen ist“ und keine Kopfgeburt der Bauernverbände. Im Wissen um die Risiken habe man sich vor Jahren dafür entschieden, die möglichen Chancen auf den Weltmärkten höher zu gewichten. „Nun müssen wir versuchen, uns darauf einzustellen.“

Denn es gilt als ausgemacht, dass Landwirte mit anhaltend hohen Schwankungen der Preise zu leben haben werden. Das fordert vor allen von den Bauern den Willen und die Bereitschaft zur Veränderung. Ein weiter so ist keine Option. In einem zunehmend deregulierten Markt mit internationalen Wettbewerbern ist das Geschäft für die Landwirte hierzulande nämlich nicht einfach: Höhere Tierschutz- und Umweltauflagen in vielen Bereichen, vergleichsweise kleinteilige Strukturen – vor allem im Südwesten – und politischer Aktionismus sorgen dafür, dass Bauern in Deutschland deutlich teurer produzieren als ihre Kollegen in Spanien oder Brasilien, aber mit ähnlich niedrigen Preisen klarkommen müssen.

Punkten müssen die Landwirte in Deutschland daher mit qualitativ hochwertigen Produkten, die eine höhere Wertschöpfung ermöglichen. Klasse statt Masse ist die Devise, die sich mittlerweile auch der Bauernverband auf die Fahnen schreibt. Denn in einem gewissen Rahmen sind die Verbraucher bereit, für solche Produkte höhere Preise zu akzeptieren. Die Frage der richtigen Vermarktung ist dabei mitentscheidend. Die Praxis zeigt, dass dieses Konzept funktioniert und dass immer mehr Bauern diese Botschaft inzwischen auch verstanden haben.

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Vorneweg: Ralf Reich will kein Jammerer sein, darauf legt er Wert. „Ich versuche immer, die Dinge sachlich zu sehen und die Zusammenhänge zu verstehen, auch wenn es nicht einfach ist“, sagt er. Derzeit ist das tatsächlich nicht einfach, denn der 35-Jährige ist Milchbauer. Es ist kurz vor 19 Uhr, eben ist er mit dem Melken seiner 110 Holsteiner Kühe fertig geworden. Er trägt noch seine graue Latzhose, ein dunkles T-Shirt, und auf der Nase sitzt eine schwarze Hornbrille. Die Sätze, die er sagt, wirken durchdacht, nüchterne Zahlen und Analysen sind sein Ding. Mit Emotionen kann er nicht viel anfangen. Kurz: Reich ist einfach der Typ Unternehmer – ein Schaffer und Macher. Man könnte sich ihn auch leicht als Chef irgendeines anderen Betriebs vorstellen. Aber die Familientradition hat ihn halt Milchbauern werden lassen.

Es ist einer der nicht gerade üppig gesäten schönen Sommerabende dieses Jahres. Von der Terrasse des modernen Wohnhauses der Familie Reich geht der Blick über weite, flache Felder. Grünland dominiert. So ein freier Blick ist eher unüblich für Oberschwaben, aber der Aussiedlerhof der Reichs liegt mitten im Schussental bei Weiler, einem Teilort der Gemeinde Berg im Landkreis Ravensburg. Vor 13 Jahren sind sie hierher gezogen, weil die Emissionsschutzbestimmungen eine Hoferweiterung drüben im Dorf verhindert haben. Großzügig wirkt dieser neu gebaute Bauernhof – und extrem aufgeräumt und sauber. Links vom Wohngebäude steht der Kuhstall, die Rolltore sind vorne und hinten offen. Ab und zu dringt ein gelangweilte „muh“ nach draußen. Es gibt noch ein Wirtschaftsgebäude sowie die Fahrsilos, in denen der gehäckselte Mais der letzten Ernte gelagert ist. Vor dem Stall steht ein grüner Traktor, der nicht untermotorisiert wirkt. Alles in allem: ein modernes landwirtschaftliches Idyll.

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„Die übelste Phase“: Anton, Elfriede und Ralf Reich (von links, Foto: Roland Rasemann)
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Der 69-jährige Anton Reich und seine Frau Elfriede sind die wichtigsten Mitarbeiter des Sohnes. Bereits mit 22 Jahren hat der den Betrieb übernommen, als jüngstes von vier Kindern. Seine zwei Brüder und die Schwester hatten kein Interesse an der Landwirtschaft, einer der Brüder hilft aber mit, wenn Not am Mann ist. Die Eingangsfrage, ob sie sich an eine vergleichbare Situation erinnern können, beantworten Ralf Reich und sein Vater ohne langes Überlegen. „Es ist die definitiv übelste Phase“, sagt der Jungbauer. Und Anton Reich, der auf viele Jahrzehnte als Milchbauer zurückblicken kann, ergänzt: „So schlimm war es noch nie.“

Ein paar Zahlen: Am 12. Juli 2016 lag der von der Molkereigenossenschaft Omira bezahlte Preis pro Kilogramm Milch bei exakt 21,9 Cent. Vor rund zwei Jahren waren es 40 Cent. Anton Reich wirft ein: „1989 bekamen wir 82 oder 86 Pfennig für den Liter.“ Ein Erlös von rund 30 Cent, sagt Ralf Reich, würde seine Kosten decken. Gewinn hätte er dabei noch nicht gemacht. Seine Hochleistungskühe produzieren eine Million Liter/Kilogramm Milch pro Jahr. Im Klartext heißt das: Wenn die Milchpreise so bleiben, dann steht für Ralf Reich am Jahresende ein Verlust von etwa 80.000 Euro zu Buche. Auf Dauer kann das nicht einmal der gesündeste Betrieb aushalten.

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„Die übelste Phase“: Anton, Elfriede und Ralf Reich (von links, Foto: Roland Rasemann)
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Video: So züchtet Ralf Reich seine Kühe

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Ralf Reichs Betrieb ist ein gesunder. „Wir sind Mitglied im landwirtschaftlichen Beratungsdienst, eine Art Unternehmungsberatung für Milchviehbetriebe“, sagt Reich. Er kenne die Auswertungen zahlreicher Betriebe und wisse deshalb, dass sein eigener durchaus kosteneffizient laufe. Geradezu makaber mutet an: Die Reichs haben exakt das gemacht, was Politik, Bauernverbände und Wirtschaftsberater über Jahre hinweg gefordert haben, um Betriebe langfristig wettbewerbsfähig zu halten. Sie haben ihren Hof mit seinen ursprünglich 15 Hektar Land deutlich vergrößert. Durch Zukauf und Pacht bewirtschaftet Ralf Reich heute 90 Hektar Ackerland und Wiesen. Sie haben – übrigens mit EU-Fördergeld – hohe Summen investiert in einen Stall mit artgerechter Tierhaltung. „Heute“, sagt Ralf Reich, „würde so ein Stall mindestens eine Million Euro kosten.“ Sie haben die Anzahl ihrer Kühe aufgestockt und deren Milchleistung gesteigert. Sie haben für rund 200000 Euro Milchquote gekauft, also die Rechte, ihre Milch auch straffrei abliefern zu können. Vor einem Jahr wurde dann die Milchquote abgeschafft, und seitdem steigt europaweit die Produktion – und die Preise fallen.

Das hat auch damit zu tun, dass bestimmte Prognosen grottenfalsch und bestimmte Entwicklungen nicht vorhersehbar waren. Die deutschen Milchbauern, so lautete jahrelang die Devise, sollten den Weltmarkt beliefern. China etwa schreie geradezu nach deutschem Milchpulver. Dummerweise bauen die Chinesen inzwischen selber riesige Kuhställe. Das Handelsembargo gegen Russland gibt den deutschen Milchbauern momentan den Rest. Und: Ralf Reich ist inzwischen zur Überzeugung gelangt, dass bäuerliche Familienbetriebe wie der seine auf dem Weltmarkt für Milch gar nicht mithalten können. Er ist nach Neuseeland gereist und hat sich die dortigen Betriebe angeschaut. „Das Klima ist so günstig, dass man keine Ställe bauen und auch kein teures Winterfutter bereithalten muss.“ Gras wachse üppig das ganze Jahr über. Oder die USA: Dort würden die Kühe mit Hormonen behandelt, um die Leistung zu steigern. Hier sei das verboten. „Gott sei Dank“, merkt er an.

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„Aufhören am schwierigsten“: Ralf Reich im Stall. (Foto: Roland Rasemann)
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Im Süden Deutschlands aber, dessen Landwirtschaft geprägt ist durch die Familienbetriebe mit überschaubarer Größe, sind angesichts des Preisverfalls diejenigen die Dummen, die alles richtig gemacht haben wie die Reichs. Es gebe genügend Kollegen, die eigentlich keine Lust mehr hätten, weiterzumachen, sagt Ralf Reich. Aber: „Für diejenigen, die investiert haben, ist das Aufhören am schwierigsten.“ Wer auf Milchwirtschaft gesetzt und beispielsweise teure Melkanlagen angeschafft hat, der kann eben nicht einfach umstellen auf andere Bewirtschaftung. Seine Kredite muss er aber bedienen. Und daraus folge: „Die wettbewerbsfähigsten Betriebe sind die ersten, die aufgeben müssen.“ Die Frage sei jetzt, wer wie lange durchhalten könne. Wenn die Rücklagen, das Ersparte aufgezehrt sind, wenn neue Investitionen fällig werden, etwa ein neuer Traktor, dann kann das das Ende eines Betriebs bedeuten, der über Jahrhunderte in Familienhand war.

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„Aufhören am schwierigsten“: Ralf Reich im Stall. (Foto: Roland Rasemann)
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Video: Darum steigt Bauer Reich nicht auf Bio um

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Und Ralf Reich? Hat er sich schon eine Altenative überlegt? „Nein“, sagt er spontan, „so weit bin ich noch nicht.“ Den Umstieg auf Bio hält er für riskant, weil das immer mehr Kollegen machen. „Aber die Gesetze von Angebot und Nachfrage gelten auch für die relativ kleine Öko-Branche.“ Bald könnte auch hier ein Sättigungseffekt da sein, die Preise würden fallen. Der 35-Jährige sieht für sich und die Branche nur zwei Möglichkeiten. Die erste: Man überlässt die Entwicklung dem Markt. Wenn genügend Milchbauern aufgegeben haben, dann steigen auch die Preise wieder, weil die Milchmenge gesunken ist. „Aber dann müssen sich alle bewusst sein, dass die Milch nicht mehr von Familienbetrieben aus Oberschwaben oder dem Allgäu kommt, sondern aus reinen Gewerbebetrieben mit Ställen für 1000 oder noch mehr Kühe.“

Oder aus Übersee. Nicht zuletzt das Landschaftsbild würde sich dadurch dramatisch verändern, meint Ralf Reich. Die zweite Möglichkeit wäre die Schaffung „vernünftiger Rahmenbdingungen“. Die könnten angelehnt sein an das kanadische Modell: Für die im Binnenmarkt nachgefragte Milch bekommt der Landwirt einen Mindestpreis, für die Überschussproduktion gilt der Weltmarktpreis. Dabei ist Ralf Reich klar: Die billig in Entwicklungsländer exportierten Lebensmittel machen den Bauern dort die Existenzen kaputt. Er sieht darin eine traurige Folge der globalisierten Agrarmärkte. Überhaupt sei die Landwirtschaft Verliererin der Globalisierung.

Wie viele andere bäuerliche Familienbetriebe können die Reichs nur abwarten und hoffen, dass die Milchpreise wieder steigen. Und dass sie dann noch dabei sind. Der 69-jährige Anton Reich sagt: „Oft wache ich in der Nacht auf, und dann kann ich nicht mehr einschlafen.“

Sehen Sie hier den Hof von Landwirt Ralf Reich in einer interaktiven 360-Grad-Tour

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Grafikmilchpreise
Hier sehen Sie, wie sich der Milchpreis - in Cent pro Kilogramm - seit 2012 entwickelt hat.
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Sonderangebote, Superdeals und Dauertiefpreise überall – Supermärkte, die in Deutschland um Kunden werben, locken vor allem mit einem Argument: mit dem Preis. Wer beim Lebensmitteleinkauf genau hinschaut, kann hierzulande seinen Tisch für wenig Geld reichlich decken. Doch was den einen freut, ist auf der anderen Seite ein Problem, das macht die Diskussion um den Milchpreis deutlich. Denn unter den Niedrigpreisen, auf die die Kunden täglich Kaufentscheidungen gründen, leiden die Erzeuger der Lebensmittel: die Milch- und Getreidebauern, die Käsereien und Obstwirte, die Rinder- und Schweinezüchter. Darf ein Liter Frischmilch abgepackt und gekühlt weniger als einen halben Euro kosten? Ein Kilogramm Bratwurst 3,79 Euro? Ein Kilogramm Brot nur 1,99 Euro? Und wer hat Schuld daran, dass Angebote wie diese aufgerufen werden?

Beim Thema Milchpreis schauen alle auf die Handelskonzerne: Vier große Anbieter beherrschen den Markt. Nach Angaben des Bundeskartellamtes teilen sich Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland 85 Prozent des Kuchens. Dabei hat die Konzentration in den letzten Jahren rasant zugenommen: „1999 hatten wir bundesweit noch acht große Lebensmittelhändler mit 70 Prozent Marktanteil“, moniert der Präsident des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt. Die Ablehnung der Übernahme von Kaiser’s Tengelmann durch den Branchenprimus Edeka ist für ihn deshalb schlüssig.

Hinter der Preisdrückerei wird also die geballte Einkaufsmacht der großen Konzerne vermutet, die den rund 6000 Herstellern von Lebensmitteln, die Kondionen diktieren können. Auf dem 160 Milliarden Euro schweren Lebensmittelmarkt tobt ein harter Wettbewerb: Die Jagd nach Marktanteilen führt zu Schnäppchenpreisen. Der zweite Grund ist der hohe Discounter-Anteil: Mehr als 40 Prozent des Umsatzes entfallen auf Aldi, Lidl und Co - und die haben uns Deutsche zu echten Pfennigfuchsern erzogen, meint Wolfgang Adlwarth, Handelsexperte bei der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg: „Die Discounter haben über Jahre den Preis als Kaufargument in den Vordergrund gerückt.“ Profiteure sind die Verbraucher: „Im europäischen Vergleich sind die Lebensmittelpreise in Deutschland niedrig.“

Grafikmilchpreise
Hier sehen Sie, wie sich der Milchpreis - in Cent pro Kilogramm - seit 2012 entwickelt hat.
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Video: Bauer Markus Stützenberger spricht über die Folgen der Milchkrise in Wangen

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Allerdings hat den Umfragen der Konsumforscher zufolge die Geiz-ist Geil-Epoche ihren Zenit überschritten. Legten vor zehn Jahren nur 42 Prozent der Befragten Wert auf Qualität, so sind es mittlerweile über die Hälfte. Und der Einzehlhandel reagiert darauf: neben der Billig-No-Name-Milch steht bei Rewe etwa die „faire“ Milch im Regal, die bessere Preise für die Erzeuger verspricht, bei Lidl gibt es seit kurzem die genfreie Milch. Edeka Südwest wirbt sogar offensiv damit, dass die Preise in ihren Supermärkten konstant bleiben und diese Strategie den Milchbauern zugute kommen soll: „In Verhandlungen mit den Molkereien besteht Edeka Südwest nun darauf, dass die Erlöse aus gleichbleibenden Einkaufspreisen an die Landwirte weitergegeben werden.“ Man wolle zudem den Verbrauchern die Möglichkeit geben, mit dem Kauf regionaler Produkte gezielt die Landwirte in der Region zu unterstützen.

Damit trifft der Branchenprimus den Zeitgeist: Regionalität, biologische Produktion und Nachhaltigkeit stehen hoch im Kurs. Doch greift der Kunde tatsächlich zur nachhaltig erzeugten „fairen“ Milch? „Wer qualitätsbewusst kauft, ist auch bereit etwas mehr zu zahlen“, sagt Konsumforscher Adlwarth. Nach Zahlen des Einzelhandels-Verbandes (HDE) beträgt der Bio-Anteil gerade mal fünf Prozent am gesamten Lebensmittel-Umsatz. Welchen Anteil regionale Produkte haben, wird nicht erhoben.

Insgesamt dürfte der Trend zu Qualität noch zu schwach sein, um nachhaltig auf die Erzeugerpreise durchzuschlagen. Oftmals sei eben der Geldbeutel doch der entscheidende Faktor, meint Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Baden-Württembergischen Einzelhandels: „Viele Menschen müssen mit jedem Euro rechnen.“

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131008 gebietskulisse natio
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„Landschaftsschutz ist ohne Bäuerinnen und Bauern nicht möglich. Was sie für die Pflege der Landschaften leisten, wäre anders niemals finanzierbar“, sagt Maria Heubuch. Die grüne Politikerin sitzt im EU-Parlament. Ein anderer Teil ihres Lebens spielt sich aber auf einem Hof hinter Leutkirch im württembergischen Allgäu ab – dort, wo die Landschaft langsam zu den Höhen der Adelegg ansteigt. Dies ist ihre Heimat. Wiesenhügel, Waldstücke und Bachtäler bestimmen das Landschaftsbild.

Vor allem Milchwirtschaft wird in jener Ecke betrieben. Grünland herrscht vor, genutzt als Weide und als Futterlieferant für das Vieh im Stall. So war es seit Generationen. So ist es vielleicht auch künftig noch – vorausgesetzt, die Bauern können mit ihrem Tun Geld verdienen. Im Bereich der kriselnden Milchwirtschaft ist eine Prognose schwer. Ohne Bauern wird die landschaftlich offene Gegend aber rasch anders aussehen.

Was passieren könnte, lässt sich am Schwarzwald zeigen. Die Beweidung des Mittelgebirges wurde Zug um Zug aufgegeben. Der Wald kam zurück. In diesem Fall erneut als Kulturlandschaft in Form von forstlichen Fichten-Monokulturen. Inzwischen gibt es den nächsten Wandel. Klimastabiler Mischwald soll nach dem Willen der Förster wachsen. Im Norden ist ein Nationalpark gegründet worden. Das Ziel: Wildnis. Diese gesellschaftlich durchaus umstrittene Art der Landschaftsform entsteht in manchen Ecken der Allgäuer Alpen oder des benachbarten Bregenzer Wald bereits ohne menschliche Planung. Abgelegene, in modernen Zeiten unrentabel gewordene Hochweiden werden aufgegeben. Sie verbuschen. Das gewohnte Bild von sanften Bergwiesen schwindet. Statt Alm-Idylle stößt man auf Disteln und Krüppelkiefern.

Bedroht sind auch andere Formen der Kulturlandschaft, etwa Streuobstwiesen am Bodensee oder Wachholderheiden auf der Schwäbischen Alb. Öko-Freunde schätzen sie als besonderes Refugium für allerlei Pflänzchen und Getier. Doch die Streu wird nicht mehr gebraucht, Apfelwirtschaft findet in Plantagen statt. Wachholderheiden wiederum existieren nur so lange, wie noch die selten werdenden Schafherden darauf weiden. Sollte man nun mit Hilfsmaßnahmen eingreifen, um die Landschaft so zu erhalten, wie sie von der Bewirtschaftung geformt wurde?

Dabei fließen seit Längerem Mittel zur Konservierung altehrwürdiger Kulturlandschaften. Es gibt öffentliche Gelder für den Schutz von Streuobstwiesen. Über das Agraumweltprogramm FAKT wurden im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg rund 19 Millionen Euro für die Landschaftspflege ausgeschüttet.

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Video: Bauern übernehmen Pflege von Obstgarten - und setzen jetzt Pflanzenschutzmittel ein

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„Landschaftspflege lässt sich für einen Landwirt nur betreiben, wenn auch seine Landwirtschaft funktioniert“, betont Horst Wenk vom baden-württembergischen Landesbauernverband. „Letztlich ist der Bauer ein Unternehmer“, sagt er.

Meist wird also nur gemacht, was Geld in die Kasse bringt. So nahm etwa in klimatisch begünstigten Regionen der Maisanbau zusätzlich zu, als die Betreiber von Biogasanlagen einen entsprechenden Bedarf hatten. Aber schon zuvor war die Pflanze als Futterlieferant für die steigenden Tierbestände für Bauern attraktiver geworden. So hat in Baden-Württemberg die Ackerfläche für Mais allein in den vergangenen fünf Jahren um fast elf Prozent zugenommen. Nach Zahlen aus dem Landwirtschaftsministerium dürften grob geschätzt etwa ein Fünftel der Ackerfläche im Südwesten für den Maisanbau genutzt werden.

Schon länger gibt es in diesem Zusammenhang das Schlagwort von der Vermaisung der Landschaft. Auch deshalb erließ die vorherige Landesregierung ein Umbruchverbot für Grünland. Es darf nicht mehr in einen Acker umgepflügt werden. Dies ist auch eine Art landschaftspflegerischer Eingriff. Mancher Bauer empfand ihn sogar als Enteignung. Für die Pflege des Grünlands, vor allem für seine extensive Nutzung, gibt es zwar auch Fördermittel. Selbst die gemeinsame Agrarpolitik der EU hat diesen Punkt erfasst. Das Zauberwort heißt „Greening“ – Grünen.

Seit 2015 gilt: Nur wer sich als Bauer liebevoll für Wiesen einsetzt, erhält Direktzahlungen der EU. Er muss jedoch auch exakte Vorgaben einhalten – wie bei all den Pflege-Programmen. Auch dies passt nicht jedem Bauer. „Da wirst Du gegängelt. Und das Geld ist doch nur ein Zubrot“, heißt es immer wieder zurückhaltend aus landwirtschaftlichen Kreisen.

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Heiratswillige Landwirte am oberbayerischen Staffelsee können derzeit mit einem trendigen Hochzeitsgeschenk rechnen. In der Region, die auch als „Blaues Land“ bekannt ist, gehört zu einer richtigen Bauernhochzeit als Geschenk ein Rind. Nicht irgendeines natürlich, sondern ein Murnau-Werdenfelser. Lange stand die einzige Rinderasse urbayerischer Herkunft knapp vor dem Aussterben. Seit einiger Zeit erfreuen sich die robust gebauten Tiere wieder wachsender Beliebtheit – nicht nur als Präsent zur Trauung.

Der Stall von Georg Mayr ist geräumig, die Holzbalken noch hell. Erst vor drei Jahren wurde der Bau errichtet. Gut 120 Rinder hält Mayr auf seinem Bio-Hof in Riegsee bei Murnau, vor allem Ochsen. Ein Drittel davon sind Murnau-Werdenfelser, die hier viel Bewegungsfreiheit haben. „Zehn Quadratmeter Fläche pro Tier“, sagt Mayr. „Das ist das eineinhalbfache von dem, was für einen Biobetrieb vorgeschrieben ist.“

Bis vor drei Jahren war Georg Mayr ein Milchbauer. Einer, der bei jedem Protestzug für höhere Erzeugerpreise dabei war, in Berlin und in Brüssel. „Eine Katastrophe“ sei der Verfall des Milchpreises, sagt er. Irgendwann hat es ihm gereicht. Mayr suchte sich ein anderes Geschäftsfeld. Und sattelte um von der Milch- auf die Fleischproduktion, für regionale Abnehmer in der Gastronomie. Seine Nische fand er mit den Murnau-Werdenfelsern. „Die sind nicht so schwer, eine niedrigere Rasse“, sagt Mayr. „Die Fleischleistung ist 15 Prozent niedriger als beim Fleckvieh.“ Trotzdem lohnt sich das Geschäft, weil das Fleisch hochpreisiger ist. Der Trend, dass ein Teil der Konsumenten für regionale Lebensmittel aus ökologischer Produktion bereit sind, mehr Geld auf den Tisch zu legen, ist die Grundlage für Mayrs Geschäft – und wohl auch für das Überleben des Murnau-Werdenfelser Rindes an sich.

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Der Bewusstseinswandel der Fleischgenießer kam für die Murnau-Werdenfelser keinen Moment zu früh. Zweimal, 1986 und 2007, wurde er von der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen“ (GEH) zur „Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres“ gekürt. Dabei war es bis in die Nachkriegszeit die dominante Rinderrasse in der Region. Das heute dominante Fleckvieh war kaum auf den Weiden zu sehen. Denn die robuste Landrasse war als „Dreinutzungsrind“ gewissermaßen ein Allrounder: Beliebt als Milch- und Fleischlieferant, vor allem aber als Zugochse. Mit der Verbreitung des Traktors fiel diese Aufgabe weg; und mit den Milchkühen eigens dafür hochgezüchteter Rassen wie dem Fleckvieh konnte das Traditionstier nicht mithalten.

Nach und nach verschwand es von der Bildfläche. Vor zehn Jahren gab nur noch 150 bis 160 Murnau-Werdenfelser Milchkühe im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, ihrem Hauptzuchtgebiet. Heute leben hier wieder etwa 1000 Tiere, und weitere 600 Artgenossen in benachbarten Landkreisen. Im April diesen Jahres veranstaltete der Zuchtverband im Freilichtmuseum Glentleiten eine Rasseschau – die erste seit 56 Jahren.

Das liegt auch an Jürgen Lochbihler. Der Münchner Gastronom betreibt das Traditionshaus „Der Pschorr“ am Viktualienmarkt. Seine Überzeugung in Sachen Murnau-Werdenfelser: „Wenn wir die Rasse am Leben erhalten wollen, müssen wir sie essen.“

Im Pschorr kommen die Ochsen aus Mayrs Stall auf die Teller der Kunden: gesotten, geschmort, als Tatar oder Tafelspitz. Er sei vor zwölf Jahren auf die selten gewordenen Tiere aus dem Alpenvorland aufmerksam gemacht worden, erzählt Lochbihler und lobt den „sehr intensiven Rindfleischgeschmack“. 2005 habe er erstmals der Murnau-Werdenfelser zur Schlachtung gesucht – kein einfaches Unterfangen. „Da haben wir mit Mühe 15 Tiere zusammengebracht.“

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Landwirt Josef Schmid hält Murnau-Werdenfelser Rinder – eine der seltensten Rinderrassen in Deutschland.
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Einer von fünf Bauern, die damals einen Vertrag mit dem Pschorr-Wirt gemacht haben, war Josef Schmid. Sein Hof ist nur ein paar Schritte entfernt von dem seines Kollegen Mayr. Auch Schmid hält Murnau-Werdenfelser. Man habe Lochbihlers Interesse an den Tieren als dessen persönlichen Spleen betrachtet, erzählt der Landwirt. Daheim hätten die Alten das neu erweckte Interesse belächelt: „Wir haben früher mit den Murnau-Werdenfelsern aufgehört, ihr fangt’s wieder an.“ Aber den Kunden in München schmeckt es offenbar: „Wir können doppelt oder dreimal so viel verkaufen“, sagt Gastronom Lochbihler, der das Fleisch mittlerweile auch über einen Spezialhandel vertreibt. „Aber das geht halt nicht.“ Der Bestand wachse eben nur langsam wieder.

Trotz aller Bemühungen führt die GEH das Murnau-Werdenfelser Rind weiter auf der „Roten Liste“ der bedrohten Nutztierrassen. Als eine von drei Rinderrassen in Deutschland ist es als „extrem gefährdet“ eingestuft. Diese Kategorie teilt sich das Murnau-Werdenfelser mit zwei ebenso seltenen wie traditionsreichen Rassen – dem in Ostwürttemberg beheimateten Limpurger Rind sowie dem Ansbach-Triesdorfer Rind aus Franken. Und in dieser Kategorie wird es trotz seiner steigenden Zahl auch erst einmal bleiben, sagt GEH-Geschäftsführerin Antje Feldmann. Denn die Züchter haben ein Problem mit den Genen. Da es wegen der geringen Zahl der Rinder überhaupt nur noch drei verschiedene Blutlinien gab, setzten sie auf Einkreuzungen anderer Rassen, um den Gen-Pool zu erweitern und keine Schäden durch Inzucht zu verursachen. Dabei griffen sie aber auf Rinder zurück, die genetisch sehr unterschiedlich sind, die französische Tarentaise etwa. „Die Bedrohung nimmt zu, je mehr Einkreuzungen es gibt“, mahnt Feldmann. Sie sähe lieber Einkreuzungen mit dem Braunvieh, denn das ist näher verwandt.

Für die Artenschützerin sind die selten gewordenen Nutztierrassen ein „Kulturgut, das über Jahrhunderte entstanden ist“ und daher ebenso schützenswert sei wie etwa ein Denkmal. Aber es gebe auch praktische Gründe, die Biodiversität zu erhalten: „Der Geenpool ist noch in weiten Teilen unbekannt, wir wissen gar nicht, was wir verlieren würden.“ Spezielle Eiweiße in der Milch bestimmter Rassen könnten zum Beispiel eines Tages für Allergiker eine wichtige Rolle spielen.

Der Riegseer Landwirt Schmid schätzt seine Murnau-Werdenfelser noch aus einem anderen Grund: „Das sind schöne Viecher“, sagt er anerkennend mit Blick auf die friedlich grasenden, braungelben Rinder. Allerdings hält er nur 25 Tiere. „Ein Hobbybetrieb“, sagt er. „Leben kann man davon nicht.“ Sein Geld verdient der Landwirt mit Alpakas. Der Verkauf südamerikanischer Kamele macht ihm die Zucht oberbayerischer Rindviecher erst möglich.

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Landwirt Josef Schmid hält Murnau-Werdenfelser Rinder – eine der seltensten Rinderrassen in Deutschland.
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Lautstarke Proteste, ausgekippte Milchtüten und dampfende Misthaufen in Innenstädten – die Milchbauern wissen, wie sie medial wirksam auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen können. Schweinehalter, sagt Hans-Benno Wichert, sind da ganz anders. „Die machen ihre Tore einfach zu wenn es wirtschaftlich nicht mehr weiter geht.“ Es ist ein leises Sterben in einer Branche, die noch stärker unter der Preismisere in der Landwirtschaft leidet als es die Milchbauern tun.

Als Beweis legt Wichert, der als Vorsitzender des Schweinezuchtverbandes Baden-Württemberg die Nöte der Kollegen aus dem Effeff kennt, aktuelle Zahlen vor. Und die zeichnen ein Bild des Niedergangs: So ist die Zahl der Schweinehalter im Südwesten in den vergangenen fünf Jahren von 3600 auf 2400 zurückgegangen. Ferkelzüchter – traditionell eine Domäne im Südwesten – gab es 2011 rund 1800 in Baden-Württemberg; heute sind es noch 1100. Und bei der Anzahl der Tiere ist mit rund 1,8 Millionen Sauen das Niveau des Jahres 1963 erreicht.

„Die Situation ist desaströs. Wir haben es am Schweinemarkt mit einem regelrechten Strukturbruch zu tun“, sagt Wichert, der selbst Ferkelzüchter ist – rund 120 Muttersauen und etwa zehn Mal so viele Ferkel zieht er an drei Standorten in und um Oberdischingen, in der Nähe von Ehingen, auf. Eine seit Jahren anhaltende ruinöse Preissituation raube den Betrieben die Perspektiven. Seit dem Sommer 2014 ist der Kilopreis für Schweinefleisch (Schlachtgewicht), den Erzeuger wie Wichert erlösen, von 1,80 auf 1,25 Euro zum Jahreswechsel 2015/16 gefallen. Die Gründe dafür sind das Rußland-Embargo, durch das ein wichtiger Exportmarkt für Schweinefleisch komplett ausgefallen ist, der anhaltende Preisdruck für Schweinefleisch am Weltmarkt, ausgelöst durch eine geringere Nachfrage in wichtigen asiatischen Abnehmerländern wie etwa China und eine massiv hochgefahrene Produktion in Staaten mit günstigeren Kostenstrukturen wie Spanien und Brasilien sowie – ein primär deutsches Phänomen – die Konzentration am Ende der Wertschöpfungskette bei Schlachtereien und im Lebensmitteleinzelhandel, wo jeweils eine Handvoll Unternehmen den Markt dominieren und die Preise setzen.

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Video: Das sagen Schweinehalter über den Fleischpreis

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Inzwischen haben sich die Notierungen zwar um rund 40 Cent berappelt. Mit 1,65 Euro pro Kilogramm, sagt Wichert, liegt der Preis für die meisten Betriebe aber immer noch deutlich unter den Kosten. Und die steigen – auch wegen höherer Anforderung an den Tier- und Umweltschutz. „Das Konto ist leer“, bringt Wichert die Situation vieler Betriebe im Südwesten auf den Punkt, und befürchtet in der Konsequenz den Verlust regionaler Erzeugerstrukturen. „Das Verlangen der Verbraucher nach regionalen Produkten kann vor diesem Hintergrund bald nicht mehr erfüllt werden.“

Doch was noch viel schlimmer sei: „Man fühlt sich als Schweinezüchter unerwünscht.“ In der Tat. Spricht man mit Schweinezüchtern und -haltern ist es vor allem die Diskussion um die Nutztierhaltung in Deutschland, die der Branche zu schaffen macht. Mehr noch als das aktuell unbefriedigende Preisniveau. Dabei ist es nicht so, dass sich die Bauern dem Diskurs verweigern. „Die Gesellschaft soll reinreden“, sagt Wichert. Doch würden die Diskussionen oftmals zu radikal geführt, das ökonomisch Machbare gerate aus dem Blick. „Auflagen sind schnell beschlossen. Doch Betriebe, die aufgrund dieser Auflagen schließen müssen wiederzueröffnen, wird nicht funktionieren", glaubt Wichert. Umso frustrierter sind viele Schweinehalter wenn einerseits mehr Tierwohl gefordert wird, was oftmals erhebliche Investitionen nach sich zieht, das Schnitzel im Supermarktregal aber trotzdem nicht teurer werden darf. Ein Beispiel: die von der Politik verordneten Auflagen zur Gruppentierhaltung tragender Sauen. „Mit jeder neuen Vorgabe beginnt bei uns Schweinezüchtern das große Umräumen in den Ställen“, sagt Wichert.

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Schw%c3%a4bischhallschweine
Die sogenannten Mohrenköpfle, wie die Rasse ihrer charakteristischen Färbung wegen genannt wird, galten Anfang der 1980er-Jahre als ausgestorben.
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Ortswechsel. Wolpertshausen im Landkreis Schwäbisch Hall im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs. Im Sonnenhof, im Zentrum der 2000-Seelen-Gemeinde, sitzt Joachim Bühler und antwortet mit deutlich entspannterer Miene auf die Fragen zur Situation der Schweinezüchter und -halter. Bühler ist Chef der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall – kurz: BESH – und züchtet in seinem Familienbetrieb selbst Schweine.

Nicht irgendwelche, sondern das Schwäbisch-Hällische Landschwein. Die sogenannten Mohrenköpfle, wie die Rasse ihrer charakteristischen Färbung wegen genannt wird, galten Anfang der 1980er-Jahre als ausgestorben. Nur sieben Sauen und ein Eber der Schwäbisch-Hällischen hätten auf Höfen in Wolpertshausen überlebt, sagt Bühler. Vor allem ihm ist es zu verdanken, dass heute rund 3500 Muttersauen jährlich etwa 70000 Ferkel werfen.

Seine Idee der Wiederbelebung einer verloren geglaubten, traditionsreichen Landrasse ist zugleich die Geburtsstunde der BESH – einer Erzeugergemeinschaft, der heute 1400 Landwirte angehören und die auf anderes Landwirtschaftskonzept setzen: auf regionale Produkte, auf eine regionale Vermarktung und auf eine artgerechte Tierhaltung bei der Gentechnik und Antibiotika verpönt sind und bei der die Schweine nicht nur die 0,75 Quadratmeter gesetzlich vorgeschriebene Stallfläche zur Verfügung haben, sondern das Doppelte. „Der Verbraucher ist bereit, dafür tiefer in die Tasche zu greifen, wenn er weiß, dass die Mehrkosten bei den Bauern ankommen und nicht im Lebensmitteleinzelhandel versickern. Der Markt ist größer, als wir ihn bedienen können“, so sagt Bühler.

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Die sogenannten Mohrenköpfle, wie die Rasse ihrer charakteristischen Färbung wegen genannt wird, galten Anfang der 1980er-Jahre als ausgestorben.
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Und so müssen die Erzeuger in der BESH auch nicht mit Schlachtschweinepreisen von 1,65 Euro pro Kilo auskommen sondern bekommen aktuell 2,18 Euro, für Bio-schweinefleisch sogar vier Euro. Ja, die Kosten seien höher, gibt Bühler zu, doch unter dem Strich habe man „eine deutlich bessere Wertschöpfung als in der konventionellen Schweinemast“.

Natürlich profitieren die BESH-Mitglieder auch von den guten Strukturen im Südwesten: eine ordentliche Kaufkraft, aufgeklärte Verbraucher, die Qualitätsfleisch nachfragen, und ein dichtes Netz an Fachmetzgereien, die das Gros der Produkte abnehmen. Solche Voraussetzungen gibt es aber nicht in allen Regionen Deutschlands. Auf die Frage, ob das Modell der BESH landesweit übertragbar sei, antwortet Bühler ausweichend.

Bei einem ist sich der streitbare Landwirt jedoch sicher: Das vom Deutschen Bauernverband propagierte Modell einer marktoffenen Landwirtschaft sei eine Sackgasse. „Jahrelang hat der Bauernverband die Landwirte mit seinem Gerede über den Weltmarkt verführt. Jetzt ist die Not auf dem Land groß. In Baden-Württemberg können wir nicht zu Weltmarktpreisen produzieren.“

Diese Aussage würde wohl auch Hans-Benno Wichert unterschreiben. Deswegen aber auf freie Märkte zu verzichten sei ein Trugschluss. „Ein regionaler Markt, den wir immer bevorzugen, funktioniert nur dann, wenn wir ein Ventil haben, um überschüssige oder in Deutschland nicht vermarktbare Teile abzusetzen“, sagt Wichert.

Den Biotrend, auf den Bühler setzt, beurteilt er ebenso skeptisch. Es fehle an durchgängigen Vermarktungsstrukturen für Bioprodukte und es gebe nur ein begrenztes Käuferpotential, argumentiert Wichert: Nur knapp ein Prozent des in Baden-Württemberg verkauften Schweinefleischs sei Biofleisch. Ohne die konventionelle Schweinezucht gehe es also nicht. Schließlich müssten die Massen an günstigem Schweinefleisch – rund 53 Kilogramm verzehrt der Durchschnittsdeutsche im Jahr – irgendwo herkommen. Mit Blick auf Qualität und artgerechte Tierhaltung sei in Deutschland produziertes Fleisch allemal besser als Importe aus Brasilien oder Spanien.

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Mit Tränen in den Augen erzählt Ernestina Frick von der verfahrenen Lage auf ihrem Hof. Die Mittfünfzigerin, Milchbäuerin aus Bad Wurzach, kämpft wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen derzeit verzweifelt ums wirtschaftliche Überleben. Sie erzählt von den 34Milchkühen, die sie und ihr Mann einst hatten. Mittlerweile sind es noch halb so viele, „fünf davon trocken gestellt“.

Sie erzählt von den schwierigen Momenten, als die Klappe des Transporters zuging und ihre Kühe vom Hof geholt wurden. Und sie erzählt von einem Lebensentwurf, der sich angesichts der desaströsen Lage auf dem Milchmarkt, peu à peu in Luft auflöst, erzählt von den Verlusten, die sich bei Preisen um die 25 Cent für den Liter Rohmilch Monat für Monat auftürmen. Ernestina Frick hat Wut im Bauch. Wut auf die Politik, die ihrer Meinung nach die Situation mit zu verantworten hat. Wut auf den Deutschen Bauernverband, der den deutschen Milchbauern jahrelang von den Chancen auf dem Weltmarkt vorgeschwärmt hat. Und Wut auf die Molkereien und den Lebensmitteleinzelhandel, die ihre Marktmacht auf dem Rücken der Erzeuger gnadenlos ausspielen.

Mit ihrer Wut ist Ernestina Frick nicht allein. So wie ihr geht es der großen Masse der Milchbauern im Südwesten – einer Gegend, geprägt von kleinteiligen Strukturen und bäuerlichen Familienbetrieben, für die sich immer drängender die Frage nach der Perspektive stellt. Gut 250 von ihnen waren am Mittwoch-abend dem Aufruf der „Schwäbischen Zeitung“ in die Festhalle nach Leutkirch gefolgt, um im Rahmen eines regionalen „Milchgipfels“ mit Vertretern aus Politik und Verbänden die Lage der Branche zu diskutieren.

Neben Raimund Haser (CDU), der für den Wahlkreis Wangen im Stuttgarter Landtag sitzt, stellten sich der Vorsitzende des Bauernverbandes Allgäu-Oberschwaben und Bundestagsabgeordnete Waldemar Westermayer (CDU), und die Europaabgeordnete Maria Heubuch (Bündnis 90/Die Grünen) – selbst Milchbäuerin – der Diskussion. Moderiert wurde der Abend von Benjamin Wagener, Chef der Wirtschaftsredaktion der „Schwäbischen Zeitung“, und Herbert Beck, dem Leiter der Lokalredaktion Leutkirch.




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Podiumsdiskussion milchkrise 0028
Diskutierten über die Lage auf dem Milchmarkt: Benjamin Wagener, Raimund Haser, Maria Heubuch, Waldemar Westermayer und Herbert Beck (von links).
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So einig sich die drei Protagonisten auf dem Leutkircher Podium in ihrem Befund über den aus den Fugen geratenen Milchmarkt waren, und darüber, dass man der Branche helfend zur Seite springen müsse, so unterschiedlich waren die vorgestellten Konzepte und Lösungsansätze, mit denen man der Krise Herr werden könnte. Nicht verwunderlich war da, dass es angesichts der Dramatik der Lage im Wortgefecht der Argumente mitunter ruppig zuging.

Das liegt zu einem guten Teil auch daran, dass das Thema viel komplexer ist, als es sich für den Außenstehenden darstellen mag. Die Agrarmärkte – allen voran der Milchmarkt – repräsentieren einen inzwischen globalen Mikrokosmos, wo alles mit allem und jeder mit jedem zusammenhängt, und wo der kleine Milchviehhalter im Allgäu im großen Räderwerk zwischen Molkereien und Lebensmitteleinzelhandel zermahlen zu werden droht.

Einfache Lösungen: Fehlanzeige. Gleichwohl kristallisierten sich auf dem Leutkircher Podium zwei Stoßrichtungen heraus: Während Heubuch eine verpflichtende, europaweit geltende Mengenkürzung einforderte, um Angebot und Nachfrage wieder in Einklang zu bringen, sprachen Haser und Westermayer vor allem erzeugerfreundlicheren Vertragsstrukturen und einer stärkeren Regionalvermarktung das Wort.

Die Beziehungen zwischen Milchbauern und Molkereien müssten neu geregelt werden, lautete ihr Argument, sodass nicht mehr nur die Bauern das Risiko tragen, sondern auch Molkereien, Lebensmitteleinzelhandel und Verbraucher. „Wir müssen weg von der Andienungspflicht. Wir brauchen Verträge, in denen Preise und Mengen festgelegt sind. Wir müssen die Milch verkaufen und nicht mehr wie bisher bei den Molkereien abliefern“, forderte Westermayer. „Und wir brauchen für den Endkunden nachvollziehbare Produkte. Produkte aus denen hervorgeht, dass eine regionale Wertschöpfung dahintersteht. Dafür sind die Verbraucher auch bereit, mehr zu zahlen“, klang das bei Haser, der zum Vergleich zwei Tüten Milch auf das Podium stellte: eine für 1,29 Euro, die andere für 46 Cent. Der Erfolg eines Produkts hänge auch davon ab, wie man es vermarkte, lautete sein Resümee.

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Diskutierten über die Lage auf dem Milchmarkt: Benjamin Wagener, Raimund Haser, Maria Heubuch, Waldemar Westermayer und Herbert Beck (von links).
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Bislang ist es so, dass ein Großteil der in Deutschland gemolkenen Milch den Molkereien angedient werden muss. Milchpreisverhandlungen werden durch diese Praxis ausgehebelt. Man müsse ein System finden, mit dem sich die Preisschwankungen abfedern lassen, sagte Westermayer.

Für Heubuch sind das Nebenkriegsschauplätze. „Ich habe nichts gegen gute Verträge und Qualitätsstrategien. Was wir jetzt aber brauchen, ist eine obligatorische Mengenkürzung, um den Markt in den Griff zu kriegen“, konterte die EU-Parlamentarierin aus Leutkirch und übte Kritik an der Rolle der Molkereien. In den vergangenen zwei Jahren hätten diese den Milchbauern den Mund wässrig gemacht, mehr zu produzieren. 

Für sie sei Milch der größte Kostenfaktor. Höhere Verkaufspreise bei regionalen Qualitätsprodukten würden bis auf wenige Ausnahmen nicht an die Erzeuger weitergegeben. Statt den Bauern einen Cent mehr zu zahlen, werde lieber investiert. „Als Milchbauer kann ich nur gute Verträge machen, wenn ich in einer guten Position und in einer guten Marktlage bin. Beides haben wir gerade nicht“, so Heubuch.

An die Politik gerichtet, sagte er: „Man hat den Karren wissentlich in den Dreck geschoben.“ Denn Prognosen, dass der Milchmarkt nach dem Ende der Quote in diese Preismisere steuere, habe es gegeben. Heubuch sprach damit vielen anwesenden Milchbauern aus der Seele. Angesichts dieser Summe seien die Hilfspakete von Bund und EU nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, schimpfte einer der Milchbauern in der abschließenden Publikumsrunde. „Die Politik hat die Krise mit zu verantworten. Nun muss sie auch für Lösungen sorgen“, sagte Herrmann Fischer, Milchbauer von der Erzeugergemeinschaft Allgäu-Oberschwaben.

Andere übten aber auch Kritik an der eigenen Zunft: „Wir müssen die Zügel wieder in die eigene Hand nehmen“, forderte eine Rednerin, und spielte damit auf die Uneinigkeit der Landwirte untereinander an. Würden jetzt keine langfristig tragfähigen Lösungen gefunden, sei man über kurz oder lang wieder in so einer Situation. Ernestina Frick, das sagt sie im Hinausgehen, will kämpfen. Für das Überleben der bäuerlichen Landwirtschaft im Südwesten und für diesen Lebensentwurf, für den sie sich vor Jahren entschieden hat, und der für sie noch alternativlos ist.

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Die Krise in der Landwirtschaft ist an der Bauernschule in Bad Waldsee nicht zu spüren, sagt deren Leiter Egon Peter Oehler. Im Gegenteil, die Nachfrage nach Seminaren zur Persönlichkeitsbildung für junge Landwirte, nach Computerkursen und Unternehmensseminaren ist ungebrochen. Landwirtschaft braucht Kommunikation, auch wenn der Bauer meist alleine auf dem Traktor sitzen mag, sagt der 57-Jährige im Interview mit Christoph Plate. Oehler möchte, dass die Bauern selbst sich noch mehr in die Gesellschaft einbringen, um das Bild der Bauernschaft zu verändern.

Seit 1949 existiert die Bauernschule als Weiterbildungseinrichtung des Landesbauernverbandes. So wie der Hof ein Bild des Bauern ist, so verkörpert die aus gediegenen schweren Materialien errichtete Schule die Bodenständigkeit und die Wertschätzung für das Lokale. Auch die eigene Hauswirtschaft mit sehr schmackhaftem Drei-Gänge-Menü verwendet Produkte von hier. Der frühere Landwirt Oehler prophezeit dem Bauerntum eine gute Zukunft. Und er gerät ins Schwärmen, wenn er vom Gefühl spricht, wenn einem der gerade gedroschene Weizen durch die Finger rinnt.

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Herr Oehler, Sie sagen, Landwirt sei einer der schönsten Berufe überhaupt. Warum?
Das Arbeiten in der freien Natur, selber Unternehmer sein, den Arbeitsalltag selbständig und selbstbestimmt planen zu können, gemeinsam mit der Familie zu arbeiten und zu leben, das ist wunderbar trotz aller Widrigkeiten der Agrarpolitik und der Märkte.

Ein Landwirt muss viel Zeit und Geld investieren. Kann das nicht zum Knebel werden?
Ja, besonders dann, wenn Preise eiskalt wegbrechen und politische Entscheidungen dazu führen, dass der Absatzmarkt für landwirtschaftliche Produkte verkleinert wird. Wie beim Russland-Embargo geschehen. Marktwirtschaftliches Gesetz ist es nun mal, dass in einem gesättigten Markt die zu erlösenden Preise nach unten tendieren. Das macht den Landwirten zu schaffen, verringert die Gewinnmargen und nagt teilweise an der finanziellen Substanz.

Verglichen mit Landwirten in anderen Bundesländern, scheinen auch die Bauern in Baden-Württemberg auf einer Insel der Glückseligen zu leben. Was zeichnet einen gesunden landwirtschaftlichen Betrieb in Baden-Württemberg aus?
Eine Insel der Glückseligen gibt es in der ganzen Branche schon lange nicht mehr. Voraussetzung für eine zukunftsfähige Landwirtschaft ist heute eine fundierte, gute Ausbildung als Landwirt oder Landwirtschaftsmeister oder ein Agrarstudium mit Praxisbezug. Auch die Bildungsangebote der Schwäbischen Bauernschule Bad Waldsee zur Persönlichkeitsbildung, zum unternehmerischen Denken, zur Vermittlung selbständiger Urteilsfähigkeit im persönlichen und öffentlichen Leben sind wichtig und sind geradezu Lebenshilfen.

Ist die Kommunikationsfähigkeit heute wichtiger als vor einigen Jahren, als Sie Landwirt wurden?
Früher war das nicht so elementar wichtig wie heute, weil früher im Dorf nahezu jeder landwirtschaftliche Wurzeln hatte. Die Gesellschaft hat sich jedoch auch in den Dörfern verändert. Diese Veränderung und Neuorientierung verlangt auch ein Umdenken in den Köpfen von uns Landwirten. Das Miteinander, das aufklärende Gespräch und die Transparenz gewinnen an Wert.

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Portrait egon oehler
Egon Peter Oehler: „Landwirtschaft macht Landschaft!“
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Brauchen wir die kleinteilige Landwirtschaft? Zur Ernährungssicherung würde doch auch die industrielle Landwirtschaft reichen, wie wir sie etwa in Ostdeutschland haben.
Wenn jemand gesunde, frische, naturbelassene Nahrungsmittel will, ist er bei den eigenen Landwirten hier vor der Haustür am besten aufgehoben. Darüber hinaus sorgt der Landwirt auch für eine wunderbare Landschaft. Wo gibt es sonst so wunderschöne, von Bauernhand gepflegte Talauen, blühende Streuobstwiesen, leuchtend gelbe Rapsfelder und wogende Getreidefelder wie in einem Bilderbuch? Landwirtschaft macht Landschaft!

Würde Sie ein junger Mensch fragen, ob er Landwirt werden soll, würden sie ihm sagen, das ist schwieriger als früher?
Nein, ich würde sagen, dass das heute fast einfacher ist, weil es in der Landwirtschaft an Facharbeitern mangelt. Die Betriebe werden immer größer und der Landwirt mit seiner Frau kann den Arbeitsanfall oftmals nicht selber bewältigen. Er braucht fähige Leute, die die modernen Maschinen führen und die er beauftragen kann, auch komplexe Landtechnikanlagen zu bedienen. Landwirt, das ist ein Beruf mit Zukunft auch für Leute, die keinen eigenen Bauernhof zuhause haben.

Haben die Kursteilnehmer, die hier nach Bad Waldsee kommen, den Eindruck, die Menschen im Land würden die Nöte der Bauern verstehen?
Viele sagen, der Verbraucher versteht uns nicht mehr. Der sieht uns als Umweltvergifter, als einen, der die Tiere nicht gut behandelt. Fakt ist, dass wir gesunde Lebensmittel erzeugen, den Tieren ging es noch nie so gut wie heute …

... manchmal besser als den Bauern …
…ja, weil wir auf den Tierkomfort achten wie nie zuvor. Wir müssen aber das Image der Landwirte verbessern, wir müssen zukünftig noch mehr mit den Verbrauchern ins Gespräch kommen.

Wie tut man das, mithilfe der Politik und der Medien?
Besondere Verantwortung haben die Medien: Wenn ich die unsägliche Fernsehsendung „Bauer sucht Frau“ sehe, frage ich mich, welche Bilder sich in den Köpfen der Zuschauer einnisten. Solche Sendungen tragen nicht gerade dazu bei, das Verständnis zu fördern, und es kommt selten ein vernünftig geführter Betrieb darin vor.

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Egon Peter Oehler: „Landwirtschaft macht Landschaft!“
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Was tun denn die Bauern selbst, um das Image zu verbessern?
Der Bauer macht viel, er öffnet seine Stalltüre zum Tag des offenen Hofes, er lädt Schulklassen und Kindergartengruppen ein. Er geht mit seinen Produkten an den Verbraucher ran, macht Hofläden auf oder bietet Ferien auf dem Bauernhof.

Das Wohlbefinden ist vom Markt und der Politik abhängig. Auf beides hat er keinen großen Einfluss. Stärkt das das Gefühl der Ohnmacht?
Angebot und Nachfrage regeln nun mal den Preis. Und die Preismisere an den wichtigsten Märkten macht den Bauern derzeit zu schaffen, da spürt man Ohnmacht. Die globalen Märkte sind anders strukturiert als früher. Heute können auf ganz andere logistische Hilfsmittel zurückgegriffen werden. Selbst wenn wir die Produktion hier drosseln würden, käme die Milch aus Neuseeland oder sonst woher. Trotzdem wird hier einiges unternommen, um die Märkte wieder ins Lot zu bekommen.

Sind die wirtschaftlichen Bedingungen heute schwieriger als damals?
Zu jeder Zeit mussten wir Landwirte das Augenmerk auf die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen richten. Das war schon bei meinem Großvater, meinem Vater so. Auch die Generationen vor uns mussten sich weiterentwickeln. Stillstand ist generell Rückschritt. Als mein Großvater damals unseren Milchviehstall gebaut hat, wurde er ob der Größe ausgelacht. Heute ist diese Anlage natürlich längst überholt, weil in den modernen Ställen die Tiere mehr Platz haben und diese Ställe hell und freundlich sind.

Muss ich heute als Bauer so viel über das Pflügen wissen wie über Excel-Tabellen?
Das Pflügen und das Säen gehört natürlich zum Einmaleins für den Landwirt. Aber die Excel-Tabelle kommt hinzu, das Management muss stimmen. Wobei Fehler früher leichter zu verkraften waren als heute.

Gibt es im Südwesten eine Höfesterben?
Das Wort ist nicht richtig. Es vollzieht sich ein Generationswechsel. Strukturwandel hat es zu jeder Zeit gegeben. Was wir jetzt erleben, ist in einigen Bereichen ein Strukturbruch. Bisher haben der eiserne Durchhaltewille und die schöpferische Kreativität der Bauernfamilien viele Betriebe vor dem Untergang gerettet.

Gibt es in der Politik genügend Menschen, die ein Ohr haben für die Landwirtschaft?
Ich kann jedem Politiker, jedem Landrat, jedem Bürgermeister und jedem Gemeinderat nur zurufen: ‚Achten Sie auf Ihre Bauern. Es sind die einzigen und die letzten, die sie noch haben‘.

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Auch Schafe leiden unter Hundstagen. Um der gleißenden Nachmittagssonne zu entgehen, drängen sich Peter Mangolds Tiere zu einer mit Bäumen bewachsenen Böschung. Schwarze und weiße Tiere blöken und springen durcheinander, das Wasserfass ist dicht umlagert. Die Weide liegt in der Gemarkung Kreuz in Sulzberg, zehn Kilometer südlich von Kempten. Zu Peter Mangolds Elternhaus, einem typischen süddeutschen Bauernhof, bei dem das Wohnhaus in das Wirtschaftsgebäude übergeht, sind es fünf Minuten zu Fuß.

Vom Wohnzimmertisch des 44-Jährigen ist der Grünten zu sehen, der Berg am Eingang des Illertals, der wegen seiner markanten Lage den Beinamen Wächter des Allgäus trägt.Im Stall des Hofes standen zu Zeiten von Peter Mangolds Vater Milchkühe. Braunvieh, das so typisch ist für die sanften Hügel des Allgäus. Erst der Sohn, der die Landwirtschaft bereits aufgeben wollte, mehrere Jahre lang bei Wacker Chemie in Kempten arbeitete und Mitte der 1990er-Jahre reumütig nach Sulzberg zurückkehrte, stellte den Betrieb auf Schafwirtschaft um. „Ich bin leidenschaftlicher Landwirt, das ist meine Berufung“, sagt Mangold. Berufung hin, Leidenschaft her, klar war aber schon damals: Für die konventionelle Milchviehhaltung war der Hof mit seinen 26 Hektar viel zu klein, um ihn wirtschaftlich zu führen. „Ich wollte den Betrieb langfristig weiterbewirtschaften, und bei dieser Größe musste ich nach Alternativen suchen“, erzählt Mangold. Und die hat der Mann mit dem offenen Blick und den Schafferhänden, die immer nach Halt suchen, wenn sie nach nichts greifen können, gefunden – in der Direktvermarktung von Biokäse und Biojoghurt aus Schafsmilch.

Die Geschichte von Peter Mangold steht für das Dilemma vieler bäuerlicher Betriebe in Süddeutschland – und für einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma. Die kleinen Bauernhöfe mit Milchwirtschaft, wie sie in Oberschwaben, im Allgäu, wie sie zwischen Bodensee, Schwarzwald und Schwäbischer Alb überall zu finden sind, können nicht mit den großen Landwirtschaftsfabriken in Norddeutschland, in Irland oder Neuseeland konkurrieren. Wenn ein Bauer in Wangen 25 Milchkühe hält, hat ein Landwirt in Friesland 70 Tiere und sein Kollege auf der Grünen Insel 100. Bei Preisen, die für Landwirte in Norddeutschland noch wirtschaftlich rentabel sind, würden Bauern wie Peter Mangold schon lange draufzahlen.

Der Allgäuer ist dieser Klemme mit der Direktvermarktung von Bioprodukten entkommen. Doch das hat Peter Mangold nicht allein geschafft, er hatte einen Partner an seiner Seite. Deshalb ist die Rettung des bäuerlichen Betriebs in Sulzberg am Fuße des Grünten auch die Geschichte des Lebensmittelhändlers Feneberg in Kempten. Das Unternehmen übernimmt für Peter Mangold die Vermarktung von Käse und Joghurt, die für den alleinstehenden Bauern viel zu aufwendig wäre. Und zwar mit klaren Absprachen: Feneberg hat sich vertraglich verpflichtet, jedes Jahr eine vorab vereinbarte Menge von Joghurt und Käse abzunehmen – zu festen Preisen. „Diese Sicherheit ist sehr viel wert, so kann ich planen – letztlich ist sie die Basis dafür, dass mein Betrieb stabil dasteht“, sagt Mangold. Und so kommt es, dass der Joghurt und der Käse, den der Allgäuer auf dem elterlichen Hof in Sulzberg selbst herstellt, in den 76 Märkten der Feneberg AG zu finden ist.

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Hannesfeneberg
Hannes Feneberg: „Appellieren an die Heimatliebe."
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Grün-blau ist das Etikett, in der Mitte der Schriftzug „Von hier“, darunter der Hinweis: Produktionsort Schafshof Mangold. Der Markenname ist Programm, ausgedacht hat ihn sich Hannes Feneberg, der mit seinem Bruder Christof die Feneberg AG führt. „Die Marke definieren wir bewusst über das Prinzip Regionalität, denn dann spreche ich über Heimat und kann über den Bauch verkaufen“, erzählt Hannes Feneberg.

Region, Heimat, Emotion – Schlagworte, mit denen immer mehr Unternehmen ihre Produkte für Kunden interessant machen wollen. Nicht nur Vollsortimenter, sondern auch Discounter setzen auf Regionalisierung – mit eigenen Marken und oft in besonderen Regalen. So bietet Edeka Lebensmittel unter dem Label „Unsere Heimat“ an, Rewe hat „Rewe regional“, Lidl in Bayern „Ein gutes Stück Heimat“, und Sky wirbt mit der Marke „Unser Norden“. „Die Unternehmen wollen Menschen über Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit ansprechen“, erläutert Wolfgang Adlwarth, bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) Experte für den Lebensmitteleinzelhandel. „Außerdem appellieren sie an die Heimatliebe: Der Kunde soll das Gefühl bekommen, dass er den Erzeuger oder zumindest die Gegend, in der das Produkt entsteht, kennt.“

Nach den Daten der GfK liegt der Anteil der Deutschen, die beim Einkauf auf Umwelt und Heimat, Klima, Arbeitsbedingungen und Tierwohl achten, bei 15,4 Prozent. Er ist in den vergangenen zwei Jahren leicht gestiegen. Der Marktanteil von Biolebensmitteln stieg ebenfalls: von 4,1Prozent auf 4,7 Prozent. Allerdings, und daran lässt Adlwarth keinen Zweifel, wird dieser Markt immer nur ein Teilmarkt bleiben. „Vielleicht steigt der Anteil der Verbraucher, die aus ethischen Gründen höhere Preise zahlen, noch auf 20 Prozent, aber viel mehr Leute werden es nicht werden“, sagt der Konsumforscher. „Dieser Weg wird nicht die Lösung für alle Erzeuger sein.“Für die Feneberg AG und ihre Vertragsbauern scheint der Weg allerdings zu funktionieren – seit den 1990er-Jahren ist der Umsatz mit der Marke „Von hier“ jedenfalls kontinuierlich gestiegen. „Damals änderten sich die Verbrauchererwartungen. Fragen wie ,Wo kommt die Ware her?‘ oder ,Wie wird sie produziert?‘ sind immer wichtiger geworden“, sagt Hannes Feneberg. Und wenn man die Fragen ehrlich beantworte, sei man sehr schnell beim Bioanbau in Verbindung mit einem regionalen Vermarktungskonzept. „Letztlich haben wir die Fragen der Verbraucher mit der Von-hier-Marke beantwortet“, sagt der 54-Jährige.

Was sich im Rückblick so logisch anhört, war anfangs eine Ochsentour. Mit dem verstorbenen Öko-bauern und Grünen-Politiker Adi Sprinkart zog Feneberg vor 20 Jahren durch die Dörfer des Allgäus und versuchte, Bauern zu finden, die ihm Biorindfleisch lieferten. Voll sind sie gewesen, die Dorfgasthäuser. Aber am Ende blieben meist nur ein paar Bauern sitzen, die Dinge sagten wie: „Ich glaub’ net, dass das reicht, was du zahlst.“ Oder: „Muss es denn unbedingt Bio sein?“ Vor allem aber: Die Bauern in den verrauchten Wirtshausstuben scheuten den Umstieg auf die Produktion von Fleisch. Denn wenn ein Bauer keine Milchkühe mehr hat, ist „er eh kein g’scheiter Bauer it mehr“. So denken sie im Allgäu.

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Hannes Feneberg: „Appellieren an die Heimatliebe."
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Erst der Erfolg weniger Landwirte überzeugte nach und nach weitere. „Das war eine völlig neue Botschaft: Wir wollten Qualität, wir wollten, dass die Tiere nach bestimmten Richtlinien gehalten werden, dafür garantierten wir feste Preise und feste Abnahmemengen“, sagt der Lebensmittelhändler. Heute hat die Feneberg AG 600 Bauern unter Vertrag, die für die Von-hier-Marke produzieren – Fleisch und Milch genauso wie Joghurt, Käse, Eier, Mehl, Obst und Gemüse. Alle leben maximal 100 Kilometer von Kempten entfernt. „Das können die Menschen noch als Region begreifen“, sagt Feneberg. Die Von-hier-Produkte machen zehn Prozent des Umsatzes aus. Insgesamt kommen 50 Prozent aller Produkte, die das Kemptener Unternehmen in seinen Filialen anbietet, aus dem als Von-hier-Region definierten Gebiet. Mit ihnen erwirtschaftet die Feneberg AG 80 Prozent ihres Umsatzes, der sich nach Angaben des EHI Retail Institutes in den vergangenen beiden Jahren auf 364 Millionen Euro belief.

Klar ist, die regional ausgerichtete und biologische Standards einhaltende Produktion erscheint Verbrauchern, die es gewohnt sind, bei Aldi und Lidl einzukaufen, teuer. Wenn Feneberg Schweinehalssteaks im Angebot hat, kostet das Kilo 8,80 Euro – bei Discountern die gleiche Menge weniger als die Hälfte. „Unser Konzept funktioniert nicht für alle, sondern nur für die, die bereit sind, für hochwertige Lebensmittel auch Geld zu bezahlen“, sagt Hannes Feneberg. „Aber die regionale Marke mit ihrer emotionalen Kraft hilft uns, diese Preisschwelle bei einigen Verbrauchern zu überwinden.“Hannes Feneberg kennt alle Begriffe, die ein Unternehmer beherrschen muss. Preisschwelle, Produktionskosten, Markenkraft. Und dennoch: Der Kemptener ist kein Managertyp.

Er ist einer, den das Allgäu geprägt hat, der als Oberländer die Unterländer der Region Memmingen verspottet, der auch Landwirt hätte werden können, wenn sein Großvater nicht zufällig einen kleinen Lebensmittelladen in der Kemptener Zwingerstraße übernommen hätte. Feneberg diskutiert mit seinen Vertragsbauern über das Für und Wider von Tretmiststellen, er kann Melkbecher über Kuhzitzen stülpen, und wenn er in Jeans und kariertem Hemd im Flur der Kemptener Feneberg-Zentrale steht, sieht es so aus, als sei er nicht aus seinem Büro, sondern gerade vom Zäuneflicken gekommen. „Du musst dich mit den Bauern auf Augenhöhe unterhalten, das war immer mein Anspruch“, sagt Feneberg. „Hätte ich das nicht gemacht, hätte ich nicht die langfristigen Lieferbeziehungen, auf die ich bauen kann.“

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„Ich bin belächelt worden, von vielen, aber es war die richtige Entscheidung“, sagt Bernhard Jäckle.
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Sobald in diesen Tagen ein Händler wie Hannes Feneberg über Verlässlichkeit spricht, darüber, wie wichtig es ist, Landwirten mit Fairness zu begegnen, schwingt ein Subtext mit: die Wut vieler Bauern. Bauern, die keinen Händler wie Hannes Feneberg an ihrer Seite haben, die sich im Stich gelassen fühlen – von ihren Molkereien, von den Verbrauchern, von all den Aldi- und Lidl-Käufern – und vor allem aber von der Politik. Feneberg kann die Wut verstehen. „Jahrelang hat die Politik gesagt, ihr müsst fit für den Weltmarkt werden“, sagt der 54-Jährige – und schüttelt den Kopf. „Hier bei uns, in unserer bäuerlichen Struktur können wir sehr, sehr viel, aber günstig für den Weltmarkt produzieren, das können wir nicht.“

Konventionell? Für den Weltmarkt? Bernhard Jäckle überlegt lange, bevor er spricht. Nicht wegen der Frage, der 60-Jährige ist einfach kein Mann der vielen Worte. „Nein, bei der Größe meines Hofs für den Weltmarkt produzieren, das funktioniert nicht“, sagt der Bauer. Barfuß und in Shorts steht er vor dem Stall und blickt den Hang hinunter auf seine Herde. Allgäuer Braunvieh, nach der Hitze des Nachmittags grasen 25 Milchkühe in der Abendsonne auf einer Weide in Käferhofen, einem kleinen Weiler bei Wangen (Kreis Ravensburg). Im Jahr 1982 hat Jäckle den 30-Hektar-Betrieb von seinen Eltern übernommen und ihn sechs Jahre später auf Bioproduktion umgestellt. „Ich bin belächelt worden, von vielen, aber“, sagt der 60-Jährige – und bricht ab. In der Pause fährt er sich durch seinen grauen Schnauzer. „Aber es war die richtige Entscheidung.“

Seit vielen Jahren liefert Bernhard Jäckle die Milch seiner Kühe an die Biokäserei Zurwies im gleichnamigen Weiler bei Deuchelried (Kreis Ravensburg). Geschwankt hat der Preis in der Zeit auch hier ab und an: Mal hat der Wangener 48 Cent für den Liter Milch bekommen, mal nur 46 Cent. „Doch wenn die Welt nicht untergeht, kann ich mit dem Geld für meine Milch planen“, meint Bernhard Jäckle.

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„Ich bin belächelt worden, von vielen, aber es war die richtige Entscheidung“, sagt Bernhard Jäckle.
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Aus Jäckles täglichen Lieferungen stellt die Molkerei Zurwies Trinkmilch und Joghurt, Sahne und Quark her, die unter dem blau-grünen Von-hier-Label in den Feneberg-Märkten verkauft werden. Die Regeln sind die gleichen wie bei den Vertragsbauern: feste Preise, feste Mengen, feste Vertragslaufzeiten. „Da wir 60 Prozent unserer Milch über die ÖMA, die ökologischen Molkereien im Allgäu, vermarkten, ist der Umsatz mit der Feneberg AG nur ein kleiner Teil unseres Geschäfts“, erläutert Zurwies-Chefin Luise Holzinger, aber ein wichtiger. „Für eine gewisse Menge haben wir in jedem Fall einen sicheren Preis, das hilft uns sehr.“

Wenn sich Peter Mangold an die Zeiten erinnert, in denen sein Vater noch Kühe hielt und die Milch bei Großmolkereien wie Sauerbier anbieten musste, lacht er bitter. Der Preis sei immer nur die eine Seite gewesen, das Gefühl, anderen hilflos ausgeliefert zu sein, die andere, die schlimmere, die verletzendere. „Mit großen Molkereien zusammenzuarbeiten, ist sehr frustrierend“, sagt Mangold. „Sie sagen, dass sie eigentlich genug Milch haben und zahlen einen schlechten Preis – trotz all der Arbeit.“

Es sind Erfahrungen wie diese, die den Schafbauern aus Sulzberg am Fuße des Grünten den zweiten Teil seines Jobs so gerne machen lassen. Hannes Feneberg besteht darauf, dass seine Vertragsbauern ihre Produkte von Zeit zu Zeit persönlich in den Märkten der Feneberg AG vorstellen. Und so steht der Mann mit den Schafferhänden regelmäßig in einer der 76 Filialen der Supermarktkette und bietet Hausfrauen und Rentnern, Schülern und Familienvätern seinen Schafsjoghurt an. „Da spürt man den Erfolg“, sagt Mangold, „man fühlt die Anerkennung für die harte Arbeit.“

Und den Stolz. In der Kühltheke liegt schließlich eine Palette mit Schafsjoghurt. Drei Worte auf den Deckeln kennzeichnen die Herkunft: Produktionsort Schafhof Mangold.

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Im Fahrerhaus von Hermann Müller sieht es aus wie in einem Cockpit: Joystick, Display, jede Menge Lämpchen und Knöpfe. Es gibt zwar noch ein Lenkrad, doch der Landwirt warnt: „Finger weg, sonst kommt der Traktor aus seiner Spur“. Der kennt seinen Weg. Gesteuert wird die 200-PS starke Maschine via Satellitensignal, zentimetergenau. Die Fahrt über den Acker ist fast so bequem wie im Mercedes: Klimaanlage, Schallschutz und gefederte Sitze. So macht Bauer sein Spaß. Müllers Augen leuchten, wenn er seinen Schlepper erklärt, einen Fendt 720Vario. „Früher war derjenige der beste Bauer, der kerzengerade Gassen fahren konnte. Heute kann das jeder“ – dank neuester Technik. Den Acker hat der Traktor im eingebauten Computer gespeichert: Größe, Umfang, Bodenbeschaffenheit. Über eine Kabelverbindung werden diese Daten auf die angehängte Spritze übertragen.

Müller steigt ab, nimmt ein Blatt Papier, auf das er die Umrisse des Ackers gezeichnet hat, und erklärt, warum die exakte Spurenführung so wichtig ist und so schwierig: Kein Acker ist genau rechtwinklig und ein gespritztes Feld sieht überall gleich aus. Mit dem Auge sieht der Bauer nicht, welche Pflanzen schon Dünger abbekommen haben. Kleine Abweichungen summieren sich jedoch auf einer Breite von 50 oder 60 Metern. „Ohne die digitale Spurenführung sind Überschneidungen beim Düngen oder Spritzen unvermeidlich“, erklärt der Landwirt. Und das bedeutet: Verschwendung von Düngemittel, Pflanzenschutz, Diesel – und Arbeitszeit.Mit solchen digitalen Lenksystemen lassen sich zwischen fünf und zehn Prozent an Betriebsmitteln einsparen und zwölf Prozent Arbeitszeit.

Das zeigt eine Modellrechnung der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Der Einsatz digitaler Karten, die Müller im Bordcomputer gespeichert hat, reduziert den Einsatz von Pflanzenschutz um zehn Prozent.Müller zählt noch andere Vorteile auf: „Der Acker wird geschont, weil der Trakor immer in den gleichen Spuren fährt“. Bedeutet: es wird weniger Ackerfläche verdichtet. „Außerdem kann ich auch nachts fahren“, ergänzt er. Das ist hin und wieder notwendig, weil manche Spritzmittel nicht in der Mittagshitze auf dem Feld verteilt werden dürfen: „Das würde die Pflanzen zu sehr strapazieren.“ Außerdem muss der Landwirt die wenigen schönen Tage in diesem Sommer voll nutzen. Dann sitzt er auch mal 14 Stunden auf dem Schlepper. An so einem Tag schafft er 60 Hektar, ein Drittel seiner gesamten Fläche: „Das ist fast wie mit der Fernbedienung vor dem Fernseher: Man sitzt bequem und drückt auf den Knopf“, sagt Müller und strahlt.

Der 36-jährige Jung-Landwirt hat den Hof in Mochenwangen bei Wolpertswende von seinen Eltern übernommen und bewirtschaftet ihn mit seiner Frau und seinen beiden Brüdern. Auch die Eltern helfen noch mit.

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Der Junior-Chef wollte ursprünglich als Landmaschinentechniker in die Industrie gehen, entschied sich dann aber doch für den Hof, nachdem dieser 2008 komplett umgestellt wurde, von einem Milchviehbetrieb auf Biogas und Ackerbau. Alles, was heute auf dem 180-Hektar-Land wächst, wandert in die eigene Biogasanlage. Mit der gewonnenen Energie wird das Mochenwanger Schulzentrum beheizt.

„Technik war eben schon immer mein Ding“, meint Hermann Müller. Deshalb hat er vor fünf Jahren den alten Traktor aufgerüstet und eine Spurführung einbauen lassen, deren Technik jedoch heute überholt ist. Der neue Schlepper fährt nach dem RTK-Signal, das auf 2,5 Zentimeter genaue Spuren möglich macht. Dabei empfängt eine RTK-Station Signale der Satelliten und rechnet Abweichungen, die durch Wind und Wetter entstehen können, heraus.

Das RTK-Signal ist außerdem stabiler als das übliche GPS:„Früher konnte es schon mal passieren, dass beim Aussäen plötzlich das Signal wegbleibt, die neue Technik kann das überbrücken“, sagt Müller. Die Verbindung zum angehängten Gerät, also Pflug, Sämaschine, Spritze oder Düngerstreuer funktioniert ganz einfach über ein Kabel, das eingesteckt wird. Sofort meldet sich die Spritze bei Müller im Fahrerhaus. Auf seinem Display gibt er alle wichtigen Daten ein: welcher Acker gerade bearbeitet wird, und welches Mittel in welcher Menge pro Hektar auf die Felder kommt.

Etwa zwei Drittel der 14000 Traktoren, die der Hersteller Agco/Fendt in Marktoberdorf im Allgäu im Jahr baut, werden heute mit diesem System ausgeliefert, sagt ein Unternehmenssprecher. Bei Traktoren ab 200PS seien fast alle mit digitaler Technik ausgestattet. „Section Control“ nennt sich etwa das System, mit dem verhindert wird, dass die Spritze das Feld des Nachbarn mitdüngt.Mit dem weltweit anerkannten Isobus-Standard soll es möglich sein, dass Maschinen verschiedener Firmen miteinander kommunizieren. Denn mittlerweile bieten alle namhaften Hersteller von Landmaschinen ihre Geräte nach dem 4.0-Prinzip an: sie sind untereinander vernetzt, der Computer im Traktor sammelt Daten von Kartierungen, wertet sie aus und steuert sich damit weitgehend selbst.

Ob John Deere oder Claas: Ohne „Smart farming“ geht nichts mehr. So wirbt John Deere etwa mit einer Software, mit deren Hilfe der Landwirt auf seinem Smartphone sämtliche Gerätedaten abrufen und überwachen kann. Dabei beschränkt sich Landwirtschaft 4.0 nicht auf die Feldarbeit. Mit den Claas-App „Supersau“ etwa kann der Landwirt seinen Schweinestall am Smartphone managen. Und immer öfter ersetzt der Roboterarm im Kuhstall die melkende Hand.

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Video: So nutzt Hermann Müller Smart Farming

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Hermann Müller im Gespräch mit Redakteurin Sigrid Stoss: „Es lohnt sich.“
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Doch diese schöne neue Welt nutzt bisher nur etwa jeder fünfte Hof, so hat der Digital-Verband Bitkom mit Sitz in Berlin herausgefunden. In der Region Allgäu Oberschwaben liegen die Zahlen sogar noch deutlich darunter, so schätzt Wilhelm Heine, stellvertretender Vorsitzender des Bauernverbandes Allgäu-Oberschwaben in Bad Waldsee: „Bisher sind das Ausnahmen“, sagt Heine, der seinen 80 Hektar großen Hof in Dinnenried bei Bad Waldsee betreibt. Die meisten Betriebe seien kleinere Höfe, deren Fläche weniger als 180 Hektar hätten: „Häufig scheitert es an den Kosten“, sagt Heine. Nur wenn die Anschaffung eines neuen Schleppers ohnehin fällig werde, komme die Umstellung auf digitale Technik in Frage.

Nach einem Trendbarometer, das der Agrarhändler Baywa in München veröffentlicht hat, beschäftigt sich schon mehr als die Hälfte der Landwirte mit dem „Smart Farming“. Frank Volz von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in Frankfurt glaubt, der Schub für „digital farming“ komme mit dem Generationenwechsel auf den Höfen: „Bei der jungen Generationen geht nichts mehr ohne Elektronik“.Marco Eberle, Technik-Experte beim Landesbauernverband in Stuttgart, findet noch andere Gründe für die Zurückhaltung. So ist einiges, was technisch heute möglich wäre, in der Praxis nicht ganz ausgereift. Es ist nach seinen Worten nicht immer problemlos möglich, Geräte verschiedener Hersteller miteinander zu verbinden, trotz offizieller „Kompatibilität“: „Plug and play: anschließen und loslegen, funktioniert häufig nicht“, so Eberle.

Heikel sei außerdem das Thema Datenschutz. Große Datenmengen, wie Kartierungen der Äcker, werden in Clouds gespeichert und via Internet übertragen, damit man von überall auf sie zugreifen kann. Das sei manchem Landwirt nicht geheuer: „Daten über Flächen und angebaute Kulturen bis hin zu betriebswirtschaftlichen Auswertungen gibt der Landwirt nicht gerne preis“, so Eberle. Und drittens brauche die Landwirtschaft 4.0 leistungsfähige Netze: „Wir müssen schnell große Datenmengen transportieren können.“

Daran mangele es gerade in ländlichen Regionen. Alles Themen, die bis jetzt noch die Verbreitung des „digital farming“ bremsen. Landwirt Müller, der mehrere zehntausend Euro in die digitale Technik gesteckt hat, ist sich dennoch sicher: „Es lohnt sich“. Neben handfesten Einsparungen sieht er die Arbeitserleichterung als Vorteil. Dass der Landwirt selbst überflüssig werden könnte, macht ihm keine Sorge: „Ganz bestimmt nicht“, sagt er und lacht. Das Problem liege eher woanders: Weil es auf seinem Traktor so schön ist, will er oft gar nicht mehr runter: „Meiner Frau gefällt das nicht so gut“.

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Hermann Müller im Gespräch mit Redakteurin Sigrid Stoss: „Es lohnt sich.“
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Gefühlt dominiert das genügsame Süßgras mehr und mehr die Äcker Süddeutschlands: In langen Reihen stehen die grünen Halme, zumeist mehr als mannshoch, bis die Bauern sie im Herbst ernten. Die Rede ist von Mais. Er landet dabei nicht als Speisekorn auf dem Teller, nicht als Popcorn im Kino, sondern zerhäckselt als Tierfutter im Silo oder – und das ist der Grund für die Zunahme des Maisanbaus in den vergangenen Jahren – als Biomasse in Biogasanlagen.

Naturschützer stören sich an der „Vermaisung“ der Landschaft, Kritiker monieren, dass die Felder nach der Ernte brach liegen und Wind und Regen schutzlos ausgeliefert sind. Zudem lauge der Anbau von Mais die Böden aus. Kritikpunkte, die bei den Verantwortlichen einer oberschwäbischen Energiegenossenschaft die Idee hat entstehen lassen, nach einer Alternative zum so dominanten Mais zu suchen.

Die Suche könnte bald zu Ende gehen: Im Weiler Hahnennest bei Ostrach (Kreis Sigmaringen) hat die örtliche Energiegenossenschaft die sogenannte „Durchwachsene Silphie“ so weiterentwickelt, dass sie nun für den großflächigen Anbau als Energiepflanze tauglich ist. Der Bauer und Biogaserzeuger Bruno Stehle aus Sigmaringen-Laiz hat vor zwei Jahren bundesweit eine Vorreiterrolle übernommen und auf knapp zwölf Hektar die Donau-Silphie angebaut.

Die Pflanze ist die Züchtung aus Hahnennest, die sich dadurch auszeichnet, dass sie als Saatgut eine besonders hohe Keimfähigkeit von 90 Prozent hat. Derzeit sind die Züchter mit einer Optimierung der Pflanzen befasst und legen gezielt Vermehrungsflächen an. Die Silphie, die aus Nordamerika stammt, ist durch ihre große Biomasse als Energiepflanze interessant. Was ihren Anbau im großen Stil bislang behinderte, war der Umstand, dass die Setzlinge im ersten Jahr nicht genutzt werden können. So entsteht dem Landwirt ein Ertragsausfall von 5000 bis 8000 Euro pro Hektar, was die meisten Bauern vom Anbau abhielt. Außerdem keimten die Samen der Silphie schlecht, sodass es oft nicht gewährleistet war, dass die Bauern einen geschlossenen Bestand bekamen.

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Die bis zu 3,50 Meter hohe Silphie ist auch eine ideale Bienenweide. Imker ernten pro Hektar bis zu 150 Kilogramm Honig.
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Dieses Problem haben die Landwirte aus Hahnennest, die gemeinsam den Energiepark mit Biogasanlagen betreiben, in den Griff bekommen. Und mehr noch: Sie kamen auf die pfiffige Idee, die Silphie als Untersaat unter den Mais zu pflanzen. Dadurch kann die Pflanze im ersten Jahr heranwachsen und die Anbaufläche wirft durch den Mais trotzdem Ertrag ab. So erfolgt die Umstellung von Mais auf Silphie ohne größere Verluste. „Das kann für die Erzeugung von Bioenergie und die nachhaltige Wirtschaft grundlegende Folgen haben“, betont Thomas Metzler, Geschäftsführer des Energieparks Hahnennest.

In den folgenden Jahren kann die Staude bis zu 30 Jahre lang blühen. Durch die Dauerkultur der Silphie spart der Bauer in dieser Zeit die Ausgaben für Saatgut, der Acker muss nicht jedes Jahr umgebrochen werden, was den Böden guttut. Die Pflanze breitet sich nicht aus, sondern bleibt am Standort. Die bis zu 3,50 Meter hohe Pflanze aus der Ordnung Asternartige bietet mit ihren gelben Blüten auch optisch eine reizvolle Bereicherung des Landschaftsbildes – und zwar in einer Jahreszeit, in der wie in diesen Tagen wenig blüht.

Doch die Silphie hat noch andere wertvolle Vorzüge. Während der in Monokulturen angebaute Mais Lebensräume vernichtet und die Böden auslaugt, sofern der Bauer keine Zwischenfrucht ausbringt, bietet die Silphie vielfältigen Lebensraum für Insekten und Wildtiere. Durch die Dauerkultur entsteht ein nachhaltiger Humusaufbau, die Biomasse bindet große Mengen an Kohlendioxid und Wasser und trägt so zum Klimaschutz bei. Ein Pflanzenschutz ist bei der Silphie nur im Aussaatjahr notwendig, die Düngung kann ausschließlich mit organischen Substanzen aus Land- und Forstwirtschaft erfolgen. Das schützt vor allem auch das Grundwasser. Die dichte Bepflanzung sorgt überdies für Erosionsschutz.

„Das ist eine sensationelle Innovation“, sagt Otto Körner vom Fachverband Biogas, der das Projekt aufgrund der bundesweiten Bedeutung fördert. „Wir müssen vom Mais wegkommen“, betont er.So weit geht Alexander Möndel, beim baden-württembergischen Ministerium für Ländlichen Raum Experte für nachwachsende Rohstoffe und Bioökonomie, nicht, aber er verfolgt die Arbeit im Kreis Sigmaringen aufmerksam.

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Die bis zu 3,50 Meter hohe Silphie ist auch eine ideale Bienenweide. Imker ernten pro Hektar bis zu 150 Kilogramm Honig.
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„Wir haben großes Interesse, die Praxistests voranzubringen“, sagt Möndel. Wenn sie erfolgreich sind, könne man überlegen, den Anbau zu fördern. „Das Projekt Hahnennest ist deshalb so interessant, weil es dort gelungen ist, die Keimfähigkeit zu verbessern. Die Ertrags-chancen sind nun wesentlich höher.“Für die Silphie sprächen nach Meinung Möndels nicht nur das Insekten-Argument und die Tatsache, dass auf den zur Monotonie neigenden Feldern eine weitere Pflanze angebaut werden könnte, sondern vor allem die Vorteile für den Boden: „In einer solchen Dauerkultur, die nicht jedes Jahr wieder aufgebrochen wird, siedeln sich Regenwürmer mit vertikalen Wurmlöchern an, sodass die Böden wesentlich mehr Wasser aufnehmen können“, sagt Möndel.

Es wäre eine entscheidende Verbesserung für die Bodenqualität in der Landwirtschaft. Allein in Baden-Württemberg bauen Landwirte auf 67000 Hektar Mais für Biogasanlagen an, das entspricht 8,1 Prozent der Ackerfläche. Nimmt man die Grünflächen und die Pflanzen hinzu, die neben Mais in Baden-Württemberg für Biogasanlagen angebaut werden, liegt der Anteil der landwirtschaftlichen Flächen, die im Süden zur Gewinnung von Energie genutzt werden, bei 9,5 Prozent.

In Sigmaringen erfreuen sich zurzeit jedoch nicht nur Spaziergänger am gelben Meer der Silphie-Blüten, auch eine andere Spezies ist begeistert. „Die Felder sind im Gegensatz zu Maiskulturen eine ideale Bienenweide“, sagt Elmar Spohn, stellvertretender Chef des Bezirksimkervereins Sigmaringen. Der bayerische Imkerverband bezeichnet den Anbau der Silphie als „richtungsweisend“. Schließlich blüht sie von Anfang Juli an etwa sechs bis acht Wochen, also in einem Zeitraum, in dem die meisten anderen Blütenpflanzen bereits verblüht sind. Rund 150 Kilogramm Honig kann die Silphie-Blüte pro Hektar liefern.

Es macht also einen Unterschied, ob ein Feld die Halme des Süßgrases Mais oder die gelben Blüten der Silphie hervorbringt – und zwar für Bienen und Spaziergänger.

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Es ist Mittagszeit auf dem Hof der Familie Bodenmiller in Argenbühl bei Wangen im Allgäu. Josef Bodenmiller fährt mit seinem grünen Fendt-Traktor Richtung Weide. Im Anhänger hat er 1000 Liter frisches Wasser für seine 70 Kühe. An heißen Tagen wie diesen trinken seine Braunviecher jeweils bis zu 100 Liter. „Kommt, ho ho ho“, ruft er. Seine Kühe gehorchen ihm aufs Wort und folgen ihm auf Schritt und Tritt, wenn er über die hügeligen Weiden läuft, von denen man auf die Alpenkette schauen kann. Mit einem Klatsch seiner rechten Hand erwischt er eine Bremse auf dem Rücken einer seiner Kühe. Danach gibt es Streicheleinheiten. „Dass es meinen Viechern gut geht, ist für mich das Wichtigste“, sagt er.

Seit Ende 2007 ist Bodenmiller überzeugter Biomilchbauer. Zwischen neun Uhr und 17 Uhr grasen seine Kühe auf den Weiden mit Bergpanorama. Der Biobetrieb ist um einiges aufwendiger als die konventionelle Milchproduktion, meint er. Besonders das Weiden der Tiere sei ein enormer Mehraufwand. Für die zusätzlichen Richtlinien, die mit dem Ökobetrieb einhergehen, erhält Bodenmiller mehr als doppelt so viel Milchgeld als seine konventionellen Kollegen – momentan rund 49 Cent für ein Kilogramm Biomilch. Für einige krisengebeutelte Milchbauern ist diese Differenz ein Grund, auch auf Bio umzustellen oder zumindest darüber nachzudenken. Doch ist das Ökobauer-Dasein nicht für alle der Weg aus der Krise. Einige Biomolkereien nehmen bereits keine neuen Zulieferer mehr auf.

Seit vier Jahren liefert Bodenmiller seine Milch an die Arla-Molkerei. Als er den konventionellen Milchmarkt verließ, lag die Preisdifferenz von Bio- und konventioneller Milch bei rund sechs Cent, heute sind es mehr als 20 Cent. „Den Schritt zur ökologischen Landwirtschaft bereue ich keine Sekunde“, sagt er. Für das Zertifikat Biobauer muss Bodenmiller jedoch einige Voraussetzungen erfüllen, mit denen die konventionellen Milchbauern nichts am Hut haben: Seine Kühe füttert er zu 90 Prozent mit einer Gras- und Heusilage aus eigenem Anbau. Zusätzlich bekommen seine 70 Kühe etwas Biokraftfutter. Im Stall muss der Biolandwirt mindestens sechs Quadratmeter pro Tier bereitstellen. Die Kälber müssen ebenfalls ökologisch gehalten werden, bei der Aufzucht bekommen sie Kuhmilch. Im Bereich der Tierarzneimittel musste sich Bodenmiller ebenfalls umstellen: Leistungs- und wachstumsfördernde Hormone dürfen Biobauern auch nicht verwenden. Dass sein Hof das Biosiegel zu Recht trägt, überprüft die staatliche Kontrollstelle „Abcert“ einmal im Jahr. Zusätzlich müssen sich die Ökolandwirte unangekündigten Kontrollen unterziehen. Die Entschädigung für diesen Mehraufwand liegt bei 230 Euro pro Hektar im Jahr, die der Landwirt aus Fördermitteln der EU, des Bundes sowie des Landes erhält.

Für konventionelle Milchbauern scheinen diese Fördergelder verlockend. Viele von ihnen leiden seit vielen Monaten unter den dauerhaft niedrigen Preisen – rund 3000 Landwirte haben seit 2010 in Baden-Württemberg aufgegeben. Den Ökobauern geht es deutlich besser: Der Erzeugerpreis ist in den vergangenen zwei Jahren nahezu stabil geblieben. Rund zehn Kilometer nordwestlich von Josef Bodenmiller betreibt Bernhard Jäckle in Wangen-Käferhofen seinen Biobetrieb. Die Milch seiner 25 Kühe liefert er an die Biokäserei Zurwies in Wangen. „Jetzt stellen gerade sehr viele auf Bio um“, sagt er. Viele Ökomilchbauern befürchten, dass zu viele Umsteller nun den Markt überfluten. „Der Absturz könnte auch bei uns kommen“, sagt Jäckle.


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Frisch vom Feld: Öko-Tomaten aus eigenem Anbau der Familie Niessen.
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Dass diese Sorge nicht ganz unbegründet ist, zeigen Zahlen des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): 2015 bewirtschafteten bundesweit rund 25000 Ökolandwirte knapp 1,1 Millionen Hektar Äcker, Wiesen und Weiden – ein Plus von rund sechs Prozent im Vergleich zu 2014. Ende des vergangenen Jahres setzten somit 8,7 Prozent der Betriebe auf ökologische Landwirtschaft – viele von ihnen sind aus der Milchbranche. Mittlerweile gibt es nach Angaben des BLE rund viermal so viele Biobauern wie noch vor 20 Jahren. In Baden-Württemberg gab es im vergangenen Jahr rund 7000 ökologisch geführte Landwirtschaftsbetriebe. Rund 3300 von ihnen leben nach Angaben des Regierungspräsidiums Karlsruhe im Haupterwerb von dem Geld aus ihrem Biobetrieb, was etwa acht Prozent aller Landwirte im Bundesland ausmacht. Zusammen mit Bayern ist Baden-Württemberg sowohl bei der Anzahl der Betriebe als auch bei der landwirtschaftlichen Nutzfläche im bundesweiten Vergleich unangefochtener Spitzenreiter.

Doch der Wechsel in die ökologische Landwirtschaft ist kein leichter: Für viele Bauern ist die Umstellung eine zusätzliche Belastung in ohnehin schwieriger finanzieller Lage. In den zwei Jahren Umstellungsphase müssen die Landwirte die Vorgaben der EU-Öko-Verordnung einhalten, werden in dieser Zeit aber noch konventionell bezahlt. Als Ausgleich erhalten die Landwirte in Baden-Württemberg in dieser Phase jährlich eine Förderung in Höhe von 350 Euro je Hektar. „Die Zahl der Milchbauern, die ihren Betrieb auf Bio umstellen, wird aufgrund der niedrigen Milchpreise sicherlich leicht zunehmen. Ein drastischer Anstieg ist jedoch nicht zu erwarten. Der allgemeine Trend zu mehr Biobauern wird jedoch auch in den kommenden Jahren wohl weiterhin anhalten“, sagt Marco Eberle vom Landesbauernverband Baden-Württemberg. Auch wenn der Biomarkt, besonders bei der Milch, mit höheren und stabileren Preisen für viele Landwirte verlockend scheint, ist die Umstellung auf ökologische Produktion nicht das Allheilmittel zum Weg aus der Krise, meint Eberle. „Eine gewisse Liquidität muss vorhanden sein, um die teilweise durchaus erheblichen Kosten für die Umstellung zu stemmen. Für einen ohnehin bereits wirtschaftlich angeschlagenen Betrieb ist der Schritt von konventioneller zu biologischer Produktion keine Lösung“, sagt Eberle.


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Frisch vom Feld: Öko-Tomaten aus eigenem Anbau der Familie Niessen.
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Mit Leib und Seele Biolandwirte: Beryl und Julian Niessen mit Sohn Johann in ihrem Hofladen.
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Im Handel steigt die Nachfrage nach Bioprodukten. Lebensmittel mit dem Biosiegel gibt es nicht mehr nur noch auf dem Wochenmarkt, sondern auch in beinahe jedem Discounter: Mehr als acht Milliarden Euro hat die Branche im Jahr 2015 umgesetzt. Das führt BÖLW-Chef Löwenstein auf das wachsende Bedürfnis zurück, mit der Kaufentscheidung auch Verantwortung zu übernehmen. „Altruistische Motive, wie das Tierwohl und der Umweltschutz, spielen eine immer größere Rolle.“

Von dieser Entwicklung profitiert auch die Familie Niessen in Vogt im Landkreis Ravensburg. Seit gut einem Jahr vertreiben Beryl und Julian Niessen Bioprodukte in ihrem modernen Hofladen. Den Hof mit einer 160-jährigen Tradition übernahmen sie im Jahr 2008. Auf dem Demeterhof des Ehepaars herrscht eine Idylle wie in einem Werbespot für ökologische Landwirtschaft: Vor dem Ladeneingang, von dem man auf die weiten Felder blickt, laufen Hühner herum, aus dem Stall ertönt das Muhen der Kühe. „Unsere Kunden kaufen bei uns wegen der Frische, der Qualität und auch wegen des schönen Ambientes ein“, sagt Julian Niessen. Die Familie öffnet ihren Hofladen dreimal wöchentlich. Das Einkaufen auf ihrem Hof mitten im Grünen soll zum Erlebnis werden: Für die Zukunft ist ein kleiner Spielplatz und ein Café auf dem Gelände geplant. Der Hof ist für das Ehepaar ein Lebensprojekt. „Es bedarf auch ein Stück Idealismus, um einen Bio-Betrieb zu führen“, sagt Julian Niessen. Die Umstellungsphase auf ökologische Landwirtschaft sei eine große Hürde gewesen. Jetzt ist besonders die Dokumentationspflicht ein echter Zeitfresser. „Die bürokratischen Pflichten nehmen viel Zeit in Anspruch“, sagt Beryl Niessen.

Neben dem Weiden ist die Bürokratie auch für den Allgäuer Biomilchbauern Josef Bodenmiller erheblich mehr Arbeit. Für das Wohl seiner Kühe nimmt er das in Kauf. Doch nicht bei allen neuen Biomilchbauern sei das Tierwohl der hauptsächliche Grund für die Flucht aus der konventionellen Produktion. „Manche machen es nur wegen des Geldes und stehen nicht mit der Überzeugung dahinter, die es braucht, um ein Biobauer zu sein. Das finde ich schade und das macht den Markt kaputt“, sagt Bodenmiller.

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Mit Leib und Seele Biolandwirte: Beryl und Julian Niessen mit Sohn Johann in ihrem Hofladen.
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Er sieht aus wie ein Süßigkeitenautomat, wie sie am Bahnsteig aufgestellt sind. Doch der Automat auf dem Bauernhof von Wolfgang Gölz in Ehingen ist nicht mit Weingummi, Chips oder Schokolade gefüllt, sondern mit Fleisch. Fleisch- und Wurstware, die Gölz selbst herstellt, werden in dem Automaten verkauft, wenn der Hofladen nicht geöffnet ist – und das ist an sechs Tagen der Woche der Fall.

Wolfgang Gölz ist Schweinebauer in Ehingen. Das Besondere: Der Landwirt verkauft das Fleisch seiner Schweine selbst und vermarktet auch seinen Betrieb selbst. „Es ist eine Nische, in der sich Geld verdienen lässt“, sagt Gölz. Denn viele Kunden wollen wissen, wo das Fleisch, das bei ihnen auf dem Teller landet, herkommt – und darüber kann sie Gölz aufklären. Noch vor einigen Jahren hielt der Bauer auch Milchvieh und baute Kartoffeln an. Doch damit war der Landwirt nicht zufrieden. „Das hat zu wenig Gewinn gebracht“, sagt er. „Und war dafür sehr aufwendig.“ Er verkleinerte den Betrieb und spezialisierte sich auf die Schweine.

So wie Gölz können viele Landwirte nicht mehr von der konventionellen Landwirtschaft leben. Milchbauern sind abhängig von Molkereien und die zahlen derzeit für einen Liter Milch so wenig wie noch nie. Auch Schweinezüchter verdienen kaum noch etwas an ihrem Fleisch, wenn sie es an Metzgereien oder Supermärkte weiterverkaufen. Um als Landwirte trotzdem bestehen zu können, suchen sich viele von ihnen Nischen.

360 Schweine leben auf dem Hof von Gölz. Die Tiere füttert der Landwirt mit Getreide und Erbsen, die er selbst anbaut. Bei dem Fleisch seiner Tiere ist alles aus einer Hand. Nur das Schlachten der Tiere überlässt er zwei Metzgern. Zehn bis 15 Tiere werden pro Woche geschlachtet.

Vor 26 Jahren hat Gölz damit angefangen, sein Fleisch selbst zu verkaufen und zu vermarkten. Seitdem können Kunden Fleisch und Wurst direkt auf dem Hof kaufen. Mittlerweile hat der Laden nur noch einmal in der Woche geöffnet. An den restlichen Tagen können die Kunden sich Fleisch an einem Automaten auf dem Hof ziehen. Fünf Jahre nach Start des Hofladens entschied sich Gölz dazu, das Fleisch auch auf Märkten in der Region zu verkaufen. Der direkte Kontakt zu den Kunden ist ihm wichtig. „Die Leute wollen wissen, wo das Fleisch herkommt“, sagt Gölz. Für ihn hat es sich ausgezahlt, seinen Betrieb zu verkleinern und ihn neu aufzustellen. „Das Konzept hat sich bewährt, der Umsatz geht kontinuierlich nach oben“, sagt er.

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Karin Delessert und Helmut Rauscher haben ein wenig gebraucht, bis sie herausgefunden haben, wie Büffel ticken.
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Helmut Rauscher hat seine Nische in einer hofeigenen Käserei in Hohenstein auf der Schwäbischen Alb gefunden. Er stellt nicht nur Käse aus Kuhmilch, sondern auch aus Büffelmilch her. 1983 übernahm er als junger Landwirt den Milchbetrieb seiner Eltern. Sieben Jahre später entschied er sich dazu, aus der Milch seiner Kühe Käse zu produzieren – mit Erfolg. „Ich habe den richtigen Zeitpunkt abgepasst“, sagt er. „Die Idee mit der Käserei war damals noch sehr jungfräulich.“

Seit 2004 hält Rauscher neben 50 Kühen auch 40 Büffel. Es habe seine Zeit gedauert, bis Rauscher herausgefunden habe, wie die Büffel ticken. „Die ersten vier, fünf Jahre waren nicht einfach“, sagt er. „Büffel sind ganz anders als Kühe.“ Hinzu komme, dass die Haltung der Tiere sehr aufwendig sei. „Mittlerweile sind die Büffel aber richtige Familienmitglieder“, sagt er. Rauscher ist mit seiner Büffelherde einer von zwei Landwirten, die auf der Alb Büffel halten. Die Männer bieten unterschiedliche Käsesorten aus Büffelmilch, das Fleisch der Tiere und Ware aus Büffelleder an.

Der Landwirt sieht einen Teil seine Erfolgs darin, dass er seine Produkte selbst vermarktet. Ein Drittel seiner Käsesorten verkauft Rauscher auf seinem Hof selbst. Ein weiteres Drittel geht an Gastronomen und Einzelhändler, zum Beispiel Betreiber von Feinkostläden, und ein weiteres Drittel auf Käsemärkten. „Wir sind völlig autark und haben unsere eigenen Preise“, sagt Rauscher. Auch das sei Teil des Erfolgs.

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Karin Delessert und Helmut Rauscher haben ein wenig gebraucht, bis sie herausgefunden haben, wie Büffel ticken.
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Frank Geiselhart erntet jede Woche fast eine Tonne Champignons.
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So wie Rauscher hat auch Frank Geiselhart seine Nische in einem besonderen Produkt gefunden. Der Landwirt aus Ehestetten bei Ehingen zieht Champignons. „Am Anfang wurde ich dafür viel belächelt“, sagt er. Aber nun seien die Pilze ein großer finanzieller Gewinn für seine eigene Familie und seine Eltern, mit denen er den Hof gemeinsam führt. Die Idee dazu, gerade Pilze zu züchten, hatte er, wie er selbst sagt, ohne großen Hintergedanken. „Der damalige Betrieb war für zwei Familien kein Auskommen mehr“, sagt er. „Wir brauchten ein neues Standbein.“ Vorher verdiente die Familie unter anderem mit Milchvieh ihr Geld. Auch heute hat der Landwirt noch andere Standbeine.

Seit 2000 baut der Landwirt die Pilze an. Der Boden für die Pilze ist Pferdemist, der dann kompostiert und fermentiert wird. In diese Mischung gibt Geiselhart das Pilzmyzel, daraus sprießen dann in seinem klimatisierten Keller die Champignons.„Wir gaukeln den Pilzen da vor, dass es das ganze Jahr über Herbst ist“, sagt der Landwirt. Und dann wachsen sie.

Mit seiner Methode, Champignons zu züchten, ist Geiselhart erfolgreich. Pro Woche produziert er so rund 900 Kilo weiße und braune Champignons. Rund 95 Prozent verkauft er davon an Gastronomen in der Region, den Rest bietet er direkt auf seinem Hof oder auf dem Markt an. Auch, wenn er die größte Menge direkte an Restaurants verkauft, lohnt sich der Wagen auf dem Markt. „Wir vermarkten unsere Pilze so und werden bekannter“, sagt er.

Champignons werden in Deutschland en masse gezüchtet. Zumeist in riesigen Betrieben. Damit die Pilze als Nischenprodukt funktionieren, muss Geiselhart eine besonders hohe Qualität anbieten, für die er einen vergleichsweise hohen Preis verlangen kann. „Im Hofladen kostet ein Kilo weiße Champignons sechs Euro, die braunen sind um einen Euro teurer“, sagt Geiselhart. Auf dem Markt sind die Preise noch ein wenig höher. „Die Herausforderung an der Sache ist, ein hochwertiges Produkt zu einem hohen Preis zu verkaufen und eben dafür Kunden zu finden“, sagt Geiselhart.

Die Aufzucht sei sehr aufwendig, denn jeder Pilz wird einzeln geerntet. Trotzdem spielt Geiselhart schon jetzt mit dem Gedanken, noch mehr Pilze zu züchten – im Stall, wo jetzt noch Tiere leben. „Aber das ist noch Zukunftsmusik“, sagt er.

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Frank Geiselhart erntet jede Woche fast eine Tonne Champignons.
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Urn 3a newsml 3a dpa.com 3a 20090101 3a 160518 90 010726
Die Menschen hier legen großen Wert darauf, dass die Produkte, die sie kaufen, aus der Region kommen.“
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Obst- und Gemüsebauer Rolf Haller aus Horgenzell hat vor 30 Jahren, mit 18 Jahren, den Betrieb seines Vaters übernommen. Der hielt auf dem Hof Milchvieh und Schweine. Für den jungen Haller war schnell klar, dass er etwas verändern muss. „Ich habe kurz überlegt, Ziegen anzuschaffen und aus deren Milch Käse zu machen“, sagt er. Denn über dieses Thema habe er mal eine Semesterarbeit geschrieben.

Aber dann hatte er eine andere Idee. „Meine Überlegung war, dass ich ein Produkt brauche, das ich möglichst so wie es ist, direkt an den Kunden bringen kann“, sagt er. Also entschied er sich für den Anbau von Obst, darunter auch Erdbeeren und Spargel. Angefangen hat er mit einem Hektar Erdbeeren, mittlerweile sind es 70. Lukrativ sei das ab dem ersten Tag gewesen. Denn regionales Obst kommt bei seinen Kunden an. „Die Menschen hier legen großen Wert darauf, dass die Produkte, die sie kaufen, aus der Region kommen“, sagt der Bauer. Haller ist davon überzeugt, dass mehrere Faktoren für seinen Erfolg verantwortlich sind: „Man muss gut sein und ein ordentliches Produkt anbieten. Dabei ist wichtig, dass es günstig ist und man trotzdem noch dran verdient.“

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Die Menschen hier legen großen Wert darauf, dass die Produkte, die sie kaufen, aus der Region kommen.“
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Gastbeitrag von Rezzo Schlauch

Als Verbraucher geben wir für unser heilix Blechle über 15 Prozent des Einkommens aus, für Urlaub, Freizeit, und Kultur 17 Prozent. Und das, was wir täglich zwei- bis dreimal essen, ist uns gerade mal 13 Prozent des Einkommens wert. Unser Essen kommt aus den dicht gedrängten Fast-Food-Buden der Fußgängerzonen, aus den anonymen Fleischtheken der Supermärkte oder schlimmer noch: aus portionierten Plastikpackungen anstatt aus Metzgereien, bei denen man weiß oder mindestens fragen kann, woher das Fleisch kommt, aus „Backfactories“, in denen der Kunde die millionenfach industriell hergestellten Teiglinge möglichst noch selber in der Röhre ausbäckt, anstatt in der Bäckerei um die Ecke einzukaufen. Und von all dem schmeißen wir dann noch 20 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel pro Jahr in die Mülltonne. Und tragen so dazu bei, dass im letzten Jahr 3400 Milchbauern und 1400 Schweinehalter ihre Ställe dicht gemacht haben – trotz eines mit 40 Milliarden Euro prall gefüllten EU Agrarsubventionstopfs und nationaler Subventionen obendrauf. Ergebnis: Wir haben die Bauern in den letzten Jahrzehnten immer mehr von einem Markt, in dem Angebot und Nachfrage das Geschehen bestimmen, entwöhnt und zu Angestellten der EU mit Abnahmegarantie ihrer Produkte degradiert.

Das sind wenige Daten und Fakten des alltäglichen Wahnsinns, der schon seit Jahr und Tag die Erzeugung, Verarbeitung und den Verbrauch von Nahrungsmitteln ausmacht. Und die Politik? Schaut tatenlos zu, ist ja alles in ihrem Sinne, wenn immer mehr Kaufkraft in hochpreisige Dinosaurierkarossen fließt, die im Parkhaus zwei Plätze blockieren, die unsere Städte verstopfen und sie noch mit Stickoxyd und Feinstaub überziehen. Und die bäuerliche Interessenvertretung? Sie sollte eigentlich zum Schutz der bäuerlichen Landwirtschaft da sein, sollte die Verbraucher mit qualitativ hochwertigem, regional erzeugtem Fleisch, Gemüse und Obst versorgen. Aber sie treibt Hand in Hand mit der Industrie unsere Bauern auf den Weltmarkt und damit sehenden Auges in den Ruin, weil die heimische Landwirtschaft mit ihren kleinteiligen Strukturen selbst mit höchstem Einsatz von Chemie und Technik auf diesem Weltmarkt chancenlos ist. Also alles hoffnungslos? Alles weiter wie bisher, weil ja die letzten Dekaden gezeigt haben, dass die Monsantos dieser Welt im Gleichschritt mit der Politik und der Lobby der industriellen Agrarwirtschaft das Ganze beherrschen und spürbare Veränderungen kaum möglich sind?


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K%c3%a4ufer
Es gibt Licht am Ende eines langen Tunnels.
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Auch wenn es viele noch nicht wahrhaben wollen, weil sie sich in diesem Wahnsinn bequem und profitabel eingerichtet haben: Es gibt Licht am Ende eines langen Tunnels. Einige der Akteure des Gesamtgeschehens, nämlich die Verbraucher, werden sich mehr und mehr ihrer starken Stellung bewusst und stellen die alten Gewissheiten der konservativen und konventionellen Landwirtschaftspolitik radikal infrage. Gesunde Ernährung ist ein Mega-Thema und füllt Sendezeiten und Sonderseiten im Übermaß. Verbraucher und Bürger stehen auf gegen agrarindustrielle Massentierhaltungen und wollen sich durch noch so rosig geschilderte, hinter geschlossenen Türen ausgehandelte Freihandelszonen ihre Qualitätsstandards und regionalen Eigenheiten bei Agrarprodukten nicht schleifen lassen.

Verbraucherinnen – ja, es sind namentlich die Frauen, die an der Spitze der Bewegung stehen – lassen seit 2012 immer mehr und mehr die Schnitzel und Koteletts in den Fleischtheken liegen und zwar so spürbar, dass das Fachmedium „Lebensmittelzeitung“ zum Schluss kommt, dass die deutsche Fleischwirtschaft auf eine Krise zusteuert.


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Wurst
Bio- oder regionale Ware vs. Convenience-Food
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Der Wurstmarkenartikler „Rügenwalder Mühle“ macht inzwischen 20 Prozent seines Umsatzes mit vegetarisch oder vegan hergestellten fleischlosen Produkten. Und selbst die viel gescholtenen Lebensmittelketten inklusive der Discounter bieten immer mehr Bio- oder regionale Ware in den Regalen an. Im letzten Jahr ist der Konsum von Bionahrungsmitteln um elf Prozent gestiegen und umfasst ein stetig steigendes Kaufvolumen von 8,62 Milliarden Euro. Die Biomärkte und Biosupermarktketten boomen, und auch wenn es mir immer seltsam vorkommt, dass die Parkplätze von den fetten SUVs der deutschen Automobilhersteller, aus denen die eleganten Damen steigen, beherrscht werden, drücke ich beide Augen zu, da die Kundschaft sich immer breiter ausfächert.

Die alte, in allen Diskussionen, die ich seit 30 Jahren führe, in Stein gemeißelte Bauernverbandsweisheit, Bio sei nur eine Nische, und der Verbraucher kaufe das Schnitzel halt im billigsten Sonderangebot, und deshalb müssten wir auch mit der Massenproduktion mitmachen, ist passé. Zumindest verliert sie mehr und mehr an Gewicht. Und wenn die Politik und die Bauernlobby diese Trendwende nicht realisieren und Konsequenzen daraus ziehen, werden eben Politik und Bauernlobby in der Nische landen.

Dem vorgefertigten Convenience-Food aus der industriellen Agrarproduktion werde ich mit Vergnügen die Rote Karte zeigen. Und ich kann wieder viel öfter, wie in früheren Zeiten, in einer guten oberschwäbischen Bauernwirtschaft ein frisches, saftiges Schnitzel aus regionaler Produktion genießen. Oder zu Hause im Hohenlohischen (auch in Stuttgart) einen leckeren Braten vom Schwäbisch Hällischen Schwein. Oder ein wohlschmeckendes Steak vom Beuf de Hohenlohe. Es muss ja nicht gleich vegetarisch oder gar vegan sein, zumindest nicht bei mir.

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Der landwirtschaftliche Betrieb von Ulrich und Timo Brück in Gerabronn-Seibotenberg bei Schwäbisch Hall ist auf Jungsauenvermehrung spezialisiert. Das Geschäft läuft ganz ordentlich und sie wollten ausbauen. Dazu brauchten die Brücks mehr Platz. Vater und Sohn bauen deshalb gerade einen neuen 1100 Quadratmeter großen Stall für fast 600 Jungsauen und knapp 300 Ferkel inclusive Tierwaage und Getreidelager. Ein gewaltiges Vorhaben, gerade in so schwierigen Zeiten. Dass sie es dennoch realisieren können, verdanken sie einem Förderkredit der L-Bank sowie einer Agrar-Bürgschaft der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg.

Baden-Württemberg zählt 41600 landwirtschaftliche Betriebe, davon 24000 im Nebenerwerb, 7600 Winzer und 8800 Gartenbauer. Nicht viele sind derzeit so mutig wie die Brücks. Wegen der niedrigen Erzeugerpreise ist die Investitionsbereitschaft in der Branche deutlich gesunken. Dabei wären Investitionen gerade jetzt wichtig, um Kosten zu sparen, wettbewerbsfähig zu bleiben, den Betrieb zu erweitern oder einen anderen zu übernehmen.

Doch viele wissen offenbar gar nicht von dem im Oktober 2015 aufgelegten deutschlandweiten Programm für Agrar-Bürgschaften. Denn so etwas gab es bis dahin nur für die gewerbliche Wirtschaft, nicht aber für Land- und Forstwirte, Fischzüchter, Weinbauern und nicht gewerbliche Gartenbaubetriebe. Die Bürgschaften erlauben im Notfall eine Absicherung von 60 Prozent der Kreditsumme und eine Verringerung der Zinskosten. Bestehende Unternehmen und Nachfolger erhalten maximal eine Million Euro Kredit, Unternehmensgründer höchstens 500000 Euro. Das Verfahren ist relativ einfach. Die Betriebe wenden sich an ihre Hausbank, die den Antrag auf eine Förderung bei der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg, der Landwirtschaftlichen Rentenbank oder, in Baden-Württemberg, auch über die L-Bank, stellt.

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Ulrich und Timo Brück wollen den Betrieb erweitern.
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Mit der Bürgschaft lassen sich Projekte realisieren, für die es sonst womöglich mangels ausreichender Sicherheiten kein Geld von der Bank gegeben hätte. Seit dem Start des Programms wurden bundesweit 30 Projekte mit einem Kreditvolumen von fast zehn Millionen Euro vergeben, meist Projekte von Milchbauern sowie Schweine- und Rinderzuchtbetrieben. Insgesamt können im Rahmen des Programms zwischen Oktober 2015 und Oktober 2018 Bürgschaften über insgesamt 400 Millionen Euro vergeben werden. Damit wird ein Kreditvolumen von rund 670 Millionen Euro ermöglicht.

Gemessen daran ist das bisher abgerufene Kreditvolumen recht bescheiden. Womöglich wird es auch nicht von allen Kreditinstituten offensiv beworben oder angeboten. Guy Selbherr, Vorsitzender des Verbands Deutscher Bürgschaftsbanken und Vorstand der in Stuttgart ansässigen Bürgschaftsbank Baden-Württemberg, weist außerdem darauf hin, dass das Programm neu und nicht überall bekannt sei.

Auch seien „die Vorlaufzeiten in der Landwirtschaft länger als in anderen Wirtschaftszweigen. Vom Interesse bis zur endgültigen Entscheidung über eine Investition können mehrere Monate vergehen. Wegen der derzeit schwierigen Situation der Landwirtschaft wird ohnehin wenig investiert. Hinzu kommt, dass die meisten Landwirte Betriebsmittel finanzieren wollen. Unsere Agrar-Bürgschaften sind aber auf Finanzierungen von Investitionen und Wachstum ausgerichtet“, erklärt Selbherr.

Allerdings sind seit mit der Agrar-Bürgschaft auch Betriebsmittel besicherbar, jedoch nur mit 30 Prozent. Ein richtiger und wichtiger Schritt, findet Peter Pascher, Fachbereichsleiter Betriebswirtschaft beim Deutschen Bauernverband. Er weist auf einen weiteren „Hemmschuh“ bei der Vergabe von Agrar-Bürgschaften hin: „Wenn ein Landwirt für ein Investitionsvorhaben einen mit EU-Mitteln kofinanzierten Zuschuss vom Land erhält, kann er nicht für das gleiche Volumen eine Bürgschaft beantragen, weil die EU darin eine Doppelförderung sieht.“ Dennoch ist er froh, dass es das Programm überhaupt gibt.

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Ulrich und Timo Brück wollen den Betrieb erweitern.
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Mit Agrar-Bürgschaften wollen die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg und die L-Bank den Landwirten helfen. Doch bisher nehmen nur wenige Bauern die Möglichkeit in Anspruch.
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Andernfalls hätte etwa Adrian Hoffmeister vom gleichnamigen Schnittblumenproduzenten in Ludwigsburg sein Investitionsprojekt nur mit Schwierigkeiten finanzieren können. Er nutzte das Programm sogar schon zweimal. Hoffmeister, der den Betrieb in der vierten Generation führt, finanzierte zunächst den Kauf eines Blockheizkraftwerks. Dann investierte er 400000 Euro in Niedrigenergiegewächshäuser, eine optimierte Strom- und Wärmeerzeugung sowie verbrauchsreduzierte Bewässerungsanlagen.

Die alten Gewächshäuser sind bereits abgerissen, der Bau der neuen beginnt gerade. Der Gartenbauer hatte im landwirtschaftlichen Wochenblatt von den Agrar-Bürgschaften gelesen und seinen Banker darauf aufmerksam gemacht. Für ihn hat es sich gelohnt. Neben den Agrar-Bürgschaften gibt es noch andere Möglichkeiten der Finanzierung von Höfen, Ställen und Produktionsanlagen. Manche Betriebe geben Genussscheine aus und beteiligen so ihre Kunden an Finanzierungsvorhaben. Die Anleger engagieren sich dabei mit einem festen Geldbetrag, meist 500 oder 1000 Euro, berichtet etwa Petra Wähning, landwirtschaftliche Beraterin der Genussinvest GmbH. Die Anleger erhalten Zinsen, in manchen Fällen auch in Form einer Naturalrendite, beispielsweise Gemüse oder Kartoffeln.

Ein anderes Modell hat Rudolf Bühler, Gründer der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, gewählt. Er hat den Vertrieb zurück in die Hand der Landwirte gelegt, die für ihre Produkte gewisse Qualitätsstandards einhalten müssen, dafür aber auch mehr Geld erhalten als auf dem freien Markt. So bleibt mehr Ertrag bei den Erzeugern. Die Erzeugergemeinschaft kommt mit 1461 Mitgliedern und 400 Mitarbeitern immerhin auf einen Umsatz von 121 Millioen Euro.

Die Agrar-Bürgschaften sind jedoch gerade in diesen Zeiten ein wichtiger Baustein im Finanzierungsmix: „Als Landwirt hat man momentan nicht den besten Stand bei der Bank, aber unsere Bank hat unser Geschäftsmodell verstanden und uns dann mit Hilfe der Agrar-Bürgschaft den Neubau ermöglicht“, berichtet Ulrich Brück zufrieden. Der Stall ist bereits im Bau, das Dach ist drauf und ein Getreidesilo gefüllt. Im nächsten Monat soll der Stall fertig sein.

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Mit Agrar-Bürgschaften wollen die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg und die L-Bank den Landwirten helfen. Doch bisher nehmen nur wenige Bauern die Möglichkeit in Anspruch.
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Wenn der Schriftsteller Arnold Stadler über seine Heimat schreibt changieren seine Worte zwischen Melancholie und Sarkasmus. Der 62-Jährige stammt aus Meßkirch, einer Kleinstadt zwischen Alb und Bodensee, zwischen Schwarzwald und Allgäu. Stadler nennt seine Heimat, der er als junger Erwachsener so schnell wie möglich entfloh, liebevoll Fleckviehgau.

Bis zum Zusammenbruch der agrarischen Welt, schreibt Stadler, ist der Fleckviehgau eine Gegend von Viehzüchtern gewesen, die ihre Zuchtergebnisse bis nach Südafrika verkauften. „Davon ist nicht viel übrig geblieben.“ Die Region gelte als bedauernswertes Hinterland, das den Anschluss verpasst hat. Weil die Politik sie als strukturschwach ansehe, sei jede Investition willkommen. Alles werde dem „Arbeitsplatz-Gott zuliebe geopfert“.

Arnold Stadler preist die vergangene glückhafte Rückständigkeit des bäuerlichen Landstrichs und bedenkt die Menschen, die er einst zurückließ, mit höhnischem Spott. Spott für die Projekte der Moderne, auf die die Fleckviehgauer versuchen, ihre Zukunft zu bauen.

Stadlers Klagen über den Verlust der bäuerlichen Kultur sind ein Abbild der Probleme der Landwirtschaft in vielen Regionen Süddeutschlands. Die Bauern – und mit ihnen ihre Verbandsfunktionäre und Politiker, die Lebensmittelhändler und Verbraucher – sind zerrissen. Zerrissen zwischen den begrenzten Möglichkeiten der kleinstrukturierten Betriebe und den Anforderungen, die die globalen Lebensmärkte an die Bauern stellen. Zerrissen zwischen romantischen Vorstellungen von Bullerbü-Bauernhöfen und der Realität der modernen Agrarindustrie.

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Milch
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Kaum eine Milchwerbung kommt ohne die grünen Hügel des Allgäus aus, über die Kühe laut muhend in den Sonnenuntergang stapfen. Die Landwirte, die diese Kühe abends melken, müssen ihre Milch aber auf dem Weltmarkt anbieten und bekommen in Tagen wie diesen nur wenig mehr als 20 Cent für den Liter.

Die Milchtrinker in Stuttgart, Ulm, Mannheim oder München wollen die Milch von diesen Allgäuer Kühen. Sie suchen sie aber bei Discountern wie Aldi oder Lidl. Wie die Vorstellung der glücklichen Kuh zu einem Milchpreis von 46 Cent im Aldi um die Ecke passt, ist die Frage, die dem Kern des Problems sehr nahekommt. Noch blenden viele Verbraucher sie aus: Wichtig ist zuallererst, dass die Milch billig ist. Aber auch wenn die Frage aller Fragen gestellt wird, eine Antwort hat keiner. Dabei darf man nicht vergessen, dass der Preis von 46 Cent für einen Liter Milch auch das Ergebnis einer langen Erfolgsgeschichte ist. Denn eines ist die Industrialisierung der Landwirtschaft auch: ein gewaltiger Fortschritt. 1776 prophezeite der Ökonom Thomas Malthus, dass die Menschheit an Hunger zugrunde gehen werde, weil sich die Produktion von Lebensmitteln nicht im gleichen Maße steigern lasse, wie sich die Weltbevölkerung vermehre.

Das war ein Trugschluss. Moderne Technik, verbesserte Anbaumethoden, chemische Pflanzenschutzmittel haben die Effizienz der Landwirtschaft in einem Maße gesteigert, wie es Malthus im Traum nicht eingefallen wäre. Im Jahr 1900 ernährte ein Bauer im Schnitt vier Menschen, heute versorgt er 145 Personen.

Es gibt wohl keine Zahl, die diese Effizienzsteigerung besser illustriert, als die Zeit, die ein durchschnittlich bezahlter Angestellter in Deutschland arbeiten muss, um sich einen Liter Milch leisten zu können. 90 Sekunden reichen, der Lohn eines Tages reicht für mehr als zwei Badewannen voller Milch. Im Jahr 1900 gab ein Deutscher 57 Prozent seines Einkommens für Nahrungsmittel aus, heute sind es nur noch etwas mehr als 13 Prozent. Der Preisverfall bedeutet für die Menschen mehr Wohlstand – es bleibt mehr für Auto, Mallorca-Reise und Flachbildfernseher.

Hinzu kommt: Die Politik hat, unterstützt von Bauernverbänden und Agrarlobby, die Märkte liberalisiert. Die Zeiten, in denen die Europäische Union den Bauern Milch, Fleisch und Getreide abkaufte und einlagerte, um den Preis zu stützen, sind vorbei. Auch die Subventionen für Exporte, mit denen Europas Bauern ihre Produkte in aller Welt verkaufen konnten, gehören zum größten Teil der Vergangenheit an. Die Politik der abgeriegelten Grenzen gibt es ebenfalls nicht mehr, heute können Landwirte aus aller Welt ihre Waren weitgehend zollfrei nach Europa verkaufen.

Milch
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Damit gilt – wie in der gesamten Wirtschaft – auch in der Landwirtschaft das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und nicht der Markt in Deutschland entscheidet, Angebot und Nachfrage entstehen global, weil die landwirtschaftlichen Rohstoffe weltweit gehandelt werden. Seitdem müssen sich die Landwirte in der „Tagesschau“ oder in der „Schwäbischen Zeitung“ genau informieren, wie es um das Russland-Embargo oder die Konjunktur in China steht – denn die Ereignisse Tausende Kilometer entfernt von den Höfen im Allgäu, in Oberschwaben oder auf der Schwäbischen Alb bestimmen, was ihnen die Händler in den nächsten Monaten für Milch, Fleisch und Weizen aufs Konto überweisen.

Für Milchbauern war das in den vergangenen Monaten verdammt wenig – für viele zu wenig. Über ihre Sorgen und Nöte haben sie im Rahmen der SZ-Serie „Unsere Bauern“ berichtet. Tränen rollten Ernesta Frick über die Wangen, als sich auf ihrem Hofe in Bad Wurzach (Kreis Ravensburg) die Klappe des Viehtransporters schloss und einige ihrer liebsten Kühe abholte. Die Mittfünzigerin erzählt von 34 Tieren, die sie und ihr Mann einst hatten. Mittlerweile sind es nur noch halb so viele. Ernestina Frick berichtet von den Verlusten, die bei den aktuellen Weltmarktpreisen auflaufen. Und sie erzählt von ihrem Lebensentwurf als Milchbäuerin, der sich Monat für Monat ein wenig mehr in Luft auflöst. Ernestina Frick spürt sehr genau, was es bedeutet, wenn Europa Russlands Präsidenten Wladimir Putin für seine Politik in der Ukraine bestraft und den Handel mit Milch verbietet. Oder wenn China weniger Milch braucht, weil die dortigen Betriebe selber Kühe halten. Die Milchwirtschaft ist keine Geheimwissenschaft.

Schöne neue Agrarwelt. Alle – Bauern und Verbraucher, Politik und Lobbyisten – versuchen sich in der Landwirtschaft, die auf einmal global funktioniert, zurechtzufinden.

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Feneberg
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Die Bundesregierung hatte es sich lange einfach gemacht. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat die Tränen von Ernestina Frick billigend in Kauf genommen. Er wollte, dass die Fricks ihre Milch auf dem Weltmarkt anbietet. Seit seinem Amtsantritt sprach sich Schmidt gegen staatliche Eingriffe aus, schwärmte stattdessen von „Potenzialen und Chancen“, die die globale Landwirtschaft den Bauern biete. Heute klingt das anders, der Minister redet davon, dass der Milchmarkt politisch „flankiert“ werden muss und verspricht den Bauern finanzielle Unterstützung. Ein Minister gespalten zwischen Weltmarkteuphorie und Subventionskater.

In der Region Oberschwaben trennt die Zerrissenheit des Ministers die politischen Lager. So forderte beim Milchgipfel der „Schwäbischen Zeitung“ die Grünen-Europaabgeordnete Maria Heubuch, selbst Milchbäuerin aus Leutkirch (Kreis Ravensburg), die Rückkehr zu staatlichen Markteingriffen in Form von obligatorischen Mengenkürzungen, um den Preis zu stabilisieren. Teufelszeug, nicht praktikabel und nicht durchdacht, wetterte der CDU-Abgeordnete Raimund Haser, der für den Landkreis Wangen-Illertal im baden-württembergischen Landtag sitzt. Er plädierte für Milchlieferverträge und regionale Vermarktungsanstrengungen, um die Erlöse der Bauern zu steigern.

Wie uneins die Politik über den richtigen Weg ist, zeigt die Diskussion um den Milchviehpark Hahnennest in Ostrach (Kreis Sigmaringen). Dort wollen vier Bauernfamilien einen Stall für bis zu 1000 Kühe bauen. Während das Projekt für Heubuch das Symbol für die Industrialisierung der Landwirtschaft schlechthin ist, stellt der Stall für Haser eine Möglichkeit dar, wie Bauern die aufwendige Milchviehhaltung wirtschaftlich effizient organisieren können. Sechs Millionen Euro wollen die vier Landwirte investieren. Zukunftsinvestition oder Menetekel für den Niedergang der bäuerlichen Kultur?

„Hier bei uns im Süden, in unserer bäuerlichen Struktur, können wir sehr, sehr viel – aber günstig für den Weltmarkt produzieren, das können wir nicht.“ Die Worte stammen von Hannes Feneberg. Der 54-Jährige ist kein Bauer, sondern Lebensmittelhändler – und er macht genau das, was sich die Politik wünscht. Er schließt mit den Bauern, die die 76 Filialen der Supermarktkette Feneberg beliefern, Verträge – mit festen Preisen, festen Mengen, festen Laufzeiten und genau festgelegten Produktionsbedingungen nach Biorichtlinien. Die Produkte wie Milch, Joghurt, Eier, Fleisch, die so vermarktet werden, sind dadurch allerdings oft doppelt so teuer wie in Discountern wie Aldi und Lidl, die die billigen Weltmarktpreise für sich ausnutzen.

„Unser Konzept funktioniert nur bei Kunden, die bereit sind, für hochwertige Lebensmittel auch Geld zu bezahlen“, sagt Hannes Feneberg. Nach Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung liegt der Anteil der Menschen, die das in Deutschland tun, bei rund 15 Prozent. Er wird steigen – nach Studien der GfK auf 20 oder auf 25 Prozent. Mehr Leute werden es aber wohl nicht werden. Die Zerrissenheit der Landwirtschaft macht vor dem Verbraucher nicht halt: Sie wollen Milch von glücklichen Kühen, die laut muhend durchs Allgäu stapfen, dafür aber immer weniger zahlen.

Wenn Politiker und Bauern, Lobbyisten und Verbraucher die Lösung dieses Problems dem Markt überlassen, wird er die Zerrissenheit lösen. Auf seine Weise, hart und unbarmherzig. Wahrscheinlich werden in den kommenden Jahren viele Milchbauern nach und nach aufgeben, die Höfe in den Dörfern leer stehen und die Kühe von den Hügeln des Allgäus verschwinden.

Die Menschen in Arnold Stadlers Fleckviehgau werden dann noch mehr dem Arbeitsplatz-Gott opfern. Und der Schriftsteller hätte noch mehr Grund zur Klage.

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Impressum

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Autoren
Uwe Jauß, Andreas Knoch, Ulrich Mendelin, Klaus Nachbaur, Christoph Plate, Sigrid Stoss, Benjamin Wagener, Christoph Wartenberg und Rezzo Schlauch

Fotos
Bürgschaftsbank, dpa, Simon Haas, Energiepark Hahnennest, Corinna Krüger, Ulrich Mendelin, Roland Rasemann, Derek Schuh, Christoph Wartenberg und Marvin Weber

Grafiken
Johanna Jani und Nadine Sapotnik

Videos
Marlene Gempp, Simon Haas, Sarah Schleiblinger, Jan Peter Steppat, Britta Baier und Manuel Walz

Umsetzung
Yannick Dillinger, Simon Haas, Ingrid Augustin, Johanna Jani und Robert Michalla  

Verantwortlich
Yannick Dillinger

Kontakt
www.schwäbische.de
Karlstraße 16
88212 Ravensburg
Telefon: 0751 / 2955 5555
online@schwaebische.de

Copyright
Schwäbische Zeitung 2016 - alle Rechte vorbehalten

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