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Von Leib und Seele

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Video

Gesundheit, der Volksmund sagt es, ist bekanntlich das Wichtigste. Deswegen startet in der „Schwäbischen Zeitung“ die große Gesundheits-Serie „Von Leib und Seele“.

In der 21-teiligen Reihe werden neben Krankheiten, wie Adipositas, Diabetes oder Alzheimer, auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Viren und anderen Infektionskeimen beleuchtet.

Ein Storytelling von Claudia Kling und Ingrid Augustin

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Autoren
Claudia Kling / Dominik Prandl 

Fotos / Grafiken / Videos: Colourbox, dpa, imago, privat 

Redaktion
Ingrid Augustin

Kontakt
www.schwäbische.de
Karlstraße 16
88212 Ravensburg
Telefon: 0751 / 2955 5555
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Schwäbische Zeitung 2017 - alle Rechte vorbehalten

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Von Claudia Kling

Gesundheit bis ins hohe Alter – das wünschen sich die meisten Menschen, aber viele tun zu wenig dafür. Die Gesundheitsexpertin Dr. med. Marianne Koch erklärt, warum körperliche und geistige Fitness, die Ernährung und ein Blick in die eigene Familie so wichtig sind. „Gesundheit ist eine Mischung zwischen Gnade und Wissen, auch Konsequenz“, sagt Marianne Koch im Interview mit Claudia Kling. Und sie empfiehlt, zu einem Arzt zu gehen, der bereit ist, zuzuhören und über die Probleme des Patienten zu sprechen.

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„Auch mit 80 ist es möglich, etwas Neues zu lernen“, sagt die Ärztin Marianne Koch. Lebenslanges Lernen schütze sogar vor Alzheimer. Foto: Isolde Ohlbaum
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Frau Koch, was haben Sie heute schon für Ihre Gesundheit getan?

Ich fürchte, nicht sehr viel. Ich habe mich heiß und kalt geduscht, immerhin, das ist eine Anregung fürs Immunsystem. Und ich habe grünen Tee getrunken. Dazu, was ich sonst täglich mache, nämlich mit meinem Hund spazieren zu gehen und mediterran zu kochen, bin ich heute noch nicht gekommen. Das hole ich heute Abend nach.

Haben Sie sich selbst tägliche Gesundheitspflichten auferlegt?

Nein, überhaupt nicht. Ich halte mich im Prinzip an die Dinge, die ich auch anderen Menschen empfehle und die auch machbar sind. Ich bin ein viel zu chaotischer Mensch, um mich strengen Pflichten zu unterwerfen. Aber ich achte auf gesunde Ernährung: viel Gemüse und Obst, Fleisch und Fisch in Maßen. Süßigkeiten mag ich sowieso nicht, und Industrienahrung kommt bei mir nicht auf den Tisch. Aber ich bin nicht so diszipliniert, wie ich vielleicht aussehe.

Der Traum der meisten Menschen ist es, gesund bis ins hohe Alter zu sein. Ist Gesundheit ein Verdienst oder eine Gnade?

Gesundheit ist eine Mischung zwischen Gnade und Wissen, auch Konsequenz. Das heißt, einerseits sind gute Gene eine wichtige Voraussetzung, um gesund zu bleiben, andererseits müssen aber gerade ältere Menschen berücksichtigen, dass sie meist nicht ohne Mühe oder Bemühung gesund alt werden. Neben einer gesunden Ernährung und Bewegung ist auch Muskeltraining ganz wichtig, weil es vor Gebrechlichkeit schützt. Zudem sollte man seinen Blutdruck und sein Cholesterin auf Normalwerte regulieren und etwas für seine Seele und seinen Geist tun. Es hat sich herausgestellt, dass lebenslanges Lernen sogar vor Alzheimer schützt. Man muss dem Gehirn immer wieder etwas Neues vorsetzen, um diese Hunderte Milliarden Verbindungspunkte zwischen den einzelnen Gehirnzellen aufrechtzuerhalten oder sie vielleicht sogar zu vermehren.

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„Auch mit 80 ist es möglich, etwas Neues zu lernen“, sagt die Ärztin Marianne Koch. Lebenslanges Lernen schütze sogar vor Alzheimer. Foto: Isolde Ohlbaum
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Beim Spazierengehen kommt es zu einer Steigerung des gesamten Stoffwechsels. Foto: dpa
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In welchem Alter sollte man damit anfangen, an seine Gesundheit zu denken?

Schon relativ junge Menschen sollten sich in ihrer Familie umschauen, an welchen Krankheiten die Verwandten gestorben sind. Wenn beispielsweise der Bruder des Vaters mit 45 Jahren einen Herzinfarkt hatte, dann ist das vielleicht ein Hinweis auf eine Gefäßkrankheit und eine Warnung davor, seinen Blutdruck und den Cholesterinwert zu vernachlässigen. Um den Kopf zu trainieren, ist man nie zu alt. Auch mit 80 ist es möglich, etwas Neues zu lernen – sei es eine Fremdsprache oder ein Musikinstrument, am besten mit Gleichgesinnten. Denn gerade im Alter ist es unheimlich wichtig, Freunde und Familie um sich zu haben. Die schlimmste Alterskrankheit ist Einsamkeit.

Sie sprechen von Einsamkeit als Krankheit. Was meinen Sie damit?

Einsamkeit führt zu Depressionen, Mutlosigkeit und Angst; dadurch steigt auch die Gefahr von Herzkrankheiten und Demenz. In jedem Fall leidet die Lebensqualität enorm.

Körperlich und geistig rege zu sein, ist für Sie also essenziell?

Ja. Und man sollte sich, wenn man 55 oder 60 Jahre alt ist und die Blutdruckwerte bei den meisten Menschen hochgehen, darüber Gedanken machen, was man für seine Gesundheit tun kann. Auf Rauchen zu verzichten beispielsweise. Rauchen schadet dem Körper enorm.

Was raten Sie Menschen, die nicht mehr fit sind, in puncto Bewegung?

Das ist individuell verschieden. Wenn ein Patient nur mit dem Gehen ein Problem hat, dann wäre vielleicht ein Hometrainer eine gute Trainingsmöglichkeit. Ein Rollator an sich ist noch kein Grund, auf Bewegung zu verzichten. Viele Menschen haben ihn ohnehin nur, weil sie sich damit sicherer fühlen, falls ihnen schwindelig wird oder Ähnliches.

Wie viel Bewegung ist sinnvoll? Reicht der Schaufensterbummel, im Garten Unkraut zu jäten – oder muss es ein bisschen mehr sein?

Sich im Garten zu bewegen, ist besser als nichts. Aber es ist nicht das, was der Körper eigentlich haben will: Beim Spazierengehen, beim Tennisspielen oder beim Laufen kommt es zu einer Steigerung des gesamten Stoffwechsels, wodurch der Blutdruck und das Cholesterin runtergehen und die Botenstoffe im Gehirn – Serotonin, Dopamin – angeregt werden. Das hilft auch bei leichten Depressionen. Wieviel der einzelne Patient sich noch zumuten kann, muss der jeweilige Hausarzt oder Internist entscheiden. Ein Marathonlauf mit 85 muss es sicherlich nicht sein.

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Beim Spazierengehen kommt es zu einer Steigerung des gesamten Stoffwechsels. Foto: dpa
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Wer sich regelmäßig bewegt, hat ein Bedürfnis nach Bewegung. Foto: dpa
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Reicht ein täglicher Spaziergang?

Es gab vor ein paar Jahren eine Studie in England mit 1000 Beteiligten über 75 Jahren, die täglich zwei Meilen, also drei Kilometer, zu Fuß gingen – egal in welchem Tempo. Die anderen 1000 Studienteilnehmer mussten nichts machen. Nach drei Jahren hat man die Gruppen verglichen mit folgendem Ergebnis: Diejenigen, die täglich zwei Meilen gegangen waren, hatten 50 Prozent weniger Schlaganfälle und Herzinfarkte als die anderen. Wer sich im Alter wohlfühlen und gut leben will, kann und muss vielleicht sogar etwas dafür tun.

Wie überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund, wenn Sie auf dem Sofa sitzen, draußen schlechtes Wetter ist – und man eigentlich keinen Hund vors Haus jagt?

Bei mir ist es so: Mein Hund schaut mich an – und los geht’s. Aber ich würde auch ohne Hund rausgehen. Wenn es stürmisch ist, ziehe ich mich eben anders an. Ich genieße es auch rauszugehen, weil ich mich hinterher besser fühle. Wer sich regelmäßig bewegt, hat ein Bedürfnis nach Bewegung. Dann sagt einem der Körper oder der Geist, dass es Zeit wird, etwas zu tun. Man muss Bewegung in das tägliche Leben einbauen. Ob mit Freunden oder alleine – es muss ein Teil des Alltags werden.

Wurde der Faktor Bewegung in den vergangenen Jahren unterschätzt – auch im Hinblick auf Zivilisationskrankheiten wie Krebs?

Wenn Sie damit Sport meinen, dann ja. Krebspatienten, die nach Operationen regelmäßig anfingen, Sport zu machen, haben eine viel geringere Rückfallquote als andere. Die Rückfallquote ist zum Teil sogar geringer als bei Patienten, die nach der Operation mit einer Chemotherapie behandelt wurden. Sport hilft unglaublich viel. Man weiß inzwischen auch, dass das Immunsystem von Menschen, die sich viel bewegen, besser ist und deshalb defekte Zellen des Körpers, die sich zu einem Krebs entwickeln könnten, leichter erkennt und vernichtet.

Was raten Sie Menschen, die sich gerne bewegen würden, aber ständig Zeitnot haben?

Sie sollten eine Woche lang einen genauen Stundenplan führen. Dann sehen sie, wann sie am ehesten Zeit für regelmäßigen Sport haben. Wie gesagt, es geht darum, Bewegung in den Alltag einzubauen.

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Wer sich regelmäßig bewegt, hat ein Bedürfnis nach Bewegung. Foto: dpa
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Es gibt relativ neue Erkenntnisse, dass der Körper jedes Kilogramm Übergewicht auf Biegen und Brechen verteidigt. Foto: dpa
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Mangelnde Bewegung und falsche Ernährung ziehen meist auch Übergewicht nach sich. Wie gefährlich ist es, zu viel auf den Rippen zu haben?

Vor allem bei den ganz kleinen Kindern wäre es wichtig, ihnen keine Süßigkeiten zu geben und sie gesund zu ernähren, weil sich bei ihnen erst ein Geschmacksarchiv ausbildet, das sie ein Leben lang begleitet. Wenn in ihrem Kopf etabliert ist, dass Gemüse gut und fettmachendes Industriezeug schlecht ist, dann werden sie das auch später beibehalten. Das Essverhalten, auch die Frage, wie groß eine Portion sein sollte, wird sehr früh geprägt. Deshalb müssen Eltern wahnsinnig aufpassen, dass sie ihren Kindern eine vernünftige Vorstellung von gutem Essen vermitteln.

Das heißt, Eltern sind über die Ernährung mitverantwortlich, wie hoch das Risiko ihres Kindes ist, später an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu leiden.

Ja, aber auch die Bewegung ist entscheidend. Wenn Kinder in der Schule und zu Hause nur rumsitzen, werden sie leichter übergewichtig, so einfach ist das. Und dann kann man darauf warten, dass sie später Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Ähnliches bekommen.

Viele Menschen wollen ja abnehmen, bringen es aber allenfalls zu einem Jo-Jo-Effekt. Was raten Sie solchen Diät-Verzweifelten?

Auch wenn das keine Hilfe ist: Am besten wäre es natürlich, überhaupt nicht übergewichtig zu werden. Es gibt relativ neue Erkenntnisse, dass der Körper jedes Kilogramm Übergewicht auf Biegen und Brechen verteidigt. Wenn Sie fasten oder Diät machen, stellt sich der Stoffwechsel um. Die Schilddrüsenhormone werden anders, weil der Körper Angst hat zu verhungern. In der Folge wird dann noch die letzte Kalorie aus der Nahrung in Fett oder Energie umgewandelt. Wenn Sie zu schnell zehn Kilogramm abnehmen, werden Sie merken, dass Ihr Körper mit Hungeranfällen darauf besteht, wieder zuzunehmen. Dann ist der Jo-Jo-Effekt unvermeidlich.

Das sind ja wahrlich trostlose Aussichten.

Nein. Sie müssen einfach langsam weniger essen. Nicht versuchen, auf die Schnelle fünf Kilogramm abzunehmen, das bleibt nicht. Diäten machen dick, alle. Sie müssen langsamer essen, als man das normalerweise macht, und die Portionen um zirka ein Drittel kürzen. Drei Schweinshaxen pro Woche wären aber, auch langsam gegessen, kontraproduktiv.

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Es gibt relativ neue Erkenntnisse, dass der Körper jedes Kilogramm Übergewicht auf Biegen und Brechen verteidigt. Foto: dpa
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Marianne koch
Marianne Koch. Foto: dpa
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War es für Sie immer einfach, Ihr Gewicht zu halten?

Ich war als Kind so dürr, dass meine Mutter schon besorgt um mich war. Aber letztlich hat mir das geholfen, nie Gewichtsprobleme zu haben. Mit fortschreitendem Alter habe ich einfach ein bisschen weniger gegessen, weil der Stoffwechsel nach dem 40./45. Lebensjahr nachlässt.

Aber ist es wirklich so gesund, dünn zu sein?

Nein, es gibt Statistiken, die zeigen, dass die leicht Übergewichtigen die höchste Lebenserwartung haben. Ein Body-Mass-Index von 26, 27 ist absolut okay.

Inwiefern sind die Gene am Übergewicht beteiligt? Sie haben als Ärztin wahrscheinlich sehr oft den Satz gehört: „Ich esse ja kaum etwas und nehme trotzdem zu“ oder „ich habe halt feste Knochen“.

Wenn der Vater, die Mutter oder die Großmutter bessere Futterverwerter waren und jede Kalorie angesetzt haben, dann ist das durchaus ein Hinweis auf das Risiko, selbst übergewichtig zu werden. Aber es liegt auch an diesen schrecklichen Essgewohnheiten heutzutage. Viele Menschen scheuen sich zu kochen. Aber wenn man nur Fast Food oder Fertiggerichte isst, nimmt man einfach zu viele Kalorien zu sich. Sie enthalten oft versteckte Fette und schlechte Zutaten – das gilt übrigens auch für das Speisenangebot in vielen Kantinen.

Wenn ein Patient beim Blick in seine Familiengeschichte zu dem Ergebnis kommt, dass in seinen Genen einige Krankheitsrisiken lauern, was kann er dann tun?

Wenn Sie die Vermutung haben, dass Sie erbliche Risiken mit sich herumtragen, müssen Sie zu Ihrem Arzt gehen, der dann die entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen machen oder Sie zu einem Facharzt überweisen kann.

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Marianne Koch. Foto: dpa
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Patienten sollten aufmüpfig sein und ihren Arzt zum Reden aufzufordern. Foto: imago
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Und das bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen?

Ja sicher. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs, Brustkrebs, Hautkrebs und auch Darmkrebs. Wann Sie Anspruch auf welche Untersuchung haben, hängt von Ihrem Alter, aber auch von der genetischen Vorbelastung ab. Aber Sie können natürlich auch selbst etwas tun – ganz unabhängig von der ärztlichen Diagnose. Wenn Ihre Mutter beispielsweise stark übergewichtig ist und deshalb Diabetes Typ 2 hat, sollten Sie unbedingt darauf achten, schlank zu bleiben.

Wer bis ins hohe Alter gesund bleiben will, sollte den Blick also nach vorne und gleichzeitig zurück richten?

Richtig. Und Sie brauchen einen vernünftigen Arzt. Aber das ist tatsächlich ein großes Problem, weil die Ärzte heutzutage nicht mehr für das bezahlt werden, was ich die „sprechende Medizin“ nenne. Das ist ein Skandal, weil ein guter Arzt, der Patienten als ganzheitliche Menschen in ihrem sozialen Umfeld wahrnimmt, ihnen zuhört und sie ausführlich berät, eine größere Chance hat, Krankheiten erfolgreich zu behandeln oder sogar zu verhindern. Deshalb ermutige ich die Patienten, aufmüpfig zu sein und ihren Arzt zum Reden aufzufordern – auch wenn ihm das nicht honoriert wird. Für die Mediziner ist es frustrierend, dass vieles von dem, was ihren Beruf ausmacht, nicht bezahlt wird.

Und welche Rolle spielt die Psyche bei der Entstehung von Krankheiten?

Die Psyche ist an allen Körperfunktionen beteiligt. Bei Rückenschmerzen beispielsweise wissen wir, dass Menschen, die unter ihrem Chef oder anderen seelischen Schmerzen leiden, häufiger davon betroffen sind. Das lässt sich auch gut erklären: Diese Patienten haben eine erhöhte Muskelspannung im Rücken, die dann Fehlhaltungen begünstigt. Verkürzte und verhärtete Muskeln sind eigentlich die Hauptgründe für Rückenschmerzen, die teilweise sogar zu Frühverrentungen führen.

Aber wie schafft man es, heiter zu sein, wenn vieles auf einem lastet?

Wir sollten uns um Verhältnismäßigkeit in unserem Leben bemühen. Das heißt, wir müssen lernen, uns die positiven Seiten in unserem Leben bewusst vor Augen zu führen und uns nicht auf das Negative zu konzentrieren. Das klingt sehr theoretisch, ich weiß, und es ist nicht einfach umzusetzen, vor allem, wenn es einem dreckig geht. Aber es scheint zu helfen. Wenn Seele und Körper in einem harmonischen Gleichgewicht sind, dann ist das auch Vorsorge.

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Patienten sollten aufmüpfig sein und ihren Arzt zum Reden aufzufordern. Foto: imago
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Marianne Koch im Rateteam von Robert Lembke (Mitte) bei „Was bin ich?“. Foto: dpa
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Als Marianne Koch Ärztin wurde, lag bereits eine Karriere als Filmschauspielerin hinter ihr. Sie hat mit Hollywood-Größen wie Clint Eastwood und Charakterdarstellern wie Curd Jürgens gedreht. „Aber als Star in diesem Sinne habe ich mich nie gefühlt“, sagte sie im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. „Das war für mich eher ein Hobby, weil ich ja immer wusste, dass ich Ärztin werden wollte.“ Nach dem zweiten medizinischen Staatsexamen arbeitete Marianne Koch als Internistin an Kliniken in Starnberg und München, bevor sie sich mit einer Praxis in München niederließ. Einem großen Fernsehpublikum ist sie auch als gewiefte Fragestellerin in der Sendung „Was bin ich?“ im Gedächtnis geblieben.

Seit vielen Jahren ist Marianne Koch auch als Buchautorin und Medizinjournalistin tätig. Im Bayerischen Rundfunk stellt sie sich seit 16 Jahren einmal wöchentlich im „Gesundheitsgespräch“ auf Bayern 2 den Fragen der Zuhörer. Bei dtv hat sie mehrere Bücher – unter anderem „Das Herz-Buch“, „Körperintelligenz“ und „Das Vorsorge-Buch“ – veröffentlicht. Marianne Koch lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Peter Hamm, in Tutzing am Starnberger See. (clak)

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Marianne Koch im Rateteam von Robert Lembke (Mitte) bei „Was bin ich?“. Foto: dpa
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Von Dominik Prandl 

Wenn Bella nach der Schule nach Hause kommt, ist es, als höre sie eine Stimme in ihrem Kopf, die sagt: „Geh jetzt und hol dir was zu essen.“ Heimlich schleicht sich die 15-Jährige dann in die Küche und stopft sich Essbares in ihre Taschen, um es in ihrem Zimmer zu verschlingen. „Ich habe sogar schon gefrorene Kroketten gegessen. Das ist zwar ekelhaft, aber in dem Moment egal“, sagt sie. Durch ihre Essattacken hat Bella stark zugenommen und gehört mittlerweile zu den sechs Prozent der Kinder in Deutschland, die von Adipositas, also starkem Übergewicht, betroffen sind. Auch Erwachsene werden hierzulande und weltweit immer dicker – meist leiden sie darunter psychisch. Übermäßig viele Kilos ziehen zudem Folgeerkrankungen nach sich.

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In der Wangener Rehaklinik lernt die 15-jährige Bella, von welchen Lebensmitteln sie mehr, von welchen sie weniger essen sollte. Foto: Dominik Prandl
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An der Rehabilitationskinderklinik in Wangen will man der Entwicklung frühzeitig entgegenwirken. Die Klinik ist auf Adipositas spezialisiert. 408 Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland kamen 2016 hierher, um etwas gegen ihre Fettleibigkeit zu tun. Im Schnitt dauert ihre Reha fünf Wochen. Bella, die eigentlich anders heißt, hat ihre Reha selbst in die Wege geleitet. „Ich will das Problem beheben, weil ich mich nicht wohlfühle“, sagt sie. „In der Kabine beim Shoppen raste ich aus, weil ich mich nicht hübsch finde.“ Wie viel sie heute wiegt, will sie lieber nicht sagen. Erzählt aber, dass sie vor einem halben Jahr, als ihr Opa gestorben ist, allein in zwei Monaten 20 Kilo zugenommen hat.

Die Ursachen für Adipositas sind vielfältig. Die meisten adipösen Menschen hätten die genetische Veranlagung zum Übergewicht, sagt Dirk Dammann, Chefarzt der Wangener Rehaklinik. Zudem lebten wir heute in Verhältnissen, in denen körperliche Aktivität weniger notwendig sei, sagt der Wangener Therapieleiter Robert Jaeschke. So arbeiten wir häufig in Büros, nehmen meist eher den Fahrstuhl als die Treppe und in der Freizeit wird gerne ferngesehen. Dass die psychische Situation wie bei Bella Auswirkung auf das Gewicht hat, kommt aber auch vor.

Darüber hinaus seien Menschen besonders gefährdet, wenn sie einen niedrigen Bildungsstand hätten, in Armut lebten oder einen Migrationshintergrund aufweisen würden, sagt Dammann. Weil mittlerweile klar ist, dass starkes Übergewicht nicht nur durch Bewegung und gesunde Ernährung bekämpft werden kann, wird an der Klinik in Wangen auch die psychische Komponente berücksichtigt. Es gehe vor allem darum, dass sich etwas im Kopf ändert, eine Bewusstseinsänderung stattfindet, erklärt Klinikleiter Alwin Baumann.

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In der Wangener Rehaklinik lernt die 15-jährige Bella, von welchen Lebensmitteln sie mehr, von welchen sie weniger essen sollte. Foto: Dominik Prandl
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Laut aktuellem Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn sind 59 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig. Besorgniserregend sei der Anstieg von Adipositas, also starkem Übergewicht: Von 1999 bis 2013 habe der Anteil adipöser Männer um 40 Prozent und der extrem dicker Frauen um 24,2 Prozent zugenommen – laut Robert-Koch-Institut ist mittlerweile ein Viertel der Erwachsenen hierzulande stark übergewichtig. Chefarzt Dammann spricht von einer „Volkskrankheit“, weil Adipositas eine Reihe von Folgeerkrankungen noch Jahrzehnte später nach sich ziehe: etwa Bluthochdruck, Diabetes, Gelenk- und auch Herzprobleme. Mittlerweile würden schon Kinder an Diabetes vom Typ 2 erkranken, früher habe das hingegen nur Ältere betroffen. Adipöse Menschen haben überdies eine geringere Lebenserwartung – zehn Jahre kürzer als normalgewichtige Menschen leben sie, so das Ergebnis eines groß angelegten internationalen Forschungsprojekts um Emanuele Di Angelantonio von der Universität Cambridge.

„Wir haben in der Vergangenheit ganz viel Adipösen unrecht getan, haben gesagt: ,Reiß dich zusammen.’ So einfach ist es aber nicht“, sagt Dammann. Je genetischer die Ursache, desto schwieriger sei es, etwas dagegen zu tun, erklärt Therapieleiter Jaeschke. Den Kindern werde in der Klinik klargemacht, dass sie ihr ganzes Leben lang am Ball bleiben müssten. „Es ist ein harter Kampf.“ Nur die Ernährung umzustellen, führe lediglich zu kurzfristigen Erfolgen. Ohnehin gilt: Nach der Diät ist vor der Diät. Denn durch den Jo-Jo-Effekt sind die Kilos schnell wieder zurück. In der Wangener Klinik gilt deshalb der Grundsatz: Es gibt keine verbotenen Lebensmittel, es kommt vielmehr auf die Essensportionen an.

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Bella lernt, wie man etwa Döner oder Hamburger zubereiten kann, ohne dass man davon zu stark zunimmt. Foto: Dominik Prandl
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In der Lehrküche hat Bella Tränen in den Augen – nicht weil sie sich im Verzicht übt, vielmehr schnippelt sie Zwiebeln für eine Pizza. Hier lernt sie, wie man etwa Döner oder Hamburger zubereiten kann, ohne dass man davon doll zunimmt. „Gesund kochen heißt nicht, dass es nicht schmeckt“, sagt Jaeschke. In Bellas Rücken steht eine große Pyramide. Auf verschiedenen Ebenen enthält diese unterschiedliche Lebensmittel wie im Kaufmannsladen. Sie zeigt den jungen Menschen, von welchen Lebensmitteln sie mehr, von welchen sie weniger essen sollten.

Während die Kinder schnippeln und rühren, schult Frank Hellmond, Leiter der Ernährungstherapie, die Eltern und Großeltern. Schließlich habe die Erziehung einen großen Einfluss auf den körperlichen Zustand der Kinder. An den Eltern liege es, zu sagen: „Das war jetzt eure Süßigkeit.“ Allerdings: „Jemand, der nur gesunde Lebensmittel zu sich nimmt, muss nicht rank und schlank sein“, erklärt Hellmond. „Es geht um die Menge.“ An der Ernährungspyramide lässt sich ablesen, wie viel Getreide, Gemüse, tierische Produkte, fettige Lebensmittel und Süßigkeiten Kinder am Tag essen sollten. Eine Portion Süßes, etwa eine Handvoll, ist pro Tag vertretbar. Auch Bella darf so viel naschen. Durch eine Strichliste stellt sie sicher, dass sie nicht mehr als sieben Portionen Süßes in der Woche zu sich nimmt.

Nicht nur Betroffene müssen etwas tun, auch die Politik gerät zunehmend unter Zugzwang. In 30 Jahren werde uns das Volksleiden Adipositas vor große Probleme stellen, weil nicht klar sei, wie die Behandlungskosten finanziert werden sollen, sagt Chefarzt Dammann. Aus Daten des Statistischen Bundesamtes geht hervor, dass 2015 rund 22000 adipöse Menschen in deutschen Krankenhäusern vollstationär behandelt wurden – zehn Jahre zuvor waren es noch lediglich rund 7000. Laut einer Studie lagen die Kosten für Adipositas in Deutschland im Jahr 2003 bei 13 Milliarden Euro – bedingt besonders durch die Behandlung der Begleiterkrankungen. Seitdem steigt die Zahl stark übergewichtiger Menschen weiter, und damit auch die Kosten.

Die Politik könnte etwas dagegen tun, sagt Dammann. Eine Lebensmittelampel, die auf den ersten Blick anzeigt, wie hoch der Anteil von Zucker, Fett oder Salz im Produkt ist, hätte eine „moderate Wirkung“. Doch als sie in Deutschland im Gespräch gewesen sei, habe die Lebensmittelindustrie „Angst bekommen“, erinnert sich der Wangener Chefarzt. Er ist zudem überzeugt davon, dass eine Fettsteuer, die Lebensmittel mit viel Kalorien teurer mache, funktionieren würde. „Wir könnten so den Konsum steuern. Die Frage ist, ob wir so tief eingreifen wollen.“

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Bella lernt, wie man etwa Döner oder Hamburger zubereiten kann, ohne dass man davon zu stark zunimmt. Foto: Dominik Prandl
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Bewegung hilft: Die Patientinnen Lilli (rechts) und Bella in der Sporthalle der Fachklinik in Wangen. Foto: dpa
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Die Betroffenen selbst unterliegen oft einem Leidensdruck: weil sie keinen Schokoriegel in der Öffentlichkeit essen können, ohne dass sie schräg angeguckt werden, weil sie gehänselt werden oder weil sie ganz einfach mit ihrem Aussehen nicht zufrieden sind und sich bei der Partnersuche nicht trauen, jemanden anzusprechen. Dammann liefert noch eine weitere harte Erkenntnis: „Je mehr Menschen wiegen, desto weniger verdienen sie durchschnittlich.“

Bella ist auf dem besten Weg, ihre Essstörung in den Griff zu bekommen. Ihr hilft schon der strukturierte Alltag in der Klinik mit den vielen Terminen, sagt sie. Auch dass sie hier fast immer unter Menschen sei, halte sie von ihren Essattacken ab. Doch was, wenn sie wieder nach Hause kommt und allein ist? Letztendlich gehe es darum, den Lebensstil nachhaltig zu ändern, sagt Chefarzt Dammann. Leicht sei das nicht, denn „logische Einsicht ist etwas ganz anderes, als das Eingesehene zu leben“. Was Sport betrifft, könnte das bei Bella aber in jedem Fall funktionieren. „Eigentlich fehlt mir die Motivation dazu“, gesteht die Jugendliche. „Aber hier sagen sie: ,Du musst da hin.’“

Für das Ergometer habe man sie auf diese Weise zwar nicht begeistern können. Dafür schwimme sie jetzt gern und Joggen mache ihr mittlerweile auch Spaß – „weil meine Ausdauer schon viel besser geworden ist.“

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Bewegung hilft: Die Patientinnen Lilli (rechts) und Bella in der Sporthalle der Fachklinik in Wangen. Foto: dpa
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Starkes Übergewicht wird als Adipositas bezeichnet.

Von Adipositas spricht man ab einem Body Mass Index (BMI) von 30. Den BMI bestimmt man, indem das Körpergewicht durch die Körpergröße in Quadrat geteilt wird (also etwa: 80 Kilo / 1,80 m2).

Für Kinder gelten spezielle Referenzwerte, die eine Einstufung der individuellen BMI-Werte erlauben. Eine Krankheit ist Adipositas insofern, als ab einem bestimmten Ausmaß von Übergewicht ein deutlich erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen besteht.

 Ob und welche Therapiemaßnahmen die gesetzliche Krankenkasse bei Adipositas zahlt, werde stets im Einzelfall entschieden, erklärt Pressereferentin Claudia Widmaier vom GKV-Spitzenverband.
Auch für chirurgische Eingriffe gebe es bestimmte Voraussetzungen: Die Implantation eines Magenbandes etwa, wodurch der Magendurchmesser verkleinert wird, wird erst ab einem BMI von mehr als 35, verbunden mit starken Begleiterkrankungen, vorgenommen. Außerdem müssen konservative Behandlungsmöglichkeiten schon ausgeschöpft worden sein. (dtp)

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Von Daniel Hadrys
 
Seitdem sie ihre Tabletten nehme, spreche sie weniger, sagt Manfred Kauschwitz. „Dafür ist sie auch weniger aggressiv“, erzählt der 86-Jährige. „Und wieder fröhlicher.“ Seit einer gefühlten Ewigkeit ist der Rentner aus Ravensburg mit seiner Frau Marianne, jetzt 78 Jahre alt, verheiratet. Die Krankheit Alzheimer bestimmte das vergangene Jahrzehnt. 2006 hatte seine Frau Marianne die Diagnose erhalten.

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Es gibt Musiktherapien für Demenzkranke. Foto: Archiv
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Doch dass etwas nicht stimme, habe Manfred Kauschwitz, wie er hier bei der Ravensburger Selbsthilfegruppe für Angehörige von Menschen mit Demenz erzählt, schon viel früher bemerkt. „2002 waren wir bei einer Familienfeier“, erinnert sich Kauschwitz, der, genau wie seine Frau, eigentlich einen anderen Nachnamen hat. „Meine Frau war in heller Aufregung, sie war besorgt, dass den Kindern der Familie, die in der Nähe einer Baugrube gespielt haben, etwas zustößt“, erzählt er. „Auf der Heimfahrt war die ganze Aufregung weg. Sie hat mich sogar gefragt: 'Wo waren wir?’“

Von da an habe er immer öfter bemerkt, dass ihr Gedächtnis nachlässt, dass seiner Frau Dinge nicht mehr eingefallen seien, wie sie Probleme beim Einkaufen bekam. Irgendwann habe sie den Weg zur Friedhofskapelle in Weißenau, den sie jede Woche mit dem Auto gefahren war, nicht mehr gefunden. „Aber an die Lieder von früher, an die erinnert sie sich“, sagt ihr Mann. Die ersten Jahre haben sie noch im gemeinsamen Haus gewohnt, jetzt leben sie in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Betreuung.


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Es gibt Musiktherapien für Demenzkranke. Foto: Archiv
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An die 1,6 Millionen Menschen sind in Deutschland an einer Demenz erkrankt. Foto: dpa
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Marianne Kauschwitz ist eine von rund 190.000 Personen in Baden-Württemberg, die an einer Demenz erkrankt sind. Bundesweit sind es ungefähr 1,6 Millionen. „Demenz“ ist der Oberbegriff für eine Gruppe von Krankheiten des Gehirns, die Alzheimer-Erkrankung macht mit 70 Prozent den größten Teil aus.

Die Häufigkeit der Alzheimer-Demenz zeigt sich auch in der Angehörigengruppe, die sich jeden dritten Mittwoch des Monats im AOK-Gesundheitszentrum an der Ulmer Straße in Ravensburg trifft. Gemeinsam lachen die Teilnehmer über das Gemecker, über die harschen Worte und blöden Sprüche ihrer Liebsten, die früher, vor der Diagnose Alzheimer, für Streit gesorgt hätten. Jetzt sorgen sie für wehmütiges Lächeln, als wären streitbare Charaktereigenschaften zu liebenswerten Marotten geworden. Denn sie erinnern an die Zeit vor der Krankheit, die die Menschen verändert, es sind die Konstanten, die geblieben sind.

So wie die Feststellung des 71-jährigen Alzheimerpatienten, seine Frau müsse „immer ihren Senf dazugeben“. Bei ihrer Schilderung, ihr Mann verbringe anderthalb Stunden im Badezimmer, um sich wieder und wieder zu waschen, entgegnet eine weitere Teilnehmerin: „Wir können Familientausch machen.“ Sie berichtet von ihrem 73-jährigen Gatten, einem gelernten Schreiner, der zwar jeden Morgen Kreuzworträtsel löst, aber sich nicht erinnert, wie man einen Zaun repariert.

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An die 1,6 Millionen Menschen sind in Deutschland an einer Demenz erkrankt. Foto: dpa
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Der Arzt und Psychiater Alois Alzheimer. Foto: dpa
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Auch wenn sich eine Demenz in Wesensveränderungen zeigt, „ist sie niemals seelisch bedingt“, sagt Jochen Tenter, Chefarzt der Alterspsychiatrie Ravensburg am Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg. „Es steckt immer eine Gehirnerkrankung dahinter.“ Für eine Demenz gibt es verschiedene Ursachen. Bei der Alzheimer-Erkrankung ist die Kommunikation zwischen den Nervenzellen des Gehirns gestört. Schuld daran sind „zwei Dinge, die relativ gut bekannt und aufgedeckt sind“, erklärt Tenter. Daneben gebe es aber viele Mechanismen, „bei denen es noch nicht so klar ist“.

Die Krankheit entdeckte Alois Alzheimer im Jahre 1906. In Gehirnproben verstorbener Patienten fand er Amyloid-Ablagerungen, die sogenannten „Plaques“. „Das ist Eiweißmüll, der sich zwischen den Zellen ablagert und der in einer Kettenreaktion immer mehr wird“, sagt Tenter. Diese Plaques werden durch eine fehlende „Eiweißschere“ im Gehirn nicht abgebaut. Beim Erlernen oder Merken neuer Dinge verknüpfen sich Nervenzellen im gesunden Gehirn mittels Aussprossungen – bei Alzheimerpatienten steht der Eiweißmüll wie eine Barriere dazwischen. Diese Ablagerungen können bereits bis zu 30 Jahre vor dem Ausbruch einer Demenz auftreten, also im mittleren Lebensalter.

„Der andere Mechanismus nennt sich ,Tau-Pathologie’“, so Tenter. „Die Zellen reden miteinander, indem sie Botenstoffe aussenden. Diese lösen einen elektrischen Impuls aus und dieser wiederum die Aussendung weiterer Botenstoffe.“ Diese werden im Zelllaib hergestellt und durch mikroskopisch kleine Kanäle an das andere Ende der Zelle transportiert. „Die Kanäle zerfallen bei der Alzheimer-Krankheit. Botenstoffe können zwar noch produziert werden, kommen aber nicht mehr an die Überträgerknotenpunkte. Dadurch verarmt das Muster an elektrischer Weitergabe.“

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Der Arzt und Psychiater Alois Alzheimer. Foto: dpa
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Im fortgeschrittenen Stadium sind die Betroffenen auf fremde Hilfe angewiesen. Foto: dpa
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Beide Vorgänge lassen sich nicht aufhalten, die Alzheimer-Demenz schreitet immer weiter fort. Kognitive Fähigkeiten, Rechnen, Schreiben, Sprechen, Orientierung sowie das Gedächtnis, gehen immer weiter verloren. Im fortgeschrittenen Stadium sind die Betroffenen auf fremde Hilfe angewiesen, benötigen Unterstützung beim Ankleiden und Essen. Und erkennen ihre eigenen Angehörigen irgendwann nicht mehr, werden aggressiv oder apathisch.

Einer Alzheimer-Demenz vorbeugen kann man nicht. „Geistige und körperliche Aktivität können den Ausbruch aber etwas hinauszögern“, erklärt Tenter. Zudem gebe es Krankheiten, die Alzheimer begünstigen. Dazu gehören Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und Diabetes. Denn oft ist die Gehirnschädigung durch Gefäßleiden nicht so eindeutig zu unterscheiden. Manche Wissenschaftler sagen, dass zumindest im hohen Alter Gefäßschäden und eine Alzheimer-Erkrankung fast immer gemeinsam vorkommen. Andersherum gilt daher: Was gut für das Herz ist, ist auch gut für das Gehirn, also Bewegung, ausgewogene Ernährung und kein Übergewicht.

Als erstes Symptom macht sich häufig die Vergesslichkeit bemerkbar. Dadurch, dass das durchschnittliche Erkrankungsalter bei 78 Jahren liegt, werde diese häufig als Alterserscheinung bagatellisiert, erklärt Tenter. Bis zu einem gewissen Grad sei diese auch normal. Man höre von Angehörigen, dass die betroffenen Verwandten bestimmte Dinge anders machen als vorher, „nicht mehr so ordentlich Kontoauszüge oder Rechnungen ablegen, Sachen sammeln, die man früher für wertlos gehalten hat, anfangen, sich körperlich zu vernachlässigen, ohne dass es selbstkritisch bemerkt wird, oder dass sie nicht mehr planen können und keine Fantasie mehr haben.“

Diese Beobachtungen seien wichtig für die Diagnose, erklärt Tenter. Daneben gibt es psychologische Tests, die Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und Wahrnehmungsfähigkeit der Betroffenen prüfen. Zusätzlich können Laboruntersuchungen des Nervenwassers oder Computer- und Magnetresonanztomografie die Diagnose bestätigen. Wichtig sei laut Tenter, dass die Symptome mindestens ein halbes Jahr bestehen, da auch andere Krankheiten, beispielsweise eine schwere Depression oder eine Schädel-Hirn-Verletzung, einige Symptome hervorrufen können, wie zum Beispiel Aufmerksamkeitsstörungen und einen verminderten Antrieb.

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Im fortgeschrittenen Stadium sind die Betroffenen auf fremde Hilfe angewiesen. Foto: dpa
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Derzeit gibt es noch kein Medikament gegen Alzheimer. Foto: dpa
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Ist die Diagnose gestellt, beginnt die Behandlung. „Es gibt aber derzeit kein Medikament, das diese Krankheit stoppen kann“, erzählt Lutz Frölich, Professor am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim und Leiter einer Alzheimer-Studie für das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim. „Zugelassene Medikamente können den Verlauf abmildern und dafür sorgen, dass die Patienten sich besser fühlen, aber letztlich sind sie nur symptomatisch wirksam.“ Diese Medikamente verbessern die Informationsübertragung der beiden Nervenbotenstoffe Acetylcholin und Glutamat. „Doch die Effekte, die sie hervorbringen, sind irgendwann so gering, dass sie nicht mehr relevant sind“, erklärt Frölich.

Die Forschung nach einem Heilmittel gestaltet sich schwierig. Das Gehirn sei ein sehr komplexes Organ, durch den langen Krankheitsverlauf brauche man lange Beobachtungzeiten bei klinischen Studien. Derzeit halte man an der Hypothese fest, dass die Amyloid-Ablagerungen die zentrale Ursache der Hirnschädigung sind. „Man hat keine bessere Idee bisher“, sagt der Psychiater. Daher versuche man, Angriffspunkte zu entwickeln, um die Fehlverarbeitung dieses Eiweißes zu unterbinden. Zudem untersucht die Forschung weitere „Störungswege“, die zu Nervenzelluntergängen führen. Mediziner versuchen, Nervenwachstumsfaktoren auszumachen, die das Gehirn stärken können.

Doch obwohl „viele 10 000 Wissenschaftler versuchen, etwas Neues zu finden“ und die Alzheimer-Forschung „eines der wichtigsten Felder neurobiologischer Krankheitsforschung“ sei, ist eine Vorhersage, wann es ein Heilmittel geben könnte, schwierig. Selbst zunächst vielversprechende Entwicklungen wie das vom US-Pharmakonzern Eli Lilly erprobte Mittel Solanezumab erwiesen sich als wirkungslos.

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Derzeit gibt es noch kein Medikament gegen Alzheimer. Foto: dpa
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Fortschritte mache die Wissenschaft laut Frölich vor allem bei diagnostischen Verfahren. „Die Forschung hat viele Dinge entwickelt, die helfen, die Krankheit mit hoher Sicherheit zu erkennen.“ Das sei „ein guter Schritt“. Bis 2025, wie es der ehemalige US-Präsident Barack Obama einmal als Ziel ausgegeben hatte, werde es jedoch keine Heilung geben.

Die Krankheit Alzheimer wird also aller Voraussicht nach auch bei Marianne Kauschwitz nicht aufzuhalten sein. „Ich habe mich damit abgefunden“, sagt ihr Mann. Er werde jetzt bald Urlaub machen, alleine. Seine Frau wird in einer Kurzzeitpflege-Einrichtung auf ihn warten. Vielleicht wird sie nicht viel sagen, wenn ihr Mann sie nach seinem Urlaub wieder abholt. Dafür wird sie aber vermutlich ein Lied anstimmen.

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Von Katja Waizenegger

Lady Gaga tut es, Gwyneth Paltrow – und Hannelore Kraft: Sie ernähren sich glutenfrei, verzichten also auf Getreide. Die Gründe für diesen Verzicht sind allerdings unterschiedlich. Während die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Kraft an Zöliakie leidet, einer Glutenunverträglichkeit, werben die amerikanischen Ladys für glutenfreie Ernährung, weil sie ihrer Meinung nach gesünder ist. Doch ist sie das tatsächlich? Oder liegt glutenfreie Ernährung lediglich im Trend? Wie so oft gibt es nicht die eine gültige Antwort. Denn tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahren unter Medizinern die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch Menschen, die keine Zöliakie haben, unter einer Unverträglichkeit von Weizen leiden können.

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Zöliakie-Patienten müssen sich streng glutenfrei ernähren. Foto: dpa
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„Wir finden in unserer Praxis alle zwei bis drei Wochen einen Zöliakie-Patienten“, bestätigt der Leutkircher Internist und Gastroenterologe Roland Graf die Zunahme von Diagnosen dieser Autoimmunerkrankung in den letzten zehn Jahren. Internisten und die Pathologen hätten in diesem Bereich viel dazugelernt. Tatsächlich ist es so, dass es bei Beschwerden wie Blähungen und Durchfall nicht mehr so lange dauert wie noch vor Jahren, bis eine Diagnose gestellt wird. Bereits eine Blutabnahme gefolgt von einer Dünndarmbiopsie kann eindeutig Auskunft geben, ob eine Zöliakie vorliegt oder nicht.

Schwieriger wird es, wenn die Beschwerden nicht eindeutig dem Magen-Darm-Trakt zuzuordnen sind. Wie Bianca Maurer, Ernährungsmanagerin bei der Deutschen Zöliakie Gesellschaft (DZG) in Stuttgart, sagt: Auch unklare Beschwerden wie Depressionen, Muskelschwäche, Osteoporose und vieles mehr können durch eine Zöliakie ausgelöst werden. Die DZG geht heute davon aus, dass einer von Hundert an der Autoimmunerkrankung leidet, welche die Zotten des Dünndarms schädigt. „Zöliakie-Patienten müssen sich auf jeden Fall streng glutenfrei ernähren. Denn durch eine permanente Entzündung im Dünndarm steigt die Gefahr von bösartigen Lymphomen, also einem Tumor“, so Roland Graf.

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Zöliakie-Patienten müssen sich streng glutenfrei ernähren. Foto: dpa
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Nachweisen lässt sich eine Weizenallergie mit Haut- und Bluttests. Foto: dpa
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Aber wie sieht es bei den Patienten aus, bei denen keine Zöliakie festgestellt wird, die aber Beschwerden haben, wenn sie Getreide essen? Was ein Arzt heute auch relativ zweifelsfrei belegen kann, ist eine Weizenallergie. Die Symptome reichen von Quaddeln, Atemnot bis zu Magen-Darm-Beschwerden. Nachweisen lässt sich eine Weizenallergie mit Haut- und Bluttests, jedoch nicht bei einer Magenspiegelung, wie Graf betont. Wichtig ist für die Ernährungswissenschaftlerin Maurer die klare Abgrenzung zur Zöliakie: „Viele Weizenallergiker vertragen Roggen oder Gerste, welche wegen des enthaltenen Glutens bei Zöliakie tabu sind. Auf der anderen Seite können sie Produkte mit glutenfreier Weizenstärke nicht essen.“ Aus dem Grund sei die Bezeichnung „glutenfrei“ auf Lebensmitteln für Weizenallergiker kein ausreichendes Kriterium.

Bislang am umstrittensten und oft als eingebildete Krankheit belächelt, ist die sogenannte Weizensensitivität. „Wenn ein Patient Beschwerden hat und es ihm spontan bessergeht, sobald er auf Weizen verzichtet, kann man von einer Weizensensitivität ausgehen“, bestätigt Graf. Allerdings lässt sich die Weizensensitivität derzeit im Labor noch nicht nachweisen. Die einzige Möglichkeit der Diagnose ist eine Ausschlussdiät, also: den Weizen weglassen und genau beobachten, was passiert. Bianca Maurer von der DZG betont allerdings, dass man diese Ausschlussdiät nur machen sollte, wenn die oben beschriebenen Krankheiten von einem Arzt ausgeschlossen wurden. Und auch dann sollte ein Arzt den Verlauf begleiten.

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Nachweisen lässt sich eine Weizenallergie mit Haut- und Bluttests. Foto: dpa
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Karte baeckereien
Auch in der Region gibt es zahlreiche Bäckereien mit glutenfreiem Sortiment.
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Einen völligen Glutenverzicht hält Detlef Schuppan von der Uni Mainz, einer der führenden deutschen Forscher auf dem Gebiet der Weizensensitivität, nicht für notwendig. Schuppan hat die für die Sensitivität verantwortlichen ATIs (Amylase-Trypsin-Inhibitoren), bestimmte Eiweiße im Getreide, 2014 in seinen Forschungen erstmals benannt. Und herausgefunden, dass ältere Getreidesorten wie Dinkel und Roggen grundsätzlich weniger ATIs enthalten und somit bei Weizensensitivität auf ihre Verträglichkeit getestet werden können.

„Es gibt mittlerweile allerdings eine große Gruppe in der Bevölkerung, die dem Irrglauben unterliegt, sich glutenfrei zu ernähren sei grundsätzlich gesünder“, sagt Bianca Maurer. Sie würden sich davon eine Gewichtsabnahme oder sonstige gesundheitliche Vorteile versprechen. Dabei, betont sie, seien vor allem glutenfreie Fertigprodukte oft mit viel Zucker und einfachen Kohlenhydraten hergestellt. Wer also mit keiner der drei Krankheiten beziehungsweise Unverträglichkeiten zu kämpfen habe, solle nicht auf Gluten verzichten, so die klare Linie der DZG. Zu einer grundsätzlichen Reduzierung der Kohlenhydrate rät Roland Graf allerdings ohnehin: Gemüse, Fleisch, Fisch, Obst, Milchprodukte, Eier sollten seiner Meinung nach die wesentlichen Bestandteile der Ernährung bilden, ob in einer glutenfreien oder glutenhaltigen Ernährung.

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Karte baeckereien
Auch in der Region gibt es zahlreiche Bäckereien mit glutenfreiem Sortiment.
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Die Medizin unterscheidet derzeit drei Krankheitsbilder, bei denen ein Verzicht auf Getreide ganz oder zum Teil empfohlen wird:

- Eine Zöliakie diagnostiziert man mit einem Bluttest und einer Dünndarmspiegelung. Bei einer eindeutigen Diagnose muss lebenslang eine glutenfreie Diät eingehalten werden. Die Häufigkeit in der Bevölkerung liegt bei 1:100.

- Ob jemand an einer Weizenallergie leidet, kann der Arzt an Antigenen im Blut feststellen. Dinkel wird oft auch nicht vertragen, da es dem Weizen zu ähnlich ist. Auch die Bezeichnung „glutenfrei“ ist für Weizenallergiker nicht ausschlaggebend, da diese Produkte glutenfreie Weizenstärke enthalten können.

- Die erst in jüngerer Zeit in den Fokus geratene Weizensensitivität lässt sich derzeit noch nicht nachweisen. Die Diagnose erfolgt über eine Ausschluss-Diät, bei der man auf Weizen verzichtet. Die oben genannten Krankheiten sollten allerdings zuvor ausgeschlossen werden. Die Toleranz gegenüber Weizen kann variieren, das heißt, es ist nicht immer ein kompletter Verzicht notwendig. (kawa)

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