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Der Galgen von Allensbach
Eine Multimedia-Reportage von Andrea Pauly und David Weinert

Der Galgen von Allensbach

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Bedeutende Skelettfunde am Bodensee

Das Fundament eines Galgens und die Knochen von mindestens zehn Menschen lagen jahrhundertelang unentdeckt im Erdboden zwischen Allensbach und Konstanz.

Die Überreste weisen auf äußerst grausame Hinrichtungsmethoden und eine schaurige Vergangenheit am See hin. 
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Erst war es nur der Name: "Galgenäcker" heißt die Fläche neben der B33 zwischen Allensbach und Konstanz. Dann kam eine Karte aus dem Jahr 1817 hinzu, in die ein Galgen eingezeichnet ist.

Und so nahmen die Planer des Landkreises Konstanz das Gelände genauer in Augenschein, auf dem ein Teil der neuen Umgehungsstraße entstehen soll. 

Schon nach wenigen Minuten fanden sie die Fundamente des Galgens und bald darauf menschliche Knochen.  Sie hatten eine Hinrichtungsstätte entdeckt, an der jahrhundertelang Männer und Frauen gefoltert und getötet wurden. 
 

HINWEIS:

Diese Multimedia-Reportage enthält Bilder und Beschreibungen von drastischen Gewalttaten, die nicht für Kinder geeignet sind.


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Die Archäologen und Grabungstechniker haben in unmittelbarer Nähe der Galgen-Fundamente die Überreste von mindestens zehn erwachsenen Frauen und Männern gefunden.

In einer Grube waren vier Leichen übereinander begraben.

Einige Delinquenten wurden bäuchlings und mit dem Gesicht nach unten vergraben - aus Angst vor Wiedergängern, die sich aus dem Grab erheben und die Lebenden quälen. 


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In einigen Fällen können Anthropologen schon während der Grabungen Rückschlüsse auf die Art des Todes ziehen. Sie erkennen beispielsweise, ob die Knochen der Leichen erst im Grab durch das Gewicht des Bodens brachen oder ob dies durch Foltermethoden geschah. 

Anthropologe Michael Francken vom Landesamt für Denkmalpflege (links) und sein Vorgänger im Amt Joachim Wahl erkennen etwa an Oberschenkel- und Hüftknochen bis heute, wie groß und schwer die Menschen waren, die in Allensbach am Galgen hingen.

Sie lassen im Labor auch Erde aus dem Boden unter dem Becken der Toten untersuchen. Sie gibt auch nach Jahrhunderten noch Aufschluss über den Gesundheitszustand der Delinquenten vor dem Tod. 
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Ein trapezförmiges Grundstück, der Galgen eingezeichnet: Diese Karte aus dem Jahr 1817 zeigt genau, wo der Allensbacher Galgen stand. Die Straße, die daran vorbeiführte, ist die heutige B33.

Am unteren Rand der Karte ist der Untersee zwischen der B33 und der Insel Reichenau eingezeichnet, von wo die Verurteilten über den See zur Hinrichtung gebracht wurden. 
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Das helle Gestein, das aus dem Erdboden ragt, sind die Fundamente des Galgens, an dem nachweislich vom 16. bis ins 19. Jahrhundert Todesurteile vollstreckt wurden. 

Bei der Bestattung der Toten ging es nicht um Würde: Die meisten wurden einfach verscharrt. In dem Grab unter dem Sonnenschirm sind allein vier Individuen zu unterschiedlichen Zeitpunkten übereinander und nebeneinander begraben.

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Am deutlichsten zu erkennen ist das Skelett eines Mannes, dessen Schädel abgetrennt zwischen seinen Oberschenkeln liegt. 

Ein zweiter Schädel ist zertrümmert worden - das kann nach Angaben der Anthropologen vom Landesdenkmalamt jedoch auch beim späteren Wiederöffnen des Grabes geschehen sein. 

Der Oberschenkelknochen links weist auf ein sehr großes Todesopfer hin.
Rechts ragt ein Ellbogen hervor - dort liegt noch ein weiterer Mensch unter Erde und Gestein.

Abgetrennte Köpfe waren keine Seltenheit. Bei besonders schweren Urteilen reichte den Henkern nicht einmal dieses barbarische Vorgehen...
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Kreis-Archäologe Jürgen Hald berichtet von einem besonders brutalen Vorgehen. 

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Die Grafik aus dem Video im Detail: 

Die Zeichnung aus Daniel Pfisterers "Barockes Welttheater" zeigt eine grausame Art der Hinrichtung, die nachweislich auch in Allensbach stattfand. 

Der Verurteilte wurde mit gebrochenen Knochen auf ein Rad gefädelt, nach dem Tod wurde sein Kopf aufgespießt und zur Schau gestellt.

Für die Verurteilten war das ein besonders schmerzhafter und würdeloser Tod.
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Die Arbeit der Grabungstechniker und Archäologen am Standort ist anstrengend - und akribisch. Sie knien auf Brettern und Schaumstoff über den Gruben, hocken oder liegen neben den Skeletten.

Sonnenhüte, Sonnenschirme und Wasserflaschen gehören genauso zur Arbeitsausstattung der Forscher wie Handbesen, Maßbänder, Kameras und Staubsauger.

Sie markieren mit Sprühfarbe und Zetteln Fundstellen und Erdschichten.

Damit sie die Skelette bergen können, müssen sie die Fundstätte zerstören. Deshalb ist die genaue Dokumentation von großer Bedeutung. 


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Die jahrhundertealten Skelette haben ihre letzte Ruhestätte noch nicht gefunden.

Grabungstechniker tragen zunächst die groben Steine ab, kratzen Erde von den Knochen und befreien sie dann mit Pinseln von Dreck und Staub. 

Dabei dokumentieren sie jeden noch so kleinen Fund. Neben diesem Skelett fanden sich Ösen und Haken aus Metall, die als Verschlüsse von  Kleidung dienten.

Außerdem machten die Grabungstechniker einen besonderen Fund neben dem Toten.
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Direkt neben dem Oberschenkelknochen des Toten ist ein schmaler Bogen aus Metall zu sehen - eine Hippe.

Das Werkzeug, eine Art Sichel, wurde unter anderem zum Schneiden von Reisig verwendet.

Warum der Delinquent dieses Werkzeug behalten und auch mit ins Grab nehmen durfte, ist für den Konstanzer Kreisarchäologen Jürgen Hald derzeit noch ein Rätsel.
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An der Grabungsstelle bei Allensbach kommen Aspekte zusammen, die sonst nur in wenigen Lebensbereichen aufeinandertreffen: Pietät und Pragmatismus, Wissenschaft und Grauen.

Die Grabungstechniker nutzen beispielsweise Industriestaubsauger, um die Skelette zu reinigen. 

Dabei ist den Mitarbeitern immer bewusst, dass sie mit den sterblichen Überresten von Menschen arbeiten und wie grauenhaft einige Opfer zu Tode gekommen sind. 
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Im Video erklärt Dr. Jürgen Hald, warum  die Arbeit an der einstigen Hinrichtungsstätte für sein Team und ihn eine Herausforderung ist.

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In den tieferen Bodenschichten haben die Archäologen und Grabungstechniker schwarze Stellen gefunden: Es sind Hinweise auf Grubenfeuer. In der verbrannten Erde befinden sich auch Knochenreste. 

Ob es sich um Scheiterhaufen handelte, in denen vermeintliche Hexen bei lebendigem Leib verbrannt wurden, oder ob Leichenteile eingeäschert werden sollten, wird sich erst im Labor zeigen.
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Dr. Jürgen Hald erläutert im Video die Bedeutung der Fundstelle, die auch in seiner Karriere einzigartig ist.

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Wer am Allensbacher Hinrichtungsplatz starb, erblickte vor dem Tod noch einmal die Insel Reichenau und den Teil des Bodensees, der bis heute auch Gnadensee genannt wird. 

Denn der Legende nach gab es eine letzte Chance auf Freiheit: Wenn während der Überfahrt von der Reichenau zum Hinrichtungsplatz ein Glöckchen läutete, wurde der Verurteilte begnadigt und auf dem Festland auf freien Fuß gesetzt - nach dem Schwur, die Gegend für immer zu verlassen.

Für die meisten Verurteilten blieb es jedoch bei dieser Hoffnung - sie starben am Strang, ihre Körper blieben zum Teil noch bis zu fünf Jahre am Galgen hängen und waren für die nächsten Verurteilten schon bei der Überfahrt sichtbar.
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Texte, Fotos und Umsetzung:
Andrea Pauly

Videos und Grafik:
David Weinert

Den Artikel "Die Entdeckung der Grausamkeit" aus der Schwäbischen Zeitung mit weiteren Informationen zur Hinrichtungsstätte bei Allensbach lesen Sie hier.


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Chefredakteur Dr. Hendrik Groth
Schwäbische Zeitung
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