MedienkonsumSmartphone und Kinder - Wie sollen Eltern handeln?
Interview "Smartphones sind Taschencomputer" Alexander Schmitt erklärt, worauf Eltern achten müssen
Interview "Smartphones sind Taschencomputer" Alexander Schmitt erklärt, worauf Eltern achten müssen
Herr Schmitt, ab welchem Alter können Eltern ihren Kindern beruhigt den Umgang mit einem Smartphone erlauben?
Ich finde es schwierig, sich auf ein Alter festzulegen. Laut einer wissenschaftlichen Untersuchung wird ein Alter von zwölf Jahren empfohlen. Aber grundsätzlich geht es bei dieser Frage darum, welches Verhältnis Eltern zu ihren Kindern haben. Wenn eine vernünftige Vereinbarung getroffen worden ist und eine Aufklärung über die Nutzung des Geräts stattgefunden hat, kann das schon früher sein.
Bei all den nützlichen Eigenschaften wie Erreichbarkeit im Notfall – welche Gefahren können Smartphones für Kinder bergen?
Allen Eltern muss bewusst sein, dass ihre Kinder mit einem Smartphone Zugang zum Internet haben. Das heißt: Kinder haben damit Zugriff auf pornografische Inhalte, auf Gewaltaufnahmen oder auf nicht jugendfreie Spiele. Smartphones sind Taschencomputer.
Sie sind an vielen Schulen im Landkreis unterwegs. Wie hoch ist der Druck bei den Schülern, ein Smartphone besitzen zu müssen?
Der Druck ist bei den Kindern massiv. Aber es gibt Eltern, die sich diesem Druck nicht beugen. Und siehe da: Diese Kinder werden nicht automatisch gemobbt, nur weil sie kein Smartphone besitzen. Kinder ohne Smartphone haben soziale Kontakte und sind – wenn sie dann mit 15 Jahren ein solches Gerät bekommen – technisch nicht hinterm Berg. Eine leichte Erziehungsaufgabe ist das sicherlich nicht. Ich würde sogar sagen, dass die Regulierung der Mediennutzung die größte Erziehungsaufgabe der heutigen Zeit ist. Das Problem dabei ist: Anders als bei Alkohol oder Rauchen können Eltern bei der Erziehung nicht auf das Wissen ihrer Eltern zurückgreifen.
In der Erziehung spielt auch die Vorbildfunktion eine große Rolle. Wie wichtig ist es, dass Eltern ihren Kindern einen gesunden Smartphone-Konsum vorleben?
Für Eltern und Kinder müssen nicht die gleichen Regeln bei der Smartphone-Regelung gelten. Wenn ein Erwachsener beispielsweise Bereitschaftsdienst hat, ist es in Ordnung, wenn das Smartphone auch beim Abendessen auf dem Tisch liegt. Es gibt einen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen – das muss auch für die Smartphone-Nutzung gelten.
Wo können sich Eltern informieren?
Es gibt inzwischen Angebote wie polizeifürdich.de, klicksafe.de, handysektor.de oder Youtube. Auch in Buchhandlungen sind Ratgeber erhältlich. Eltern können zudem von ihren eigenen Kindern lernen, wenn sie Interesse zeigen. Es kann schon helfen, sich von Kindern zeigen zu lassen, was sie mit ihrem Smartphone so machen. Natürlich werden Kinder nicht alles zeigen, aber jeder – auch wir – hatten in der Kindheit Geheimnisse vor unseren Eltern. Die Grenze hierbei muss man jedoch bei Straftaten ziehen. Meiner Erfahrung nach sind sich weder Kinder noch Eltern darüber bewusst, wie schnell Straftaten passieren können.
Können Sie das an einem Beispiel festmachen?
Bildrechte sind ein typisches Beispiel. Das Kunsturhebergesetz regelt, dass Bildnisse nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden dürfen. Verbreitung ist bereits das Zeigen von Fotos einer anderen Person oder das Herumschicken in Whatsapp-Gruppen. Im Strafgesetzbuch ist zudem die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs verankert. Wenn unter der Tür der Schultoilette hindurch fotografiert oder gefilmt wird, kann das polizeiliche Konsequenzen haben. Auch Bedrohung und Beleidigung von Lehrern im Netz sind keine Kavaliersdelikte.
Wenn sich Eltern entscheiden, ihren Kindern ein Smartphone zu geben, auf was ist zu achten?
Das Wichtigste ist ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind. Dieser Ratschlag mag vielleicht ausgelutscht klingen, aber es ist eben das zentrale. Dann ist es auch nicht ganz so entscheiden, ob Eltern Smartphone-Experten sind.
Es gibt den Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Sollten Eltern Spionage-Software auf den Smartphones ihrer Kinder installieren?
Ich würde dies nicht empfehlen – und schon gar nicht sollten es Eltern heimlich machen. Solche Aktionen können das Vertrauensverhältnis stark gefährden.
Einige Eltern entscheiden sich dafür, ihren Kindern zwar ein Smartphone zu geben, aber ohne Tarif mit mobilem Internet. Kann das eine Lösung sein?
Wenn Kinder abseits von Zuhause ins Internet wollen, dann schaffen sie das. Entweder ein Kind, das mobiles Internet hat, eröffnet einen Hotspot für seine Mitschüler oder die Kinder nutzen öffentliche Hotspots. Seit Aufhebung der Störerhaftung gibt es immer mehr solcher Angebote. Kinder sollten in ihrem technischen Know-How nicht unterschätzt werden. Es gibt auch Kinder, die im Darknet unterwegs sind. Anleitungen dazu finden sie mühelos im Internet.
Müssen Eltern Angst um ihre Kinder haben, wenn sie ihnen ein Smartphone geben?
Angst würde ich das nicht nennen. Eltern müssen vielmehr ein Gefahrenbewusstsein entwickeln. Beim Thema „Smartphone“ ist oft das Phänomen zu beobachten, dass sich Eltern dessen nicht bewusst sind.
UmfrageWas sagen Jugendliche zum Thema Smartphone?
Nachgefragt Eltern sind kritisch gegenüber Smartphones
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Ein komplettes Smartphone-Verbot hält Tina Wasner, Elternbeiratsvorsitzende der Mittelberg Grundschule in Biberach, für wenig sinnvoll. Ihr Sohn besucht derzeit die vierte Klasse. Ein eigenes Smartphone besitzt er zwar nicht, darf aber das seiner Mutter daheim benutzen. „Hauptsächlich schreibt er seinem Vater oder seinem Halbbruder Nachrichten. Bei längeren Autofahrten spielt er auch mal ein Spiel“, schildert Wasner. Nachfragen, ob er denn ein eigenes haben dürfte, habe es bereits gegeben. Aber: „Ein eigenes Smartphone bekommt er frühestens ab der sechsten Klasse.“
Jan Sandel, stellvertretender Elternbeiratsvorsitzender der Grund- und Werkrealschule am Bischof-Sproll-Bildungszentrum, verzichtet auf ein Smartphone im Alltag: „Ich bin über Festnetz und E-Mail ausreichend erreichbar.“ Aus seiner Sicht überwiegen die Gefahren der Smartphone-Nutzung die Vorteile wie Erreichbarkeit im Notfall. „Unser Sohn, der die zweite Klasse besucht, hat kein Smartphone. Unsere Tochter, sie geht in die vierte Klasse, besitzt ein herkömmliches Tasten-Handy“, sagt Sandel. Seine Tochter sei bereits aufgezogen worden, weil sie kein Smartphone besitzt. Er sagt: „Der Gruppendruck ist hoch. Das halte ich für sehr problematisch.“
Unterstützung für Schulen Biberacher "Maus"-Projekt erobert Luxemburg Kreismedienzentrum klärt seit 2011 über Medienkonsum auf
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Ansprechpartner vor Ort
Vor- und Nachteile bei der Nutzung des Internets sowie des Smartphones aufzeigen, Entstehung und Auswirkungen von Cybermobbing erklären, Ansprechpartner und Hilfestellung geben – das sind laut dem Leiter des KMZs, Magnus Koch, die Hauptziele des Medienpräventionsprojekts: „Uns geht es dabei nicht darum, das Internet zu verteufeln. Wir wollen über einen verantwortungsvollen Umgang aufklären.“ Hauptunterschied zu Informationsveranstaltungen sei, dass das „Maus“-Projekt in den Schulen fest verankert sei und auf Peer-Coaching setze.
So funktioniert das Peer-Coaching
Die KMZ-Mitarbeiter leiten Lehrer und Sozialarbeiter an, diese geben das Wissen dann an ausgewählte Schüler der Klassenstufen acht und neun weiter. Die 14- bis 16-Jährigen gehen anschließend in die Klassen fünf und sechs, um mit den Jüngeren über die Mediennutzung zu sprechen. „Ein Lehrer ist in dieser Zeit nicht dabei. Ansonsten würde das ganze Projekt zerfallen“, sagt Koch. Denn Schüler redeten untereinander offener über Probleme. Auf diese Weise werden pro Jahr etwa 2500 Schüler im Landkreis über die Gefahren des Medienkonsums aufgeklärt. Fester Bestandteil dabei ist auch die Polizei mit ihrem Präventionsangebot. Inhaltlich betreut wird das „Maus“-Projekt vom Medienpädagogischen Berater am KMZ, Hermann Schnirring.
Export nach Luxemburg
„Das ,Maus’-Projekt hat sich im Landkreis etabliert“, freut sich der KMZ-Leiter. Anfragen gebe es aus anderen Kreisen, wie Heidenheim, Sigmaringen oder Ravensburg. Auch das Ausland zeigt Interesse. Bei einem Lehrerkongress in Athen kam Koch mit einer Kollegin aus Luxemburg ins Gespräch.
Anpassung fürs Ausland
Vergangene Woche ist das Biberacher „Maus“-Projekt an der luxemburgischen Schule Lycée de Garçons gestartet. „Wir mussten dafür das Konzept etwas anpassen“, erläutert Koch. Denn in Luxemburg besuchen die Schüler bis einschließlich Klasse sechs die Grundschule. Erst danach steht der Wechsel auf eine weiterführende Schule an. Deshalb werden in Luxemburg die Zehnt- und Elftklässler als sogenannte Medienagenten ausgebildet, die dann mit den Schülern der Klasse sieben und acht beziehungsweise der Klasse fünf und sechs über die Mediennutzung sprechen.
Projekt wird zum Selbstläufer
Da immer mehr Schüler, Lehrer und Sozialarbeiter mit den „Maus“-Inhalten Erfahrung haben, entwickle sich das Projekt zu einem Art Selbstläufer, so Koch. Dennoch begleiteten die KMZ-Mitarbeiter das Projekt weiterhin eng, weil die Inhalte ständig angepasst werden müssen. So spielten zum Start des Pilotversuchs soziale Netzwerke wie Instagram oder Snapchat keine Rolle. Heute ist das anders. Damit Lehrer und Schüler auf dem aktuellen Stand der Technik bleiben, lädt sich das KMZ einmal jährlich Experten aus der Medienbranche ein: „So entwickelt sich das ,Maus’-Projekt immer weiter.“
Impressum
Daniel Häfele
Texte:
Daniel Häfele
Bilder/Video:
Daniel Häfele, Colourbox, dpa, Polizeipräsidium Ulm
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